„Alle müssen jetzt aktiv werden“

Gastbeitrag Die Klimabewegung ist im Aufwind? Die Wahrheit ist: Wir sind immer noch dabei, den Kampf gegen den Klimawandel zu verlieren, schreibt die Sprecherin von „Ende Gelände“
„Alle müssen jetzt aktiv werden“
„Wer passiv daneben steht und untätig dabei zusieht, wie die Welt in Flammen aufgeht, macht sich mitschuldig“

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Jedes Mal, wenn ich dieses Frühjahr durch den Hambacher Wald strich und beobachtete, wie die Maiglöckchen erblühten und der Wald erwachend alles in Smaragdgrün tauchte, überfiel mich freudige Verblüffung: Haben wir es wirklich geschafft, seine Zerschredderung zu verhindern? Doch kaum trete ich nach Norden zwischen den Bäumen hervor, sehe ich die Baggerschaufeln, die das wenige noch verbliebene Brachland zwischen Wald und Tagebau abtragen. Ein Sinnbild dafür, wie jeden Tag die Zerstörung unserer Erde weiter voranschreitet.

Ob wir es schaffen, die Klimakrise aufzuhalten oder nicht – das ist die Schicksalsfrage unserer Menschheit. Es ist der Stoff aus dem Science Fiction oder Fantasy-Sagen gemacht sind. Mit einem Unterschied: Wir sind selbst mitten drin, der Ausgang ist ungewiss und die Politiker*innen versagen im Angesicht der Klimakrise. „Pillepalle“ nennt die Kanzlerin dieses – und damit auch ihr – Versagen, das nicht weniger als die Existenz der Menschheit aufs Spiel setzt. Sie kündigt nun Klimaschutzmaßnahmen an – aber nicht sofort, erst nach der Sommerpause. Im Herbst sollen Vorschläge auf den Tisch, die „disruptiven Veränderungen“ bedeuten. Ich würde ihr gerne glauben, aber die jahrzehntelange Verweigerung der Politik, Verantwortung zu übernehmen, lässt mich keine Sekunde hoffen, dass die angekündigten Veränderungen der Dringlichkeit der Klimakrise gerecht werden.

Die Erde, unser Zuhause, steht bereits in Flammen. In Indien lässt eine Hitzewelle mit Rekordtemperaturen von 50,3° Menschen um Wasser kämpfen, in Brandenburg wüten Waldbrände und in Finnland sowie Russland werden Temperaturen von über 30° innerhalb des Polarkreises gemeldet. Die hohen Temperaturen dort sind besonders gefährlich, da sie die Permafrostböden auftauen – 70 Jahre früher als befürchtet – und gigantische Mengen an Methan und Kohlenstoffdioxid freisetzen. Egal was wir Menschen dann noch tun, unsere Erdatmosphäre wird sich weiter aufheizen.

Ungebremst rasen wir aktuell auf eine Welt zu, die 4 bis 6° heißer sein wird. Eine Welt, die wir uns nicht vorstellen können, in der wir ganz sicher nicht leben wollen, aber es dennoch unseren Kindern und Enkeln zumuten. „Warum?“ fragte ich Anfang Mai den Vorstand des Kohlekonzernes RWE auf dessen Hauptversammlung. Nur wenige Meter trennten mich plötzlich von den Vorstandsmitgliedern, und mit steinernen Mienen mussten sie meiner Rede lauschen: „Ihr schaut nur auf eure kurzfristigen Profite. Ihr seid dabei die Zukunft unserer Kinder zu verfeuern. Eure Verantwortungslosigkeit werden wir euch nicht länger durchgehen lassen“.

Ja nicht einschüchtern lassen!

Großkonzerne wie RWE und ihre Verbündeten in Politik und Wirtschaft spüren den Druck der wachsenden Klimabewegung und versuchen, uns abwechselnd mit Drohungen nach Zensur, Einschüchterungen von streikenden Schüler*innen, Beruhigungspillen wie dem Ergebnis der Kohlekommission oder Ankündigungen von disruptiven Veränderungen zu füttern. Nichts davon schlucken wir. Auch RWEs Versuch, mich mundtot zu machen, misslang gewaltig. Als Antwort auf meine Rede auf der Hauptversammlung und meine Pressearbeit für „Ende Gelände“ sandten sie mir ein Hausverbot für Tagebaue und eine Unterlassungserklärung, die ich geflissentlich ignoriere.

In den nächsten Monaten und Jahren werden wir erleben, wie Politik und die fossile Industrie versuchen, unsere Klimabewegung mit allen Mitteln auszubremsen. Sie haben verstanden: Die Maßnahmen, die nötig sind, um die 1,5°-Grenze einzuhalten, bedeuten ein Ende ihres zerstörerischen Wirtschaftens. Sie wissen, dass es letztendlich um ihre Macht geht. Wir haben aber nicht die Zeit, uns mit dem Gezeter überwiegend alter weißer Männer in teuren Anzügen auseinanderzusetzen. Das Zeitalter der fossilen Industrie ist vorbei. Es muss zu Ende sein, wenn wir unseren Kindern auch nur die kleinste Chance auf eine lebenswerte Zukunft geben wollen.

Die Klimakrise ist eine Systemkrise

Die Klimakrise aufzuhalten bedeutet eine Großaktion, die jeden Menschen auf der Erde involviert. Es bedeutet, unsere Art zu leben und zu wirtschaften komplett zu verändern. Die Klimabewegung ist dabei, genau dies einzufordern. Unsere Welt, unsere Gesellschaft befindet sich im Umbruch, vergleichbar vielleicht mit der französischen oder industriellen Revolution. Dieser Umbruch übertrifft beide in seinem Ausmaß gleichzeitig um ein Vielfaches: Wir kämpfen um die Existenz des Lebens auf der Erde.

Das Bündnis „Ende Gelände“ stellt die konsequente Forderung nach dem sofortigen Kohleausstieg. Dabei sollte uns allen aber klar sein, dass der Kohleausstieg nur der Anfang ist. Wir müssen endlich Mut zur Ehrlichkeit haben und aufhören, um den heißen Brei zu reden: Die Klimakrise ist eine Systemkrise. Es ist Wahnsinn, dass die Politik immer noch mehr Wachstum fordert. Wir müssen uns ehrlich machen und zugeben, dass der Wohlstand, in dem wir leben, teuer erkauft ist – auf Kosten der Menschen im globalen Süden und auf Kosten unserer Zukunft. Es ist allerhöchste Zeit, an neuen Wirtschaftsmodellen zu arbeiten und diese umzusetzen. Wir brauchen eine gerechte Wirtschaft, die die Grenzen unseres Planeten respektiert.

Ungehorsam für die Zukunft

Dabei haben wir keine Zeit mehr zu verlieren. Auf 2019 und die nächsten drei Jahre kommt es an. Wir müssen jetzt die Notbremse ziehen. Wir Aktivist*innen von „Ende Gelände“ setzen unsere Worte direkt in Taten um. Wir stellen uns mit unseren Körpern vor die Kohlebagger von RWE und stoppen die Zerstörung der Erde. Wir überschreiten wohlwissend die Grenze der Legalität – denn unser Protest ist legitim. In der Geschichte der Menschheit gab es viele Momente, in denen Mutige die Grenzen bestehender Gesetze überschreiten mussten, um für Gerechtigkeit zu kämpfen. Ohne Zivilen Ungehorsam hätten wir kein Frauenwahlrecht und weder die Bürgerrechtsbewegung in den USA noch die Antiatombewegung wären erfolgreich gewesen.

Die Klimakrise aufzuhalten und eine solidarische Weltgemeinschaft zu schaffen, das ist unsere Aufgabe. Tausende Klimaktivist*innen aus ganz Europa sind deshalb wieder ins Rheinland gereist. Die hiesigen Braunkohletagebaue von RWE sind die größte CO2-Quelle Europas, einer der zentralen Orte, der die Klimakrise verursacht. Parallel demonstrieren „Fridays for Future“, Umweltverbände und das Bündnis „Alle Dörfer Bleiben“. Uns vereint, dass wir noch Hoffnung haben, dass wir nicht aufgeben und fest entschlossen sind, die Klimakrise zu stoppen. Wir wissen aber auch: Unsere Bewegung mag sich im Aufwind befinden, realpolitisch passiert ist jedoch noch nichts. Wir sind dabei, den Wettlauf gegen die Zeit zu verlieren.

Um die Klimakrise aufzuhalten, sich mit der fossilen Industrie und ihren politischen Verbündeten anzulegen und gleichzeitig eine gerechtere Weltgemeinschaft aufzubauen, brauchen wir jetzt alle Menschen. Wer passiv daneben steht und untätig dabei zusieht, wie die Welt in Flammen aufgeht, macht sich mitschuldig. Alle müssen jetzt aktiv werden!

Kathrin Henneberger ist Pressesprecherin von „Ende Gelände“

11:44 20.06.2019
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