Nicht immer bösartig

Strahlung Die ­Gefahr durch Radioaktivität wird zu oft mit Krebs begründet. Ein russisches ­Archiv soll nun helfen, andere Risiken zu klären

Die Erkenntnis liegt in dünne Scheiben geschnitten im Südural, unweit der Grenze zu Kasachstan: Hier, nahe der russischen Kleinstadt Osjorsk, ging 1948 der erste Reaktor der Sowjetunion in Betrieb, der Plutonium für die erste russische Atombombe liefern würde. Hier, in der kerntechnischen Anlage Majak, kam es neun Jahre später zu einem der schwersten Unfälle in der Geschichte der Atomenergie, als eine chemische Explosion hochradioaktive Rückstände über ein Gebiet von 20.000 Quadratkilometern verteilte – übertroffen wurde dieser lange verschwiegene und fast vergessene GAU erst viele Jahre später von Tschernobyl und Fukushima. Und es war auch dieser entlegene Ort, an dem sowjetische Wissenschaftler zu ergründen begannen, welchen Schaden die Strahlung aus dem animierten Zerfall von Atomkernen in lebendigen Geweben anrichten kann.

Seit Beginn der fünziger Jahre wurde in Osjorsk von der Labormaus bis zum Hund und Schwein eine Viertelmillion Tiere experimentell mit Strahlung belastet. Von außen, von innen, über die Nahrung. In unmittelbar tödlichen Dosen oder in solchen, die äußerlich erkennbar keine Wirkung hatten. Die Gewebe der toten Tiere wurden konserviert – in dünnsten Scheibchen auf Objektträger fixiert oder im Ganzen in Formalin eingelegt. Wie vergleichbare Archive des radioaktiven Schreckens in den USA oder Europa, geriet auch jenes von Osjorsk nach dem Ende des Kalten Krieges in Vergessenheit. Bis Fukushima geschah.

„Nur“ 177 Betroffene in Daiichi

Nun erlangt das Material, das am heutigen Southern Urals Biophysics Institute (SUBI) unter recht abenteuerlichen Bedingungen gelagert wurde, wieder neues Erkenntnispotenzial. Denn es sind vor allem die geringen Strahlungsdosen – wie jene, die in weiten Teilen um die havarierten Reaktoren von Daiichi messbar sind –, die den Wissenschaftlern weiter Rätsel aufgeben. Kurzfristig passiert durch sie: nichts. Was aber sind die längerfristigen Folgen?

Vor wenigen Tagen hat das Wissenschaftsmagazin Nature von Einblicken in die noch unveröffentlichten Reports eines Komitees der Weltgesundheitsorganisation WHO und des United Nations Scientific Committee on the Effects of Atomic Radiation (UNSCEAR) berichtet. Informelle Analysen des UNSCEAR hatten bereits im März nahegelegt, dass die japanische Bevölkerung durch die schnelle Evakuierung vor eindeutig gefährlichen Strahlendosen bewahrt wurde. Inzwischen gehen die Forscher davon aus, dass „nur“ die 177 direkt auf dem Gelände kontaminierten Arbeiter mit Strahlungsdosen belastet wurden, die das Krebsrisiko „geringfügig“ erhöhen.

Seit dem GAU in Japan haben überhaupt zahlreiche Experten eher abgewiegelt: Im Spiegel äußerte der amerikanische Onkologe Robert Peter Gale, ein Berater der japanischen Regierung nach Fukushima, schon früh die Prognose, Japan müsse in den kommenden 50 Jahren mit bis zu 1.500 Krebserkrankungen aufgrund des Unfalls rechnen – zusätzlich zu den 18 Millionen Japanern, die in dieser Zeit aus anderen Gründen an Krebs erkranken und sterben. „Ich will das, was hier passiert, nicht verharmlosen“, vergaß Gale damals nicht zu schreiben. Viele von Gales Kollegen stimmen seiner Einschätzung zu: Unter normalen Umständen bekämen „40 Prozent der Menschen Krebs“, sagt David Brenner, ein Onkologe aus New York, jetzt in Nature. Eine Erhöhung dieses Risikos durch den GAU werde vermutlich niemals durch epidemiologische Studien nachweisbar sein.

Ein unwiederholbarer Versuch

Aber geht es allein um Krebs? Überdurchschnittlich viele der Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki wie auch der Betroffenen von Majak und Tschernobyl erkrankten später an Herz-Kreislauf-Leiden. Als Folge von hohen Strahlungsdosen ist dieser Effekt oft beobachtet worden (s. Freitag 10/2012). Seine Mechanismen sind weitestgehend klar – die Strahlung schädigt die Zellen der Gefäßwände unmittelbar. Die Ergebnisse jüngerer epidemiologischer Studien aber legen nahe, dass auch geringe Strahlenexposition ausreicht – die Mechanismen jedoch sind ersten Vermutungen zufolge völlig andere und weit subtiler als bei der direkten Schädigung des Erbguts. So sind Wissenschaftler vor drei Jahren zu dem Schluss gekommen, dass eine Mobilisierung von Entzündungszellen durch die Strahlung die schleichenden Veränderungen der Blutgefäße befördern könnte. Zudem sind möglicherweise zelluläre Stressmechanismen involviert, die, langfristig aktiviert, ebenfalls erklären könnten, warum geringe Strahlendosen zu einer signifikanten Erhöhung des Erkrankungsrisikos führen.

Um diesen Mechanismen allerdings genauer auf den Grund gehen zu können, bräuchte man bestrahltes Gewebe – und zwar möglichst viel und möglichst auf unterschiedliche Weise belastet. Die Proben aus dem Südural erscheinen Forschern daher wie ein Geschenk des Himmels. „Wir werden aus ethischen und finanziellen Gründen nie mehr in der Lage sein, Tierexperimente in solchem Umfang zu wiederholen“, sagt Gayle Woloschak, eine Radiologin aus Chicago. Sie ist seit Jahren damit befasst, ein Archiv für in Tierversuchen bestrahltes Gewebe aufzubauen. Viele der Proben, die sie aus Labors in den USA erhält, sind nicht mehr brauchbar. Das gilt auch für einen Teil der am SUBI deponierten Präparate – aber keinesfalls für alle. Mit modernen molekularbiologischen Methoden glauben die bereits beteiligten Wissenschaftler, etwa Jahrzehnte alten Mäuseherzen aus Osjorsk hilfreiche Hinweise entlocken zu können. Hinweise, nach denen nie jemand suchte, weil der Fokus der Mediziner auch in Zeiten des Kalten Krieges immer auf der einen Krankheit lag: Krebs.

„Wir können jetzt auch nach Spuren anderer Erkrankungen Ausschau halten“, sagt eine Forscherin vom Helmholtz-Zentrum in München. Die Suche ist natürlich eine mühsame: Zum einen, weil viele der Zellreaktionen, die man entdecken wird, nicht auf die Strahlung zurückzuführen sein können. Zum anderen, weil jedes Gewebe anders auf Strahlung reagiert. Die Frage, die sich viele Experten schon lange stellen – ob es einen Schwellenwert auf der Strahlungsskala gibt, der sich als gesundheitlich unbedenklich erweist oder sogar als nützlich, weil er die Zellen „abhärtet“ –, lässt sich daher auch nicht so einfach beantworten. Erfreulich wäre, wenn alles, was die Forscher über die Wirkung der Strahlung herausfinden werden, am Ende eher dem reinen Erkenntnisgewinn dient – weil die strahlenden Gefahren inzwischen abgeschafft wurden.

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11:50 07.06.2012

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