Alles voller Götter

Todestag Vor 50 Jahren starb der Dichter Giorgos Seferis. Vermeintlich unpolitisch, wurde sein Begräbnis zum Fanal gegen die Diktatur
Alles voller Götter
Seferis bekam für seine moderne Lyrik 1963 als erster Grieche den Nobelpreis verliehen – hier beim Bankett mit Prinzessin Sibylla

Foto: Jan Collsioo/Scanpix/dpa

Als die Verlegerin Katerina Karydi diesen Satz sagt, ist Mikis Theodorakis noch am Leben, es ist der letzte Tag im August: „Theodorakis schob die Lyrik unserer bedeutendsten Dichter mit seinen Liedern in die Münder aller Griechen.“ Auch die des ersten Literaturnobelpreisträgers Griechenlands, Giorgos Seferis, der ihn 1963 gewann, indem er sich – wie wir heute wissen – gegen Nabokov, Beckett und Neruda durchsetzen konnte. Vor 50 Jahren, am 20. September 1971, starb Seferis dann während der Militärdiktatur, ziemlich zurückgezogen lebend.

Katerina Karydis Athener Verlag Ikaros ist klein, aber renommiert. Die Bücher, die dort herausgegeben werden, sehen allesamt sehr edel aus, äußerlich ähneln sie denen des berühmten französischen Verlagshauses Gallimard. Karydi gibt auch die anderen Großen des Landes heraus, etwa Konstantinos Kavafis oder den zweiten griechischen Nobelpreisträger, Odysseas Elytis. Zurzeit wird Seferis’ Gesamtwerk durch Briefe und sein Frühwerk komplementiert. Wir erwischen Karydi im alten Verlagssitz in der Voulis-Straße mit angeschlossener Buchhandlung, den ihr Vater 1943 – also noch während der deutschen Besatzung in Griechenland – gegründet hatte.

Der erste Stock über der Verkaufsfläche besteht nur aus einem Zimmerchen mit einem schweren und dunklen Schreibtisch, vor dem auch schon Seferis stand, als er mit Karydis Vater akribisch die Umschläge seiner Bücher besprach. Sogar die Schwere des Papiers war für ihn ein wichtiges Thema. Der Nobelpreis, den er dann eines Tages gewinnen sollte, sei für ihn hingegen nur ein „Zufall“ gewesen, etwas, das man schnell wieder vergessen darf.

Der eigentliche Verlagssitz von Ikaros, dort, wo die ganzen Büros untergebracht sind, liegt am anderen Ende der sich langsam belebenden Straße, aber die meisten Athener sind in diesen Tagen noch immer auf einer der nahen Inseln. Dort machen sie vielleicht gerade die bittere Erfahrung, die einem den schönsten Sommertag ruinieren kann und die Seferis in einem seiner Gedichte so beschrieben hat: „von links weht der Südwind und macht uns irr / dieser Wind, der uns das Fleisch von den Knochen löst“.

Trauerzug des Protests

Doch das sind nicht die Verszeilen, die Theodorakis vor vielen Jahren jedem Griechen in den Mund gelegt hat. Neben den Hits Arnissi oder Epiphania hat er auch für das Lied Ligo Akoma die Lyrik von Seferis vertont: „Nur ein Weniges noch / und wir werden die Mandeln blühen sehen / den Marmor in der Sonne leuchten / und das Meer sich wiegen / nur ein Weniges noch / um ein Weniges lasst uns höher hinauf.“ Hunderttausende Athener sangen diese Zeilen im September 1971 bei Seferis’ Beerdigung, damals, als die Junta das Land noch im Würgegriff hatte.

Es war ein Trauermarsch für einen vermeintlich Unpolitischen, der nur einmal in einer Erklärung im Jahr 1969 explizit gegen das Regime protestiert hatte: „Dieser unwürdige Zustand muss aufhören!“ Rasch wandelte sich die Beerdigung zu einer mutigen Kundgebung für Freiheit und Demokratie; und seine von Theodorakis vertonten Verse wurden zur Verheißung einer besseren Zukunft. Denn noch musste jeder, der seine Melodien nur pfiff oder summte, mit Verhaftung und Aburteilung rechnen. Drei weitere qualvolle Jahre würde das noch so gehen.

Eindrucksvoll zu hören ist das Gedicht Nur ein Weniges noch auf der Aufnahme Wenn Wasser wäre (ECM Records). Es enthält neben anderen Werken auch Das wüste Land von T. S. Elliot, von dem Seferis stark beeinflusst war, den er übersetzte und mit dem er später auch eine Freundschaft pflegte. Eingelesen hat sie der wunderbare Bruno Ganz mit hauchender, melancholischer Stimme vor mehr als 20 Jahren. Dass ebenjenes Kurzgedicht später Ganz’ Todesanzeige schmücken sollte, kann man als Randnotiz abtun oder als eine poetische Aufforderung begreifen, sich mit diesem in Deutschland fast unbekannten Dichter zu beschäftigen. So wie Ganz es tat, der nach eigener Aussage alles las, „was es von Seferis ins Deutsche übersetzt gibt“.

Und es ist gar nicht wenig, was man von diesem Wegbereiter der modernen griechischen Lyrik findet, die sich ab Mitte der 1930er-Jahre des Pathos, Schwulsts, Reims entledigte und dafür leiser, schmuckloser und suggestiver wurde. Besonders die beiden Verlage Waldgut und Elfenbein haben viel von ihm ins Deutsche übertragen. Bezogen auf das poetische Werk von Seferis hat es der unlängst verstorbene Essayist Adam Zagajewski recht gut auf den Punkt gebracht: „Er war ein Dichter, den die Frage umtrieb, wie man zu der herrlichen, fernen Vergangenheit zurückkehren kann, jedoch nicht in einem antiquierten Modus, wie gebeugte Professoren zu ihr zurückkehren, sondern sozusagen auf jugendliche Art, mit Begeisterung; nicht in der Bibliothek, sondern mit dem Boot in einer Meeresbucht fahrend.“ Jedoch fährt dieses Boot fast immer mit dem leichten Wind des Pessimismus: „ins Dunkel gehen wir, im Dunkel laufen wir weiter“, heißt es in einem von Seferis’ Gedichten.

Ein Grund für diese das Werk durchwehende Stimmung, die aber nie in stürmischen Nihilismus umschlägt, waren weniger seine Kriegs- und Flüchtlingserlebnisse, sondern vielmehr der Umstand, dass er „in einer Gedankenwelt groß wurde, die in der menschlichen Existenz etwas zutiefst Fragwürdiges erblickte“. So zumindest vermutet es der Publizist Pavlos Tzermias. Das primäre Ziel von Seferis’ Poesie war somit kein politisches. Er war Diplomat. Und es war gerade wichtig für ihn, einen Beruf zu haben, „der in keiner Beziehung zu meiner schöpferischen Arbeit stand“, wie er 1968 in einem Interview mit seinem englischen Übersetzer Edmund Keeley für die Paris Review sagte. Dort fällt auch der rätselhafte Satz: „Verantwortung beginnt im Träumen.“ Und der hat dann doch viel mit seiner Biografie und seinen Erfahrungen zu tun. Geboren wurde Seferis 1900 in Smyrna, dem heutigen Izmir, einer Stadt, an der man die wechselvolle Geschichte der griechisch-türkischen Verwerfungen exemplarisch ablesen kann.

Sein Vater beschloss schon am Vorabend des Ersten Weltkrieges, nach Athen zu emigrieren, als ahnte er die sogenannte kleinasiatische Katastrophe des Jahres 1922 voraus, nach welcher Hunderttausende von Griechen ins Mutterland flüchten mussten. Im Jahr 1950 bereiste Seferis die zerstörten Orte seiner Kindheit, nachzulesen als Auszug seiner umfangreichen Tagebücher unter dem Titel Ionische Reise (Suhrkamp). „Etwas Rohes liegt in dieser Schändung der Kirchen. Besser, sie würden zerstört. Nicht, dass wir nicht dasselbe täten mit den Moscheen“, heißt es dort einmal. Trotz all des Schmerzes, der Seferis lebenslang erfüllte, sind dies keine Worte des Hasses.

Er flüchtet nach Ägypten

In Paris studierte er Jura und trat 1925 in Athen in den diplomatischen Dienst ein – mit Stationen in London und Albanien. Als er 1941 vor den Nazis aus Athen über Kreta nach Ägypten fliehen musste, hatte er nur einen Band Aischylos bei sich. „Und Homer?“, soll man ihn gefragt haben. „Den kenne ich auswendig!“ Dann, im Jahr 1962, kehrte dieser schreibende Odysseus, der seine diplomatische Laufbahn in London beendet hatte, in seine eigentliche Heimat zurück. Aus der Ferne hatte er als ein Vertreter der neugriechischen Diaspora gleichwohl seine Sprache neu prägen können, nicht nur durch seine Lyrik, sondern auch durch seine bestechenden Essays, die – leider vergriffen – bei Suhrkamp unter dem Titel Alles voller Götter erschienen sind. Darin geht es unter anderem um „Elfenbeintürme“, eine Metapher, die sich in den modernen Twitter-Diskursen abgenutzt hat.

Übersetzt hat die Essays der Publizist und Eventmanager Asteris Kutulas, ein in der DDR aufgewachsener Sohn von Exilgriechen. Eng arbeitete dieser mit Theodorakis zusammen, drehte auch einen Film und eine Doku über den Musiker. Herausgegeben hat Kutulas zudem Seferis’ einzigen Ausflug in die Prosa, den posthum erschienenen Roman Sechs Nächte auf der Akropolis. Dieser handelt dialogreich von einer Gruppe junger Menschen, die sich in den späten 1920er-Jahren in einer existenziellen Sinnkrise befinden. Er war eben ein ernsthafter Mensch, nicht „die Seele einer Party“, wie die Verlegerin Karydi sagt. „Wenn Elytis uns zu Hause besuchen kam, sprangen wir als Kinder herum, wenn Seferis kam, mussten wir brav ‚Guten Abend‘ sagen und ab ins Bett.“ Aber vielleicht bedarf es dieser Ernsthaftigkeit „in dieser Welt, die immer enger wird“, von der Seferis in seiner Dankesrede zum Nobelpreis sprach. In ihr „braucht jeder von uns den anderen. Wir müssen den Menschen suchen, wo immer er ist.“

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06:00 20.09.2021

Ausgabe 38/2021

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