Ästhetik und Moral

Literaturstreit Antwort auf Ulrich Greiners Aufsatz „Die deutsche Gesinnungsästhetik“ in der „Zeit“ vom 2.11.1990
Jörg Magenau | Ausgabe 45/2015

Was im Frühsommer als „Christa-Wolf-Debatte“ durch die Feuilletons rauschte, ist mittlerweile zum „deutschen Literaturstreit“ avanciert. Jetzt geht es nicht mehr um die, die versuchten, im SED-Staat schreibend Einfluss zu nehmen, ohne ihr Ideal eines demokratischen, humanen Sozialismus aufzugeben. Jetzt ist der Ring freigegeben für die Abrechnung mit der engagierten Literatur der Bundesrepublik.

Was sich da abspielt, ist kein Gelehrtenstreit, sondern Weichenstellung für die Literatur im zukünftigen Deutschland. Mit der deutschen Teilung, so ist es landauf, landab zu hören, ist die Nachkriegszeit zu Ende gegangen. Die Deutschen betrachten sich wieder als ganz normales Volk, das seine Vergangenheitshypothek endlich abschütteln darf. Und auch die Literatur soll aus dem „Schatten von Auschwitz“ heraustreten, der so schwer auf ihr lastete. Man darf wieder – ohne schlechtes Gewissen Naturlyrik verfassen. Man darf sich wieder der „Selbständigkeit des Schönen“ widmen oder wie Ulrich Greiner das in der Zeit vom 2.11. getan hat die engagierte Literatur der Bundesrepublik mit dem Schlagwort „Gesinnungsästhetik“ niederknüppeln.

Was ist „Gesinnungsästhetik“? Greiner: „In der Gesinnungsästhetik sind Werk und Person und Moral untrennbar. Der Text ist der moralische Selbstentwurf des Autors. Und der Autor ist identisch mit seiner moralischen Absicht. Diese Moral beruft sich auf Humanität und Universalität. Wer also das Werk Christa Wolfs kritisiert, der kritisiert ihre Moral und macht sich damit der Inhumanität schuldig. So einfach ist das.“ So einfach ist das eben nicht. Denn an Christa Wolf wurde keineswegs nur ihre Erzählung „Was bleibt?“ kritisiert, sondern sie selbst wurde als Person moralisch demontiert und als „autoritärer Charakter“ (Frank Schirrmacher in der FAZ) entlarvt. Mit Literaturkritik hatte das wenig zu tun.

„Gesinnung“ ist ein diskreditierter Begriff, der nach Parteidisziplin und Dogmatismus riecht. „In Deutschland wechselt man das Hemd, nicht die Gesinnung“, klagt Greiner, als hätte es nie eine Zeit gegeben, in der alle Nazis über Nacht zu braven Demokraten wurden. In der Folge hat man sich in der Bundesrepublik angewöhnt, allenfalls Meinungen zuzulassen, denn die sind unverbindlich und schön konsequenzlos. „Gesinnungen“, oder besseres Wort feste Standpunkte, von denen aus gedacht und auch gehandelt wird, verstießen gegen den öffentlichen Konsens, sich auf konsequenzloses „Meinen“ zu beschränken.

Anders in der DDR. Dort wurde nach 1945 lediglich die eine offizielle „Gesinnung“ durch eine andere ersetzt. Und erst 45 Jahre später ist mit dem Zerbrechen des Realsozialismus das auf offizieller Gesinnung aufbauende Staatsmodell überwunden. Darin liegt das befreiende Moment für die Gesellschaft der DDR.

Aber dieses Scheitern und die Krise damit verbundener linker Positionen wird nun genutzt, um mit all denen abzurechnen, die in Westdeutschland gegen den Konsens des bloßen „Meinens“ verstoßen haben. Linke Intellektuelle, die ihre Standpunkte von gestern nicht völlig verlassen, werden da nur noch als bedauernswerte oder ärgerliche Geschöpfe betrachtet, die im „Zug nach Potjemkinsk“ (Greiner) sitzen, nicht in dem nach Deutschland.

Aber zurück zur Literatur, denn um die soll es gehen und um den Zusammenhang von Ästhetik und Moral. Greiner schreibt keineswegs, wie man vermuten könnte, gegen irgendwelche Parteilyriker und Agit-Prop-Literatur in der Folge von ’68 an. Er stößt vielmehr in das Herz der „Produktionsstätte der westdeutschen Identität“ (Schirrmacher) vor und sucht sich seine „gesinnungsästhetischen“ Gegner im Umkreis der Gruppe 47: Grass, Böll, Walser, Lenz, Fried, Andersch, Enzensberger, Kipphardt, Weiss. Diese Literatur habe „von Anfang an unter einer moralischen Überlastung“ gelitten, die sie nicht abwerfen durfte. Sie musste die unterbliebene Auseinandersetzung mit denen, „die Auschwitz möglich gemacht haben“ führen und „halste sich damit ein humanitäres und politisches Debet auf, von dem die ästhetischen Zinsen, die zum Beispiel jemand wie Grass: erwirtschaftet hatte, aufgezehrt wurden“.

Was Greiner hier „politisches Debet“ nennt, weitet er in der Folge zur „Verpflichtung (der Kunst) auf die bürgerliche Moral, auf den Klassenstandpunkt, auf humanitäre Ziele oder neuerdings auf die ökologische Apokalypse“ aus, die der Kunst „ihr Eigenes“ raube. lm Fall der Gruppe 47 besteht das „politische Debet“ jedoch in nicht mehr als der Selbstverpflichtung der Literatur, die Erinnerung an die faschistische deutsche Vergangenheit zu bewahren.

Schon in der griechischen Mythologie erschien Mnemosyne, die Erinnerung, als Mutter der Künste. Die deutsche Literatur der Nachkriegszeit machte sich Erinnerung wie kaum eine andere Literatur zur Aufgabe und erzielte darin ihr moralisches surplus. Moral verstand sie nicht im Sinne „direkter politischer Handlungsanweisung“, Moral erwuchs ihr aus der Haltung des Erinnerns inmitten und gegen eine restaurativ eingestellte Öffentlichkeit.

Über ihre ästhetische Qualität ist damit noch gar nichts gesagt, auch wenn große Literatur von Goethe bis Thomas Mann sich durch ein humanitäres oder moralisches surplus auszeichnet. Ohne dieses steht sie immer in Gefahr, zu belanglosem Geschwätz zu verkommen. Greiner jedoch macht der bundesdeutschen Literatur schon ihre erinnernde Haltung, ihre „Gesinnung“, zum Vorwurf. Allzu sehr habe sie sich in beiden deutschen Hälften mit „außerliterarischen Themen“ abgegeben, „mit dem Kampf gegen Restauration, Faschismus, Klerikalismus, Stalinismus et cetera“. Wie das? Ist demnach die Welt zu unterteilen in literarische und außerliterarische Gegenstände? Gibt es Themen, vor denen Literatur grundsätzlich versagt? Ist Peter Weiss' „Ästhetik des Widerstands“ also schlechte Literatur oder vielleicht gar keine? Hätte Jurek Becker seinen „Jakob, der Lügner“ besser nicht schreiben sollen und sich anstatt mit dem Leben im Ghetto lieber mit einem „literarischen Thema“ beschäftigt? lst Boccaccios „Decamerone“ vielleicht Schund, weil die Pfaffen darin gar nicht gut wegkommen?

Offensichtlich ist die Rede von den „außerliterarischen Themen“ Nonsens. Es bringt grundsätzlich gar nichts, Moral und Ästhetik gegeneinander auszuspielen, wie Greiner das ständig tut. Zwar kann man zur Ansicht gelangen, dass in den vergangenen 40 Jahren in Deutschland nur literarischer Bockmist produziert wurde, dann wäre das allerdings ästhetisch zu begründen. Lediglich an der moralischen Haltung der AutorInnen herumzudeuteln oder auf „außerliterarisches“ Engagement zu verweisen, reicht jedenfalls nicht aus.

Aber in diesem „deutschen Literaturstreit“ geht es auch gar nicht um ästhetische Urteile, auch wenn der Angriff unter der Fahne der reinen Ästhetik vorgetragen wird. Es geht vielmehr darum, die Literatur zu diskreditieren, die moralische Haltungen vertritt und politisch Position bezieht, die, wie Greiner es nennt, „moralische Absichten“ verfolgt. Die zukünftige Literatur soll absichtslos sein – und in diesem Sinne unpolitisch und unmoralisch. Vielleicht wäre „Ästhetik des Absichtslosen“ ein adäquater Gegenbegriff zur „Gesinnungsästhetik“, wollte man sich auf dieses Niveau der Begriffsbildung einlassen.

Tatsachlich scheint mir die (west)-deutsche Literatur bereits seit etlichen Jahren eher von einer „Ästhetik des Absichtslosen“ geprägt denn von „Gesinnungsästhetik“. Der Rückzug der westdeutschen Literaten aus dem Engagement und der Selbstverpflichtung auf Erinnerung setzt nicht erst mit der Vereinigung der beiden Deutschländer ein, sondern ist bereits ein seit vielen Jahren vor sich gehender Prozess. Der Zustand der Literatur in dieser Zeit, geprägt etwa von Handkeschen Versuchen, Fingerübungen der Kunstfertigkeit, ist nicht dazu angetan, den Status quo über Gebühr zu verlängern.

Nicht weniger, sondern mehr Engagement ist der neuen deutschen Literatur zu wünschen, soll sie nicht in intellektueller Langeweile ersticken. Eine Literatur ist gefragt, die sich nicht damit begnügt, vergnügliche Ornamente abzuliefern. Eine Literatur, die Position bezieht und in die öffentliche Debatte eingreift. Eine Literatur, über deren Inhalte sich ebenso streiten lässt wie über ihre künstlerische Form. Und eine Literaturkritik, die nicht ständig Moral und Ästhetik verwechselt und gegeneinander ausspielt.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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