Alles bleibt im Rahmen

Medientagebuch 27 Jahre sind eine mediale Ewigkeit, und langes Warten will belohnt werden

Im November 1998 notierte der Schriftsteller Helmut Krausser in seinem Tagebuch: "Es gibt im Internet eine Todeserwartungsliste, momentan angeführt von Ronald Reagan und Bob Hope. Auf Platz 3 der Papst. Wenn der Papst stirbt, wird in den römischen Hotels das Chaos ausbrechen. Viele haben nämlich mit Fernsehanstalten Verträge über Zimmer abgeschlossen - wer bis dahin dort logiert, wird hinauskomplimentiert, in billige Ersatzquartiere außerhalb. Wenn sich der bisherige Gast aber weigert, wird das Chaos zum Alptraum ... Ganz Rom betet deshalb, daß der Papst nicht in der Hochsaison stirbt."

Gut sieben Jahre später ist - nach Bob Hope und Ronald Reagan - der Papst gestorben. Außerhalb der Hochsaison. Ganz Rom hat aber dennoch gebetet, dass die Trauerfeierlichkeiten, zu denen Millionen von Besuchern in die Stadt gekommen sind, friedlich ablaufen würden. Friedlich hieß 1998, wie man an Kraussers Befürchtung ablesen kann: ohne Zwischenfälle, die aus dem Innern einer Menschenmasse resultieren können - Gerangel um Hotelzimmer, Klaustrophobie einzelner, Panik vieler. 2005 heißt friedlich: ohne Zwischenfälle, die von außen auf die Bühne drängen, die das seltene Ereignis liefert - Störungen, Attentate, Terrorismus.

Spätestens der 11. September 2001 hat - in einem negativen Sinne - vorgeführt, wie stark unsere Weltwahrnehmung medial geprägt ist. Die Terroristen haben ihren Anschlag "inszeniert" im Wissen, dass seine Wirkung sich vor allem an Symbolkraft und Sichtbarkeit messen lassen wird. Über dieses Wissen verfügt mittlerweile selbst der als "Kirchenstörer" bekannte Berliner Eiferer Andreas Roy, der seine selbst gewählte Mission ("Tut Buße!") nicht mehr im Gespräch mit einzelnen Ungläubigen sieht, sondern auf die Konvertierung vieler hofft, indem er überall da auftaucht, wo die Fernsehkameras schon sind: Vanessa-Beecroft-Performance, Harald-Juhnke-Beerdigung, ZDF-Gottesdienst. Gerade an dem Kirchenstörer kann man aber auch sehen, dass der Übergang vom Leben ins Fernsehbild nicht ohne Reibungsverluste zu haben ist. Würde man dem Eiferer auf der Straße noch zubilligen, dass er an das glaubt, was auf seinen Transparenten steht, kommt mit den wiederholten Auftritten in den Abendnachrichten der Verdacht auf, dass es Roy weniger um die eigene Botschaft geht als um die Präsenz im Medium selbst.

Der Tod des Papstes und die Wahl seines Nachfolgers unterliegen den gleichen medialen Gesetzen, die im Spannungsfeld zwischen Neuigkeit und Egalisierung gelten und deshalb nicht ohne Widerspruch sein können. Wenn man Johannes Paul II. als "Medienpapst" bezeichnet hat, so ist damit - anders als vielleicht noch bei Regierungschef Kohl und Medienkanzler Schröder - nicht so sehr gemeint, dass Johannes Paul II. besonders gut mit den Medien umgehen konnte, sondern dass er als erster Papst mit der gewachsenen Bedeutung der Medien überhaupt umgehen musste. Die Fernsehlandschaft von heute ist eine andere als 1978, als es weder CNN gab noch das Echtzeitmedium Internet.

In den Zeiten von Breaking News und Update ist der Tod eines Papstes samt des Arsenals an dazugehörigen Ritualen eine Seltenheit. Genauer, nämlich konsequent in der auf Einzigartigkeit ausgerichteten Logik der Medienwelt gedacht: Der Papsttod ist die Trophäe, die im Schrank noch fehlt, das Ereignis, das es noch nicht als unendlich wiederholbares Fernsehbild gibt. 27 Jahre Papsttum sind in den Zeiten von stündlichen Nachrichtensendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine Ewigkeit. Dieser Einzigartigkeit ist die Ausführlichkeit der Berichterstattung in Bild und Text geschuldet, da sich besondere Bedeutsamkeit im Spektrum dessen, was in den Medien sowieso vorkommt und also als bedeutsam erachtet wird, nur mehr über Masse herstellen lässt. Die FAZ, die formal subtilste deutsche Tageszeitung, druckte zum dritten Mal nach Wiedervereinigung und 11. September ein Foto Johannes Pauls II. auf der Titelseite. Sein Nachfolger müsste wohl entweder das Zölibat abschaffen oder mindestens 30 Jahre amtieren, um ebenfalls dort mit Bild zu erscheinen.

Wie stark das Gedenken durch die mediale Inszenierung der Einzigartigkeit geprägt wurde, zeigt sich an der Benennung des Bahnhofs Roma Termini nach Johannes Paul II., die synchron zu den Bildern von dort nach der Beerdigung abreisenden Gläubigen vermeldet wurde.

Das Widersprüchliche der medialen Wahrnehmung besteht nun darin, dass Papst-Tod und Konklave die zur Verfügung stehenden Medien-Formate zwar überdehnen, aber nie übertreten können. Frühzeitig hat ein Verantwortlicher des italienischen Fernsehens darauf hingewiesen - wenn nicht gedroht -, dass die Katholische Kirche gut beraten sei, zügig einen Nachfolger zu bestimmen, um einem Image-Schaden vorzubeugen. Image-Schaden ist hier wörtlich zu nehmen: Nicht die Reputation der Kirche, sondern die Möglichkeit der bildlichen Aufmerksamkeitskonzentration würde in Mitleidenschaft gezogen, wenn das Konklave Wochen oder Monate andauern würde. Drei Jahre, die im fernsehlosen 13. Jahrhundert Papst Gregor X. auf seine Ernennung warten musste, wären heute unvorstellbar; eben auch, weil selbst die Gerd Helbigs und Peter Kloeppels unserer Tage dann nicht mehr wüssten, was sie noch erzählen sollten.

Im Fernsehen bleibt selbst das Rahmensprengen im Rahmen. Der Rahmen ist der immer gleiche: Laufband am unteren Bildrand, Signet am oberen ("Sorge um den Papst"/"Trauer um den Papst"), Schaltung zu Korrespondenten am Ort des Geschehens, Gespräch mit "Experten" im Studio. Zufälligerweise hat die Häufung von Ereignissen, die normalerweise die Titelzeilen beanspruchten, die der Papsttod besetzt hielt, deutlich gemacht, wie beliebig die Medienmaschinerie funktioniert und wie wenig das Brimborium mit dem Gegenstand zu tun hat, an dem es sich aufhängt: in dem Fall das Gedenken an Johannes Paul II. Dem Fernsehen ist egal, ob der Papst stirbt oder Charles heiratet. Hauptsache es passiert was, und damit geben wir zurück ins Studio.


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00:00 22.04.2005

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