Alle Bälle stehen still

Sportplatz Kolumne

Was haben der Fußballnationalspieler Marko Rehmer, die Basketballer von ALBA Berlin und die Eishockeyspieler der Eisbären gemeinsam? Sie füllen Stadien, haben Scharen jugendlicher Fans und üben für Millionen Freizeitsportler Vorbildfunktionen aus. Sie haben das, was anderen Größen dieses Landes derzeit am dringlichsten fehlt: Popularität. Die Gewerkschaften sind in diesen Tagen nicht gerade beliebt, je jünger das Publikum, desto weniger interessiert ist es an den alternden Arbeitnehmerverbänden. Waschbrettbauch und Markenschuhe haben sich gegen Bierbauch und Lederweste durchgesetzt.

Warum auch nicht, könnte man meinen. Zu groß ist oft die Kluft zwischen der Gewerkschaftspolitik und dem jungen Angestellten- oder Arbeitslosenalltag. Doch möglicherweise gibt es bald Abhilfe. Denn Rehmer, die Zwei-Meter-Männer von ALBA und viele der Ostberliner Eisbären vereint noch etwas anderes: Sie sind Gewerkschafter. Mit gelungenen Aktionen und den richtigen Themen wirbt ihr Berufsverband um Mitglieder. Die Sports-Union ist kein Fitnessclub, sondern ein viel versprechender Sprössling der ansonsten angeschlagenen Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

Nun kam es zum ersten Streik. Mehr ein Bummelstreik als ein wochenlanger Ausstand. Genau genommen ein 48-Sekunden-Protest. Mitte Januar, beim Allstar-Day der Basketball-Bundesliga, sorgten die zwei Auswahl-Teams beim Anpfiff in der Kölnarena durch je 24 Sekunden Zurückhaltens des Balls für einen Abpfiff und anschließenden Ballbesitzwechsel. Die Zuschauer forderten "mehr Bewegung!" - die Spieler Tarifgespräche mit der Liga.

Noch gehören der Sportlergewerkschaft erst 280 Mitglieder an. Allerdings mit steigender Tendenz. Im Zuge der ver.di-Gründung 2001 wurde die erste Interessenvertretung für alle Sportarten ins Leben gerufen. Innerhalb des Arbeitnehmerriesen bildet Sports-Union seitdem die Fachgruppe Berufssport. In vielen Bereichen ist sie schon erfolgreich, 90 Prozent der Basketballnationalmannschaft sind hier organisiert.

"Wir werden gebraucht", meint Sven Wehrmeyer. Der 41-Jährige ist Executive director bei Sports-Union. Kollegen aus traditionellen Gewerkschaften werden in solchen Fällen je nach Standpunkt des Betrachters meist Funktionär oder Hauptamtlicher genannt. Doch das ist nicht das Einzige, was anders ist. "In vielen Sportvereinen fehlt jede Form eines collective agreement", sagt Wehrmeyer. Für ältere Gewerkschafter muss er collective agreement bisweilen übersetzten: Es geht um Tarifverträge, die ver.di im Berufssport einführen will.

Doch eine modernisierte Sprache scheint kundengerecht, zumal die Berufsverbände der amerikanischen Basketball-Liga und der englischen Vertragsfußballer eine gewisse Vorbildfunktion haben. Diese sind seit Jahrzehnten aktiv und helfen auch beim finanziellen Vorsorgen. Für einen Monatsbeitrag von 31 Euro bietet nun Sports-Union das volle Programm - Hilfe bei Arbeitsverträgen, Rechtsschutz, Karriereplanung.

Aber nein, versichert Wehrmeyer, Lobby-Arbeit für Millionäre betreibe man nicht. Ein Prozent vom Bruttolohn schreibt die ver.di-Satzung als Mitgliedsbeitrag vor - tatsächlich übersteigen Gehälter von Kickern, Boxern und Trainern die 3.000 Euro-Marke nur in einigen Fällen. Wer weiß schon, dass ein Vollzeitfußballer in der Regionalliga gerade knappe 2.500 Euro im Monat verdient und auch das nur ein paar Jahre lang.

Von 2.500 befragten Berufssportlern gaben über 70 Prozent an, unter gesundheitlichen Belastungen zu leiden, jeder zweite verfügte über keine Berufsunfähigkeitsversicherung. Dass zwei Drittel keine Berufsausbildung haben, kann später schnell ein Problem werden. "Ein durchaus repräsentatives Bild des Profisports", ist Wehrmeyer überzeugt. Nach Angaben der Gewerkschaft begrüßen 75 Prozent der Sportler eine einheitliche Berufsvertretung. Die Zustimmung ist damit höher als in vielen anderen Branchen.

Etwa 7.000 Berufssportler gibt es schätzungsweise bundesweit, 1.500 von ihnen will ver.di in den nächsten Jahren rekrutieren. Das sei möglich, glaubt immerhin Silvester Stahl, Sportsoziologe an der Universität Potsdam. Gelingen könne dies aber nur, "wenn auch die ausländischen Sportler in Deutschland erreicht werden. Dann kann Berufssport mit seinen internationalen Arbeitsmärkten sogar Modellcharakter für die Gewerkschaftsarbeit der Zukunft haben." Und dass Marko Rehmer und ein ALBA-Spiel populärer sind als Frank Bsirske und eine ver.di-Bezirksvorstandssitzung, kann dabei sicher nicht schaden.


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00:00 25.02.2005

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