Alarm im Freiraum

Connewitz Der Stadtteil war immer der Hort der linksalternativen Leipziger Szene. Wie geht es dort nach den Überfällen der Rechtsradikalen weiter? Ein Lagebericht
Tobias Prüwer | Ausgabe 03/2016 6

Neben dem Punker-Schlumpf steht „Aus Liebe zum Kiez“ geschrieben. Das Graffitto ziert eine der Holzplatten, die vor die zerschlagenen Schaufenster des Takatiki geschraubt sind. „Die Nazis wollten einen Riss in unsere Gemeinschaft hauen“, sagt Sarah P.*, Inhaberin des Piercing- und Tattoostudios, beim Besuch am Freitagnachmittag in Leipzig-Connewitz. Kopfgroße Steinbrocken hatten die Angreifer in ihren Laden geschleudert. „Die meinten uns alle“, sagt die gelernte Tischlerin, die die Inneneinrichtung ihres Studios in großen Teilen selbst gebaut hat. Vor 14 Jahren zog die um die 40-Jährige mit den auffälligen Lippenringen vom Niederrhein über München ins Viertel. Sie hatte oft Freunde hier besucht und es schätzen gelernt. „So ein Stückchen Freiheit und Lebensqualität findet man nirgendwo in Deutschland. Ich mag die Do-it-yourself-Haltung hier.“ Der Anschlag sei ein Schock gewesen, „aber die Unterstützung ist riesengroß“, sagt Sarah P., die danach auf ihrer Facebook-Seite aufgerufen hatte, den Bretterverschlag vor ihrem Studio zu verschönern.

Wenn man in diesen Tagen durch die Wolfgang-Heinze-Straße geht, sind auf 100 Metern kaum heile Fenster zu finden. Ob Juwelier oder Waschsalon, Ballettbedarf, Bäcker oder Gardinengeschäft – sie alle hat es neben alternativen Kneipen und dem Fantreff des linken Fußballclubs Roter Stern erwischt. Eine Wohnung wurde mit Pyrotechnik in Brand gesetzt, Autos wurden beschädigt, als etwa 250 Neonazis am Abend des 11. Januar ihre Gewalt gegen das gesamte Viertel richteten. Eine geplante Aktion, die Täter reisten aus der ganzen Republik an. Die Polizei konnte 211 Personen stellen. Der Anschlag galt einer Lebensart: Die Straße ist eine Hauptschlagader des alternativen Szenekiezes, eines beinahe mythischen „roten Reviers“.

Schon früher lieferten sich Linke Kämpfe mit rechten Angreifern, die sangen „in Connewitz, da hat’s geblitzt“. Der Ruf vom „Viertel vogelfrei“ entsprang der Suche von Menschen nach Freiraum und der Verteidigung selbstbestimmter Lebensformen gegen Rechtsradikale und auch die Staatsmacht in Nachwendezeiten. Gerade in den frühen 90ern mussten rechte Angriffe abgewehrt werden, während die Polizei sich nicht zeigte. In den 90er Jahren entstanden Wohnprojekte, Häuser wurden besetzt, linke Kneipen und Veranstaltungsorte geschaffen und behauptet. Mit diesem alternativen Charme wirbt das Leipziger Stadtmarketing längst um Touristen.

Viertel vogelfrei

Wer verstehen will, was Leipzig-Connewitz ausmacht, muss zurück in die Wendezeit. Verfallene, leer stehende Häuser und Punks, Studenten, Künstler, Freaks, Idealisten, die diese Häuser besetzten. Gleichzeitig wuchs eine Neonazi-Szene, die das verhindern wollte.

Nachdem 1992 eine Polizeibeamtin einen Hausbesetzer bei einer Rangelei angeschossen hatte, radikalisierte sich die linksautonome Szene.„Leipzigs Anarcho-Refugium“ nannte der Spiegel 1995 die Gegend. Für die Rechten sei das Viertel, etwa drei Kilometer südlich des Leipziger Stadtzentrums gelegen, zum Hassobjekt geworden, sagt der Autor und promovierte Historiker Sascha Lange. Brandanschläge gehören fast zum Alltag. Die Ereignisse vom 11. Januar 2016, als 250 Rechtsradikale in Connewitz randalierten, seien allerdings der „verheerendste Nazi-Überfall in Leipzig seit dem 9. November 1938“, sagt Lange, der sich in seiner Doktorarbeit mit Jugend-kultur und Opposition im Nationalsozialismus beschäf-tigt hat. Schon in den frühen 90er Jahren habe es teilweise wöchentlich Angriffe von Rechtsradikalen auf Wohngemeinschaften und besetzte Häuser in Leipzig gegeben, vor allem in Connewitz. „Doch keiner war derart im Stil der SA geplant und durchgeführt worden wie der Überfall am 11. Januar auf Geschäfte, Kneipen und Wohnhäuser in der Wolfgang-Heinze-Straße.“

Connewitz, im 7. Jahrhundert von sorbischen Siedlern gegründet und später ein-gemeindet, ist seit der Wiedervereinigung auch Sanierungsgebiet. Viele der ehemaligen Abrisshäuser tragen weiße Fassaden. Die Wut über die Gentrifizierung ist nach dem 11. Januar aber erst mal zweitrangig. Maxi Leinkauf

Das Quartier liegt genau an der Grenze zwischen City und Stadtrand, es ist eines der größten Leipziger Viertel, sogar Teile des Auwalds gehören dazu. 18.000 Menschen leben hier. Meist wird Connewitz aber als Synonym für ein kleineres Areal verwendet. Kurz hinter dem Einfallstor in das Quartier gabelt sich die Karl-Liebknecht-Straße am Connewitzer Kreuz mit einer markanten Weichbildsäule in die beiden Hauptachsen Bornaische Straße und Wolfgang-Heinze-Straße auf, die nach Süden gehen. Am Kreuz steht auf der Mauer des Streetballplatzes in roten Lettern: „Antifa Area“. Gleich daneben verströmt der Backsteinbau der Kulturfabrik Werk II postindustrielle Eleganz. Vor dem Rewe-Zweckbau gegenüber bitten Punks um Trinkspenden. Zwischen den gleichen Schenkeln der Hauptachsen und an deren Rändern sprießen wurzelartig kleine Straßenzüge, in denen thronen stattliche Gründerzeitbauten, niedrige Gebäude, Hinterhöfe, Brachen. Neben einem der letzten besetzten Häuser Leipzigs kommen einem Seniorenresidenz und Polizeiwache seltsam fehl am Platz vor. Ins Auge sticht die extreme Graffitidichte. Aber was ist es, das dieses Connewitz so einzigartig macht?

„Man kann einfach sein“, beschreibt Schwarwel das Gefühl. Der Comiczeichner – der lange Jahre als Art Director für Die Ärzte tätig war – ist an diesem Tag zu Sarah P. Geschäft gekommen, um sich neben seine hybride Schweinevogel-Figur ein „Hossa für Vielfalt!“-Tattoo setzen zu lassen. „Man kann hier so leben, wie man will. Ich habe mich nirgends freier gefühlt, ernte keine Blicke wie: ‚Mit dir stimmt was nicht.‘“ Trotz seines komplett tätowierten linken Arms fällt der gebürtige Leipziger Jahrgang 1968 hier in der Gegend kaum auf. Großflächige Tätowierungen gehören in Connewitz zum Stadtbild.

Die Katze

Unruhe kommt vor dem Laden auf, ein paar Nazis seien in der Bornaischen Straße gesehen worden, sagt jemand. „Da muss ich nachschauen“, meint Schwarwel, zieht seine Jacke über das Motiv einer einäugigen, grünen Comic-Katze und läuft los.

Mit seiner Grafikfirma Glücklicher Montag sitzt er direkt am Connewitzer Kreuz. Schwarwel zeichnete gerade an seinem animierten Leipzig-Film, als es draußen knallte. Hat er sich bedroht gefühlt? „Ich lasse mich in meinem Leben nicht einschränken, egal ob ich Düsengang habe. Das wollen die Nazis doch“, sagt er, als er kurz darauf wieder vor dem Laden steht. Dann redet er über seinen Film, eine autobiografische Reflexion über Leipzig, die mit dem Auftauchen von Legida 2015 enden sollte. Nun überlegt er, seinem Porträt noch den 11. Januar hinzufügen, als wäre das Bild sonst unvollständig.

Wir passieren einige Stadthäuser, neben den großzügigen Gründerzeitbauten wirken sie wie Schuhkartons. An den Spuren der Farbbeutelwürfe sieht man noch die Wut über die schleichende Stadtteilaufwertung. Die vor ein paar Jahren auch hier eingesetzte Gentrifizierung lässt sich an gestiegenen Wohnkosten und der Bio- und Kinderladendichte ablesen. „Vielleicht fallen jetzt die Mietpreise, weil Nazi-Angriffe nicht so ein Magnet sind“, sagt Schwarwel. Dann wird er ernster: „Dieser permanente Schulterblick, ob einem nicht jemand folgt, ist jetzt wieder da.“

„Don’t stop Rock ’n’ Roll! Wir haben geöffnet!“ steht auf einer Holzverkleidung eines Ticket-Shops in der Wolfgang-Heinze-Straße. Als er im März vergangenen Jahres eröffnet hat, wurde er misstrauisch betrachtet, weil er ein Mainstream-Rockfestival vermarktet. Aber der Shop wurde toleriert. Dass viele Ladenbetreiber trotz der Attacken ihre Geschäfte wieder aufmachen, sieht Maximilian Schleyer, der in dem Laden arbeitet, als Statement: Wir sind noch da. Wir haben keine Angst. „Das war kein zielgerichteter Angriff“, sagt er, „sondern einer auf unseren Lebensstil und unsere Kultur.“ Die Betreiberin eines Modegeschäfts einige Schritte weiter hält sich lieber bedeckt. Nachdem Medien ihre deutlichen Botschaften nach den Übergriffen zitierten, bekam sie im Internet Drohungen von Hooligans. Das vogelfreie Leben scheint auf einmal gefährdet.

Ilona Fleischmann steht mit ihrem Buchladen für ein Viertel, dessen Einwohnerschaft keinesfalls homogen ist. Die Uhr in ihrem Schaufenster – in Form einer Katze – dokumentiert die Zeit des Angriffs: 19.32 Uhr. Die Batterie sei herausgefallen, als der Stein sie getroffen habe, sagt sie leise. Ein hinterhergeworfener Brandsatz erlosch, kokelte nur den festen Karton des Großen literarischen Katzenkalenders an. „Wenn der auf den Büchertisch gefallen wäre“, sagt Fleischmann, „gäbe es den Laden nicht mehr. An die Gefahr für die Hausbewohner will ich gar nicht denken.“ Ilona Fleischmann lebt seit 45 Jahren in dem Viertel, auch wenn ihr nicht alles gefällt, „die Schmierereien an den Wänden oder dass so viel Grün bebaut wird“. Ihre Kundschaft ist gemischt, zu ihr kommen gepiercte Bunthaarige, bodenständige Familienväter, Neu-Leipziger, Rentner. „Das sind alles normale Menschen, man sollte nicht vom Äußeren her urteilen.“ Draußen vor dem Geschäft fotografiert ein Mann die Spuren der Übergriffe. Er mache das für eine Facebook-Gruppe, die sich schon länger mit der Geschichte der Stadt beschäftige, sagt er. Mario Apitzsch lebt seit den 70er Jahren hier.

Seltene Töne

Er sei „ganz unpolitisch“, sagt er, „montags bleibe ich grundsätzlich zu Hause. Ist mir zu viel.“ Jeden Montag demonstrieren das fremdenfeindliche, rechtsgerichtete Legida-Bündnis und dessen Gegner. Bisher seien die Gewaltausbrüche ja „eher von der anderen Seite“ gekommen, „zum Beispiel an Silvester“. Mario Apitzsch meint das linke Spektrum und die Antifa. Seltene Töne in dieser linken Hochburg, aber wer weiter rausgeht aus dem Kerngebiet, kann sie durchaus öfter hören.

Der durchschnittliche Leipziger ist eher politikverdrossen. Zur Stadtratswahl vor zwei Jahren gingen nur etwa 40 Prozent zur Urne. Die Bewohner von Connewitz sind jünger und engagierter als der Durchschnitt. Nicht nur deswegen wird der Südkiez von Leipzigern als eine Art Enklave sehr skeptisch betrachtet. Verlässt man sich auf die Kommentare der Lokalmedien, so verurteilen die meisten Leipziger sowohl das linke als auch das rechte Extrem, dabei ist der Rechtsdrall seit dem vergangenen Jahr deutlich spürbarer geworden.

Freitagabend. Dem Aufruf „Saufen für den Kiez“, initiiert hat ihn Die Partei, folgen am Abend 150 meist jüngere Menschen.Sie stehen am Kreuz und trinken gemeinsam Bier, um den betroffenen Lokalen Umsätze zu bescheren. Es ist nur eine von vielen Solidaritätsaktionen. Ein Spendenkonto für alle Geschädigten hat der Fußballclub Roter Stern eingerichtet. Sein Treff Fischladen hat geschlossen, die Kneipen Zwille und Könich Heinz sind dafür überfüllt. Es wird für den nächsten Tag zum „Zip Tie Dance“, zum Kabelbindertanz aufgerufen. Mit solchen Plastikfesseln hatte die Polizei die Nazis festgesetzt. Lachen, um nicht zu resignieren. Auch im Billhart drehen sich die Gespräche nur um eine Frage: Connewitz nach den Übergriffen.

Die Stimmung im rauchverhangenen, schlauchförmigen Lokal könnte man als gelassen-entschlossen beschreiben. „Dass sich die Nazis nur als Riesenmob hierhertrauen, wenn keiner da ist, sagt doch alles“, sagt einer, der lieber anonym bleiben will. Wie viele protestierte er gegen Legida in der Innenstadt, als die Neonazis in seinem Viertel durchdrehten. „Und dann sind die auch noch so dumm, in den Polizeikessel zu rennen.“

Am Samstagvormittag wirkt Connewitz wie ausgestorben, man trifft vereinzelt Jogger, junge Familien auf dem Spielplatz im angrenzenden Park, WG-Leute, die im Supermarkt den Wochenendeinkauf erledigen – als wäre es noch heile Welt. Unser Weg führt ins Conne Island, das bekannteste alternative Jugendzentrum des Ostens. Legendär! Wer wurde hier nicht Antifa-sozialisiert? Einst Ausflugsgaststätte, dann HJ-Heim und FDJ-Club, wurde das Gebäude nach der Wende von einem Verein zum soziokulturellen Zentrum transformiert. Es gibt einen Veranstaltungssaal, der mehr wie eine Turnhalle aussieht, ein gemütlicheres Café, einen Infoladen und Räume für „Projekte“. Bis hierher sind die Neonazis auf ihrer Verwüstungstour nicht gekommen.

An diesem Morgen ist der Hof menschenleer, noch dreht kein Skater im Outdoorpark seine Runden. Aus dem Café dröhnt Hip-Hop, ein paar Nachtschwärmer feiern noch vom Vortag. Die Tresenkraft sagt nur: „Alles außer Kaffee.“ Eingeschüchtert wirkt er nicht. Und auch auf der Webseite stellt man klar, „dass Connewitz ein Ort für Hedonismus und emanzipatorische Gesellschaftskritik bleibt“. Sie wollen sich daran festhalten.

Mitarbeit: Konstantin Nowotny

* Name von der Redaktion geändert

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06:00 25.01.2016

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