Aber sie war doch da

Tagediebe und Drückeberger Norbert Zähringers Berlin-Roman "So" handelt von der verschwundenen Arbeit

Woran arbeiten Sie gerade? Diese berüchtigte Frage an die Autoren wird peinlich, reicht man sie an ihre Figuren weiter. Ja, woran, außer an sich selbst, ihren Beziehungsproblemen und der Behelligung ihrer Umwelt arbeiten eigentlich die Figuren der jüngsten deutschen Literatur? Genauer: Was arbeiten sie? Nichts. Durchweg scheinen sie einem zwischen Studentischem, Rentiersdasein oder Sozialhilfe diffus changierenden Milieu anzugehören, müssen nichts im Kopf haben außer sich selbst und wo sie gerade unterwegs und in wessen Bett sie sind. Wenn ihnen irgend ein Beruf anhängt, dann erfährt man davon so gut wie nichts. Sind sie zum Beispiel Geisteswissenschaftler, wie in den Romanen von Jörg Sauer, dann sind sie die Faulpelze und Hochstapler, die jene ja bekanntlich sind. Bei Sven Regener arbeitet Herr Lehmann wenigstens in der Kneipe, was den Vorteil hat, dass da Tisch und Bett ohnehin ziemlich dicht am Tresen stehen. Aber vielleicht ist es auch einfach so, dass heutzutage eigentlich niemand außer den Autoren so recht mehr Arbeit hat. Nein - da sind zumindest noch die Banker und ihre Angestellten. Georg M. Oswald hat in Alles was zählt die schöne neue Arbeitswelt wohlig gruselnd vorgeführt, eine Dreigroschenoper im Zeitalter des Homebanking, die Spiegelwelt von Börsen- und Sonnenbank.

So. Und nun - darauf soll es natürlich hinauslaufen - das Lob von Norbert Zähringer. So - so lautet der mutmaßlich kürzeste Romantitel des letzten Jahres. Darunter verbirgt sich auf knapp vierhundert Seiten eine fulminante tour de force durch unsere Arbeitswelt und Arbeit an der Welt. Oder wie die Welt um und unter uns arbeitet. Was heißt, dass die Menschen darin leicht verschwinden. Und tatsächlich verschwindet gleich in den ersten Zeilen ein Herr mit dem prägnanten Namen Schulz beim Zigarettenholen, worauf noch viele verschwinden, untertauchen, verloren gehen, bis schließlich ganz am Ende auch der Held namens Gummer - einer, bei dem es zum K nicht gereicht und der nun etwas von Gummi hat - in der Menge verschwindet, beobachtet vom offenen Glasauge des schlafenden Pförtners, der uns die ganze Geschichte erzählt. Und mindest so skurril wie diese Erzählerkonstruktion sind die Figuren und Situationen, mit denen der Roman noch und noch aufwartet. Fast alle sind sie Käuze und Tagediebe, Verlierer und Drückeberger. Kneipenwirte und -gänger, falsche Gräfinnen, Scheidungsanwältinnen, Wehrmachtsmajore, Ex-Terroristen namens Guevara und abgewickelte Maschinenwärter - und eben Bankleute. Keiner also, der einem seriösen Beruf nachginge. Und doch ist dies ein ernstzunehmendes Buch über die Arbeit. Über die Arbeit, die mal eben ausgegangen ist und einfach nicht wiederkommt. Und über die Mühe, die es macht, keine Arbeit zu haben, sich zu beschäftigen, sich Arbeit zu beschaffen oder sie wenigstens zu simulieren. Es ist das Leben von Menschen, die auf die falsche Seite der Mattscheibe geraten sind, nämlich draußen vor, statt dahinter wo es nur schöne Menschen, schöne Autos, schöne Hunde gibt. Denn die "hatten alle Arbeit und trotzdem immer frei".

Diesseits hingegen ist zum Beispiel Gummer, der unversehens Filialleiter in einem Bankcontainer wird, den man aufs Grundstück einer abgewickelten Glühlampenfabrik im Osten der Stadt gesetzt hat. (Man darf ruhig an Narva und Berlin denken). Dort gibt es so gut wie keine Kundschaft. Und weil er sich nicht ständig langweilen will, erfindet sich Gummer seine Kunden. Schon beginnt das Geschäft zu florieren. Bald wird es für ihn zur ebenso harten Arbeit, die Kunden und ihre Transaktionen im Griff zu behalten, wie für den Romancier die Führung der Figuren und ihrer Handlungen. Zugleich entsteht in Rückblenden und Seitensprüngen nach und nach ein lebendig und spannend geschildertes Panorama der todlangweiligen Welt der Arbeit am alles bewegenden Fiktiven, am Kapital. Eine Welt der Intrige und Vortäuschung, Hochstapelei und Überwachung, Tyrannei und Mißachtung. "Man stolpert aus einem Büro heraus und fällt in das nächste hinein. Es gibt kein Entkommen." Unterdes und unter dem wühlt Willy Bein. Er war einst Herr der Maschinen in der abgewickelten Fabrik, der sich immer wieder fragt, warum sie nichts mehr wert sein sollte: "Sie war doch da!" Aber die Arbeit bleibt verschwunden. So wird Willy zum Maulwurf der Geschichte, indem er sich zum Container vorgräbt und dabei auf die Spuren der Vergangenheit stößt. Was so bleibt, statt der Menschen, sind die Dinge. Wie die Drei-Peso-Münze, die an den verschiedensten Stellen immer wieder auftaucht. Und eben die Erinnerungsbrocken der Geschichte, die aus der Vergangenheit die verflochtenen Stories der Gegenwart immer wieder stauen. Was vor allem aber bleibt und sich ständig weiterbewegt, das sind die Wünsche und Hoffnungen, Phantasien und Tagträume der Menschen, ist das wahrhaft Untergründige, das wühlende Begehren - unablässig eingeblendet in den Roman, der selbst eine Kette von Tagträumen scheint. Short Cuts, verknüpft in der Manier von Wolfgang Koeppens Tauben im Gras.

Der Roman zeigt in einer geradezu Überfülle an Einfällen und Figuren, in der ganzen Palette von witzig, kalauernd, pfiffig bis sentimental und melancholisch, eine Stadt-Welt nomadischer Existenzen in Containern, Bruchbuden, Stapelwaben, Tunnels und Ruinen, eine Mixtur aus Selbstausbeutung und Überwachung, Strampeln und Kalkül, sich selbst beständig optimierend - ins Ungefähre und Heillose. Und das alles doch nicht ohne Zuneigung und Hoffnung für sie. Je weniger als sinnvoll gewohnte Arbeit da ist, desto weniger Sinn scheint die verbliebene oder sie ersetzende, desto mehr aber Mühe zu machen. Zähringer hat sich jedenfalls mit dem Roman darüber viel Arbeit gemacht. Und die ist auch gut: So.

Norbert Zähringer: So. Roman. Alexander Fest Verlag, Berlin 2001, 396 S.,22,90 EUR

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00:00 25.01.2002

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