Alter schützt vor Ohrwurm nicht

Musik Das neue Album "Shifty Adventures in Nookie Wood" von John Cale ist zwar kein Meisterwerk, nimmt aber den Pop ernst
Alter schützt vor Ohrwurm nicht

Foto: Shawn Brackbill

Die Sache mit dem Rock’n’Roll und John Cale ist ein großes Missverständnis. Dieser Irrtum rührt noch aus den Sechzigern und Siebzigern her, als Cale mit Velvet Underground das Verhältnis von Melodie und Verzerrung neu sortierte und später als Produzent von den Stooges und Nicos düsterem Kleinod The Marble Index den Punk um eine gutes Jahrzehnt vorwegnahm. So richtig nah ist Cale dem Rock’n’Roll wahrscheinlich nur in Konkurrenz zu seinem alten Weggefährten Lou Reed gekommen: damals ging es vor allem um Mädchen (bei denen Cale meist den Kürzeren zog) und Drogen. Cales beste Soloarbeiten hingegen traten in ihren vielgestaltigen Entwürfen aus dem Schatten des Pop hervor – das gilt gleichermaßen für sein unbestrittenes Meisterwerk Paris 1919 mit seinen grandiosen Tin-Pan-Alley-Gesten zu sparsamen Laurel-Canyon-Innerlichkeitsballaden wie für das neurotisch-sprunghafte Album Helen of Troy, das auch einen Schlussstrich unter seine kurze, fruchtbare Zusammenarbeit mit Island Records setzte. Cale war immer dann am Besten, wenn er seinen am New Yorker Minimalismus geschulten Erfindergeist in konventionelle Bahnen lenkte. Er will eigentlich nur spielen, auch wenn er nicht immer den Eindruck erweckte, er hätte Spaß dabei.

Cales kindliche Neugier erklärt auch, warum er auf Shifty Adventures in Nookie Wood einen Autotune-Effekt über seinen markanten Bariton legt. Die Hookline von „Mothra“ ist ein echter Ohrwurm, trotzdem mutet das Stück innerhalb des John-Cale-Kosmos hochgradig bizarr an. Auf diesem Album, das sich munter an den unterschiedlichsten Stilen und den technischen Möglichkeiten des Studios versucht, erscheint es wiederum gar nicht einmal so deplatziert. Es fügt sich wunderbar in die anderen kleinen Absonderlichkeiten und Eigenarten auf Shifty Adventures in Nookie Wood ein. Erstmals seit Velvet-Underground-Zeiten setzt er die Violine als Drone-Instrument ein, so dezent allerdings, dass der einprägsame, leicht nervige Klang Cales Produktion eher Textur verleiht, als sich gegen die Harmonien zu stemmen. Ein wiederkehrendes Thema aber ist die Stimme, die Cale schon auf seinem 1974er Album Fear auf verschiedenste Weise verfremdete. Im Song „December Rains“ jagt er sie beispielsweise durch diverse Filter, was dem Stück einen French-House-Einschlag verleiht. Bei „Living With You“ weicht ein psychedelisches Reverb seinen warmen Bariton auf.

Wenig überraschen sollte also, dass Cale für dieses Album mit dem Hip-Hop-Produzenten Danger Mouse zusammengearbeitet hat, der in der Vergangenheit mit Beatles-Mash-Ups und Italo-Western-Soundtracks Cales formativer Dekade, den Sechzigern, seine Reverenz erwiesen hat. „I Wanna Talk to U“ könnte mit seiner trockenen Bassdrum auch direkt aus Cales Solophase Mitte der Siebziger übrig gebliebe sein. Das gilt auch für die bittersüße „Mary“, das vielleicht konventionellste, aber auch schönste Stück auf Shifty Adventures in Nookie Wood, dem ein leicht synthetischer Rhythmus unterliegt, das ansonsten aber ein klassischer Cale ist: eine Hommage an die großen Frauenballaden auf Helen of Troy mit einer interessanten Wendung. Mit Shifty Adventures in Nookie Wood zeigt Cale, dass sein Gespür für Pop auch mit 70 noch immer auf der Höhe der Zeit ist. Zwar kein Meisterwerk, aber ein Album, das den Pop ernst nimmt.

John Cale Shifty Adventures in Nookie Wood, Domino Records (Godtogo)

16:00 05.10.2012
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