Abflug ins Traumland

Selbstversuch Angehörige der Flughafen-Schläfer-Szene verschmähen Hotels. Sie übernachten lieber in Wartehallen

Freitag, 17.00 Uhr: Bisher weiß noch niemand, was ich vorhabe.

17.10 Uhr: Jetzt schon, ich habe es einer Freundin erzählt: „Ich schlafe heute Nacht im Münchner Flughafen!“ Auf der Internetseite sleepinginairports.com bewerten Reisende Flughäfen danach, wie gut es sich dort übernachten lässt. Die Kanadierin Donna McSherry gründete das Portal, nachdem ihr auf einer ihrer Rucksackreisen das Geld ausgegangen war und sie schließlich statt im Hotel auf dem Flughafen übernachtete. Der Tipp hat sich durchgesetzt: Inzwischen schlafen Reisende nicht nur zwangsweise auf dem Flughafen, sondern steuern die Abflughallen ganz gezielt an – sei es um Geld zu sparen oder weil sie sich im Internet mit anderen Flughafenschläfern verabredet haben. Mittlerweile sind auf der Seite mehr als 5.500 Bewertungen von Flughäfen, Bus- und Bahnstationen zu finden. Ich frage mich: Ist das wirklich so ein Spaß?

18.00 Uhr: Ich klicke das letzte Mal auf die Internetseite. Singapur sei top, Paris ein Flop. München erreicht 3,9 von 5 möglichen Punkten. Internetnutzer „Misty Knight“ erzählt, dass er am Münchner Flughafen fast beklaut wurde. Immerhin hat er auch einen Tipp: „In Terminal 2 stoppen die Durchsagen“.

18.45 Uhr: Ich google, ob es erlaubt ist, am Flughafen zu übernachten. Antwort: Wenn man ein Ticket oder einen triftigen Grund hat, darf man bleiben. Ich lege mir eine Ausrede zurecht: „Ich hole meinen Freund ab, der mit der ersten Maschine aus Schanghai landet.“

19.14 Uhr: Ich bekomme eine Mail von meiner Freundin. Sie schickt mir einen Link zur Inhaltsbeschreibung des Films „Terminal“. Darin spielt Tom Hanks einen Mann, der auf dem New Yorker Flughafen festsitzt. Im Mail-Anhang findet sich ein Artikel über eine Deutsche, die dauerhaft auf dem Flughafen Mallorca lebt. Eigentlich sind Flughäfen ja Orte des Übergangs. Sie sind für Menschen gemacht, die kommen, um wieder zu gehen. Was aber passiert, wenn jemand diese Orte anders benutzt?

20.30 Uhr: Ich packe meinen Koffer: ein Kissen, einen Roman, eine Flasche Wasser, Geld, meinen Ausweis, mein Handy.

21.37 Uhr: Ankunft am Flughafen. Ich gehe direkt in die Abflughalle von Terminal 2. Frisör, Zeitschriftenkiosk, Kleidergeschäfte: schon zu. Döner-Imbiss, Serviceschalter: noch geöffnet. Ab ein Uhr geht nichts mehr, dann schließt auch das Spielkasino. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich Ruhe oder 24-Stunden-Betrieb besser finde. Auf jeden Fall irritiert es mich, keine Aufgabe zu haben. Ich beneide die Wartenden darum, dass sie warten und die Sicherheitsleute, dass sie für Sicherheit sorgen.

22.15 Uhr: Ich gehe nun zum dritten Mal das T-förmigen Terminal ab und begegne zwei Mal denselben Polizisten.

22.45 Uhr: Im Dönerimbiss hängt ein Mitarbeiter den Spieß ab.

23.25 Uhr: Die letzte Maschine aus Frankfurt landet mit leichter Verspätung. Mein Gehirn filtert die Szenen so, dass ich mich noch einsamer fühle: Im 30-Sekunden-Takt fallen sich Paare in die Arme, ein älterer Herr spielt seiner Frau zur Begrüßung eine russische Volksweise vor, ein Sohn gratuliert seinem Vater zum Geburtstag: „Glückwunsch, alter Mann!“

23.45 Uhr: In 15 Minuten schließt Burger King. Ich hole mir einen letzten Kaffee.

00.00 Uhr: Geisterstunde, Schlafenszeit, aber nicht auf dem Flughafen. Aus der Gaststätte „Airbräu“ schallt Gelächterund noch sind nicht alle Reisenden abgeholt. Das nervt, denn ich bin müde. Wenn ich einschliefe, wäre mir wenigstens nicht mehr langweilig.

00.10 Uhr: Auf dem Weg zur Toilette entdecke ich vier Rucksackreisende, die eine Bank belagern. Meine Mitschläfer? Doch als ich wieder aus dem Waschraum (mein Testurteil: sauber, aber die Duschen sind abgeschlossen) komme, sind sie weg. Ich denke: Selbst die Zielgruppe von www.sleepinginairports.com schläft heute bestimmt in einem richtigen Bett!Ich richte mich auf einer Sitzbank ein, zwischen leeren Bechern und zerfledderten Zeitungen. Hier war mal Leben. Nach 20 Buchseiten merke ich, wie das Terminal langsam ausstirbt: Die Durchsagen verklingen, die letzten Gepäckwagen rollen vorbei, die Rolltreppen quietschen immer noch.

1.00 Uhr: Jetzt muss das Kasino zu sein. Ich fühle mich wie der letzte Mensch auf der Welt. Als ich mich auf eine Bank mit drei Holzsitzen lege, kommt ein Wachmann vorbei. Ich schlage die Beine übereinander und richte mich wieder auf. Warum? Reflex! Aber er beachtet mich nicht.

1.07 Uhr: Ich liege auf meiner mit dem Kissen ausgestopften Tasche, auf der Seite, die Beine angezogen. Die Übergänge zwischen den Sitzen stechen in die Hüfte. Wechsel in die Rückenlage, Beine hängen über. Meine Augenlider kämpfen gegen das Neonlicht, von unten gibt der Marmorboden Kälte ab. Und ich fühle mich beobachtet, blinzele. Ich reiße panisch die Augen auf: Ein kleiner Junge steht neben mir. Die Mutter kommt hinterher und bittet mich um ein Handy, sie will einen Bekannten anrufen. Sie habe den Anschlussflug verpasst. Und: „Am Flughafen schlafen will ja nun niemand!“

1.20 Uhr: Ich versuche wieder zu schlafen. 1.23 Uhr: Ich wechsele ins Terminal 1 und entdecke vier Schlafende, bei denen ich mir Tricks abschaue. Zwei Mädchen benutzen ihre Rucksäcke als Sichtschutz. Ein Mann lehnt in einer dunklen Ecke an einer Wand, die Mütze ins Gesicht gezogen. Eine Frau liegt auf einer Bank ohne Lücken zwischen den Sitzen.

1.40 Uhr: Eine solche Bank steht auch gleich um die Ecke vom Serviceschalter, der rund um die Uhr geöffnet ist. Hier fühle ich mich sicherer, kann mich ganz ausstrecken. Und: Es ist wärmer.

1.50 Uhr: Ich schlafe wie ein Hund in Lauerstellung, mit immer wieder aufblinzelnden Augen und bilde mir ein, dass ich Geruch und Form der Bank übernehme. Mein Körper ist schlaff, mein Geist aber wach.

4.00 Uhr: Ich schaue, um wieviel Uhr eine S-Bahn in die Innenstadt fährt. Ab fünf Uhr beginnt der Flugverkehr. Dann ist die Ruhe vorbei.

4.22 Uhr: Bevor ich in die Bahn steige, lese ich am Bahnsteig ein Plakat: „Ihr Bett im Herz von München. Nur 35 Minuten von hier. 10 Euro.“ Das muss ins Internet!


Zehn Tipps, wie es sich komfortabel am Flughafen übernachten lässt


1. Habe immer einen Plan B.
2. Denke an das „Flughafen Survival Kit“ mit Ohrstöpsel, Schlafbrille, Lektüre, Essen.
3. Bring etwas mit, worauf Du schlafen kannst: Kissen oder Luftmatratze.
4. Gehe früh zum Flughafen, um Dir einen guten Schlafplatz zu sichern.
5. Die Ankunftshallen sind meistens besser zum Schlafen geeignet als die Abflughallen.
6. Suche Dir eine Beschäftigung, du kannst zum Beispiel Fotos vom Flughafen machen.
7. Verhalte Dich unschuldig und hilflos, damit niemand denkt, Du hast den Aufenthalt geplant.
8. Gemeinsam Übernachten ist besser als alleine.
9. Zieh Dich nach dem Zwiebelprinzip an.
10. Zettel mit Weckzeit am Körper befestigen.

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14:00 19.02.2009

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