Alles vorbei? Nur noch Sieger?

D-Day-Feier in der Normandie Die entscheidende Frage blieb unbeantwortet - wie sagt man nein zu Bush und danke zu Amerika?

Die Teilnahme des deutschen Kanzlers bei den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in Frankreich war in den französischen Medien (fast) kein Thema. Einzig die Veteranenverbände meldeten Kritik an. Hierzulande verwandelten sich dagegen Teile der Opposition aus FDP und CDU/CSU hinter den Trompetern der Springerpresse in einen Veteranenverband, weil Schröder einen exklusiv-deutschen Soldatenfriedhof nicht besuchen wollte. Was sollte er auch dort? Um seinen Vater, den er nie kennen gelernt hat und der in Rumänien fiel, trauern? Die Erinnerung an die Wehrmacht wach halten? Das Erste wäre eine Sache des Privatmannes Schröder und das Zweite zu diesem Zeitpunkt politisch geschmacklos gewesen.

Wenn man jemanden zur Besinnung auf die Gräberfelder in der Normandie schicken sollte, dann wären das Veteranen vom Schlage des ehemaligen CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Alfred Dregger, der noch am 8. Mai 1985 - 40 Jahre nach der Befreiung Deutschlands durch die alliierten Truppen - landsermäßig verkündete, als Soldat habe er am 8. Mai 1945 "nur" sein Land "gegen den Bolschewismus" verteidigt. Mitschicken auf die Gräberfelder könnte man auch die Vertriebenenfunktionäre, Peter Glotz (SPD) und alle jene "Vertriebenen", die nach dem Krieg geboren wurden und den Vertriebenenstatus gratis mitgeliefert kriegten. Sie alle müssten dort im Angesicht der Gräberfelder mit den überlebenden alliierten Veteranen über Krieg, Verbrechen und Befreiung diskutieren. Aber sollen Nachgeborene von Frontkämpfern mit Nachgeborenen von Vertriebenen bis ins x-te Glied über nur noch eingebildete Kriegs- und Vertreibungserfahrungen streiten?

Gedenkveranstaltungen haben einen Sinn, wenn sich Teilnehmende wie Kommentierende der Vergangenheit wie der Gegenwart stellen. Jene Feuilletons, die an der Überbietungsspirale drehen, produzierten zum D-Day Kapriolen und Improvisationen. Den Gipfel erreichte Ulrich Raulff: "D-Day, das war der Krieg, der strategisch von oben geplant und taktisch von unten geführt wurde" (Süddeutsche Zeitung 5./6. Juni 2004). Das trifft zwar auf alle Kriege in der Weltgeschichte zu, aber hört sich gut an - für Turboleser.

Raulffs Improvisation könnte auch vom historisch desinteressierten Kanzler stammen. Schröder ist mit Jahrgang 1944 der erste deutsche Regierungschef, der biographisch mit dem Zweiten Weltkrieg direkt nichts zu tun hat. Er begrüßte deshalb die Einladung zu den Feierlichkeiten als Beleg dafür, "dass die Nachkriegszeit endgültig vorbei ist" und etikettierte den D-Day forsch als "Sieg für Deutschland." Alles vorbei, nur noch Sieger? Instant-Geschichte?

Auch George Bush hat einen Hang für gerade Linien. Seine führt vom gestrigen Kampf gegen "die mörderischen Ideologien des 20. Jahrhunderts" (Faschismus und Kommunismus) zum heutigen "Krieg gegen den Terrorismus". Bush hält seinen Krieg für eine Fortsetzung des Zweiten Weltkriegs und wörtlich für "einen Kampf um politische Visionen". Historisch gesehen ist das eine genauso groteske Konstruktion wie Joschka Fischers und Rudolf Scharpings Hinweis auf Auschwitz, um den NATO-Krieg gegen Serbien zu begründen. Die Kriegspropaganda von Bush verschleiert obendrein, dass die Alliierten den Faschismus gemeinsam mit der Sowjetunion besiegten und die kommunistischen Diktaturen an ihren hausgemachten Widersprüchen und Defiziten zerbrachen.

In den Erinnerungsfeiern wurde ein Paradoxon unter einem Schwall pathetischer Beschwörungsformeln begraben. Von den prominenten Politikern hat sich nur der französische Sozialist Laurent Fabius offen zur Zwiespältigkeit der Veranstaltung geäußert. "Bush als Repräsentant der Männer, die für die Freiheit starben" zu empfangen, heiße einen Mann einzuladen, der "das Gegenteil jener Werte verkörpere". Wäre es den Rednern in der Normandie um mehr gegangen als Rhetorik, hätte man sich dem Problem stellen müssen, das Libération am 4. Juni auf den Punkt brachte: "Wie sagt man nein zu Bush und danke zu Amerika?" Zehntausende Demonstranten in Rom, Mailand und Paris hatten eine Antwort darauf - Chirac, Schröder Co. nicht. Demonstrationen, über die in der deutschen - im Unterschied zur ausländischen Presse - kaum berichtet wurde.


00:00 11.06.2004

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