Am Moritzburger Teich

Kehrseite I Diese Katze war überall unerwünscht, wirklich. Und ich selbst war schon alle Nervenärzte in der Stadt und in den Dörfern der näheren Umgebung ...

Diese Katze war überall unerwünscht, wirklich. Und ich selbst war schon alle Nervenärzte in der Stadt und in den Dörfern der näheren Umgebung abgelaufen. Ich hatte sie alle durch, alle. Habe mich zu guter Letzt beim Leuchtturm am Moritzburger Schlossteich hingesetzt und entschied, dass ich es selber klären müsse: das Leben.

Auf diesem Wasser hatte der Adel früher Seeschlachten aufführen lassen, während man vom Turm aus zuschaute. Da sich das Meer weit weg befand und in Moritzburg nur vom Hörensagen bekannt war, wurden "Seekriegsschiffe", Gondeln und Fregatten, ins seichte Wasser gelassen, um einen mitreißenden Schaukampf zu zeigen. Mein Urgroßvater hat noch davon erzählt. Es hagelte Kanonenkugeln, und Meutereien fanden fürs Leben gern statt.

Ich war an diesem stillen Teich wohl verpflichtet, mir einzugestehen, dass alle meine inneren Kämpfe bis jetzt auf Treibsand ausgetragen worden waren. Der Psychiater, den ich zuletzt konsultierte, hatte mich gefragt, warum ich meinen Mann nicht verließe, und ich hatte ihm wahrheitsgemäß geantwortet: "Finanziell bin ich vom ihm, den ich schon lange nicht mehr als meinen Ehemann sehe, abhängig."

"Das ist nicht so", sagte der Arzt zunächst ganz zuvorkommend. Ich hielt meine Hände ruhig im Schoß, mein Blick war etwas zur Seite gerichtet, meine schwarzen Haare hingen auf meine Schultern. So arrogant ruhig saß ich auch immer, wenn es Besuch für den Pastor gab und ich gerade nicht mit allerlei Köstlichkeiten hin und her zu traben brauchte: äußerlich eine anziehende, unerreichbare Frau, innerlich ein höllischer Kessel, worin die Nerven einander nach dem Leben trachteten.

"Die Welt ist so gemacht, dass sie uns am liebsten nackt mit ihren Elementen umarmt, das vergessen wir manchmal ..."

"Herr Feinholz, ich habe zwei junge Kinder, die ich von Herzen liebe."

"Die werden wohl selbst entscheiden, bei wem sie bleiben."

So ging es einige Zeit. Der Mann war unbeugsam: Er sorgte dafür, dass ich in meinen eigenen Augen eine selbstständige Frau wurde und mit festem Schritt durch Wiesen und Felder ging, Getreide strich an meinen Knien und Waden entlang.

"Wollen Sie mich bitte in Ruhe lassen?", schrie er plötzlich. "Sie vergeuden meine Zeit, verschwinden Sie!" Er wollte keinen Cent von mir annehmen, trotz unserer Unterhaltung von einer halben Stunde; ich selbst hatte eben gerade wegen der Kosten heimlich auf meine Uhr geschaut. "Ich lasse mich nicht dafür bezahlen, um Probleme in der Welt zu behalten", sagte er. Und zugeschlagen war die Tür.

Während ich am Wasser saß, begann in mir etwas zu tagen: "Das Wasser vertieft sich in den Sand wie das Leben in den Tod ..." Da kam eine Katze auf mich zu. Es schien, als wäre sie so aus dem Turm geschritten; geschwind und schlau ging sie durch den Sand. Tiere haben eine Seele, das weiß ich sicher. Mit den Kindern hatte ich einst einen Tierfriedhof gebaut, und oft hatte mein Söhnchen ein gestorbenes Tier über dem Altar gehalten, während wir zu dritt leidenschaftlich versprachen: "Wir werden dich nie, nie, nie vergessen! Wir werden dich nie, nie, nie vergessen!"

Die große, graue Katze besaß nur ein Auge. In ihrer Zunge steckte eine Fischgräte, so mächtig, dass die Zunge nicht mehr ins Maul zurück konnte. Es war ein Mittelding zwischen Stoßzahn und Horn. Als Mädchen habe ich oft einen großen Dorn von einem Rosenstiel gebrochen, ihn angeleckt und auf meine Nase geklebt. Und ich war erst zufrieden, wenn die Konstruktion auch quer gegen den Wind standhielt. In meiner Einbildung war ich dann ein Nashorn.

Ich habe die Katze unter meinen Arm genommen und mich auf den Weg gemacht, entlang der Felder und durch Dörfer, aber jedermann wurde durch das eine Auge abgeschreckt - von der gigantischen Gräte ganz zu schweigen.

Ein blinder Sänger mit einer Cola-Dose, darin ein paar Münzen, war bereit, mir zu helfen. Wir steckten die Katze in einen seiner hohen Stiefel, nachdem ich in einer Werkstatt eine Zange geholt hatte. Während er den Stiefel mit dem Tier und dessen Kopf gut festhielt, kam ich mir vor wie ein Straßenarzt aus einer zurückgebliebenen Gegend in Asien. Es ist schon längst vorbei, und die Details habe ich glücklicherweise vergessen. Ich hielt die blutige Zange und erschrack vom Aufspringen der Katze, dem Fallen des Stiefels.

Das Tier ging nun vor mir. Offenbar liefen wir wieder zum Leuchtturm. Die Katze kroch unter dem schon verrosteten Zaun des Eingangs durch, und ich konnte mir mit der Zange eine Öffnung schneiden.

Wovon sie lebt, weiß ich nicht. Ich für mein Teil verkaufe selbstgeangelten Fisch auf dem Markt. Anfänglich musste ich hier und da ein wenig stehlen, um durchzukommen. Die Kinder wissen, wo ich bin. Und solange die Katze keinen Fisch frisst, lasse ich kein Problem mehr an mich heran.

Ruud van Weerdenburg, geb. 1956 in Alkmaar, Niederlande, wohnt und arbeitet in Wien und Amsterdam.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

00:00 03.05.2006

Ausgabe 15/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare