Am Nabel der Welt

Abseits der Seidenstrassen-Klischees Das "Haus der Kulturen der Welt" in Berlin zeigt zeitgenössische Kunst aus Zentralasien

Man stelle sich vor, die einst gefeierten Knaben- und Fräuleinwunder der schönen neuen deutschsprachigen Literatur wären nicht bloß schreibende Dandys und Girlies gewesen, sondern Traktoristen oder leitende Angestellte in mittelständischen Maschinenfabriken. Was bei Christian Kracht oder Tanja Dückers vermutlich nur snobistisches Stirnrunzeln hervorrufen würde, ist in der zentralasiatischen Republik Kirgistan eher die Regel denn die Ausnahme. Sherboto Tokombaev etwa, einer der bekanntesten Jungautoren aus dieser Region, ist im Hauptberuf Manager einer Firma, die Autobatterien herstellt. Wenn es überhaupt einen literarischen Betrieb in den ehemaligen Sowjetrepubliken Zentralasiens gibt, dann ist er unbezahlt und das Produkt von Eigeninitiativen. "Weil man zum Veröffentlichen Geld braucht und die jungen Autoren keines haben", klagt Tokombaev, "sind sie weder zu hören noch zu sehen".
Mangelnder Austausch ist eines der Hauptprobleme der jungen Künstler Zentralasiens. Im In- wie im Ausland sind sie nahezu unsichtbar. Im Berliner Haus der Kulturen der Welt hat man ihnen nun eine Plattform gegeben, auf der sich viele der Kunstschaffenden der Post-Sowjetära erstmals im Westen präsentieren können. Unter dem Motto Abseits der Seidenstraße hat man Literaten, Musiker, Filmemacher und bildende Künstler in den Tiergarten geladen, die hier zwei Monate lang ihre Arbeiten präsentieren.
Für die zentralasiatische Kulturszene ist diese neue Weltzugewandtheit aus vielerlei Gründen von Bedeutung. Wurden die Steppen- und Wüstenländer in den Grenzregionen Afghanistans durch den Tunnelblick des kalten Krieges nur als östliche Satelliten des Sowjetimperiums wahrgenommen, so gelten diese islamisch geprägten Staaten heute oft nur als verlängerte Chilling Zone für Terroristen. Getauscht wird mit den jungen und erdölreichen Republiken am Tian Shan zwar vieles, doch am allerwenigsten kulturelle Erfahrung. Fast, könnte man meinen, hat dies Methode: Bereits die Seidenstraße, die seit der Antike die Länder Eurasiens miteinander verband, war letztlich nur eine kulturelle Umgehungsstraße. Ein ausgeklügeltes Zwischenhändlersystem förderte zwar den ökonomischen Exotismus, nicht aber den Transfer von Lebensarten.
Für Valeria Ibrayeva, Leiterin der zum Programm gehörigen Kunstausstellung No Mad´s Land, liegt Zentralasien trotz alledem irgendwie am Nabel der Welt. Gleich weit von den USA, Europa oder dem Nordpool entfernt wird hier nicht nur Geographie gekreuzt, sondern ebenso historische Erblast. Der seit dem Zusammenbruch der UdSSR wiederaufblühende Nationalismus in den multiethnischen Republiken ist da letztlich nur ein Beweis dafür, welch Sprengkraft die ideologisch weichgekochten Identitäten entwickeln können, wenn man vom "melting pot" den Deckel nimmt. Und so bewegt sich die staatlich geförderte Kunst in Kasachstan und Usbekistan zumeist irgendwo zwischen Heroenkult und Jurtenkitsch. Experimentelle Künstler, so die Klage vieler Kulturschaffenden, gibt es selten. Und wenn dann doch einmal einer auftaucht, dann gilt er als Exzentriker oder hoffnungsloser Fall.
Der Kasache Sijachan Schajgeldinov etwa war so einer. Als er kurz nach der Perestroika mit grauem Offiziersmantel und Videokamera bewaffnet durch Almaty zog, um seine Pop-Art-Objekte auf offener Straße auszustellen, erntete er dafür nicht nur Schulterzucken, sondern des öfteren auch mal Inhaftierungen. Für den Ruhm, in kleinen Insiderzirkeln heute als "Vater der kasachischen Videokunst" zu gelten, musste der Eigenbrödler einen hohen Preis bezahlen: Vor zwei Jahren hat er sich das Leben genommen. "Ich konnte mit mir nicht klarkommen", so seine letzte Botschaft aus dem sich im überschlagenden Wandel begriffenen Kasachstan.
Die Kunstgeschichte Zentralasiens scheint primär eine Aneinanderreihung von solch tragischen, manchmal aber auch komischen Anekdoten zu sein. Moldakul Narymbetov etwa, Vordenker einer Künstlergruppe namens Roter Traktor, veranstaltete Mitte der neunziger Jahre erste Versuche in Aktions- und Performance-Künsten, ohne auch nur zu ahnen, dass es dieses Genre im Westen eigentlich schon seit der Dada-Bewegung, spätestens aber seit der Fluxus-Kunst der siebziger Jahre gab. Zu Sowjetzeiten vollkommen abgeschnitten vom kulturellen Informationsstrom oder angewiesen auf die simplifizierende Moderne-Interpretation der kommunistischen Kunstverbände, kam es nicht selten dazu, dass man das Rad gleich zweimal erfand. Manchmal scheint es gar, als wäre der sagenumwobene Flugzeugabsturz des Joseph Beuys im Winter 1943 für diese Region über Jahre der letzte Einbruch der modernen Kunst gewesen. Es verwundert jedenfalls wenig, dass der so nahe Kasachstan Gestrandete noch heute als Lehrmeister der zentralasiatischen Experimentalkunst verehrt wird.
Spätestens seit Mitte der achtziger Jahre, so erzählen viele der bei No Mad´s Land ausstellenden Künstler, bekam man Nachrichten über die westliche Avantgarde nur noch durch mündliche Kanäle mitgeteilt. Die sogenannte "Küchenopposition" brodelte immer dann, wenn jemand Neuigkeiten aus progressiven Moskauer Galerien berichten konnte. Die aus Almaty stammende Installationskünstlerin Almagul Menlibayeva scheint dies mit ihrer, in der Ausstellung gezeigten Arbeit Untersuchung zu Ablagerungen meines Zimmers wieder aufzugreifen. Zwischen Nähmaschine und Kühlschrank sitzt die junge Frau in einem weißen Brautkleid und lädt jeden in diesen kleinen improvisierten Raum ein, der sich bei einem Glas Tee mit ihr unterhalten will. Auf diese Weise hält Menlibayeva nicht nur die Erinnerung an Dissidenz und "Küchengespräch" aufrecht, sondern thematisiert ebenso die Jahrtausende alte "oral history" der Nomadenvölker Zentralasiens.
Ein Erbe ganz anderer Art beschäftigt Hakim Tourdiev. Auf einer Bodeninstallation aus Dutzenden kleinen Salzhaufen setzt er sich mit dem Austrocknen des Aralsees auseinander. Nachdem man 1964 die den See speisenden Flüsse zur Bewässerung von Baumwollfeldern umgeleitet hatte, begann der See zum großen Teil zu verlanden. Heute zeugen oft nur noch im Sand verrostende Schiffe und die salzige Luft von den einstigen Ausmaßen des riesigen Gewässers. Über Jahrzehnte war Zentralasien lediglich ein Mülleimer der Sowjetunion. In den unendlichen Weiten der Steppen wurden die Böden zur Plünderung der Rohstoffe aufgerissen, um anschließend mit Atomschrott wieder angefüllt zu werden.
Darüber hinaus aber gab es in diesen Jahren in Kasachstan noch Auslagerungen ganz anderer Art: die der nicht konformen Gedanken. Auf einem Wandobjekt mit dem Titel Fliegendes Weiß präsentiert Georgy Tryakin-Bukharov die letzten Insignien des stalinistischen Gulags in Karaganda, dem größten Lager Kasachstans. Schilder, Fotos und Lumpen zeugen von dem Leid der ab den dreißiger Jahren hierher verbannten Intellektuellen und Querköpfe. Für die Kunsthistorikerinnen Larissa Pletnikova und Dana Safarova liegt in diesem Umstand gar die Wurzel der heutigen kasachischen Avantgarde verborgen. Verbannte Künstler wie Wera Jermolajewa und Wladimir Sterligow sollten auf diese Weise mundtot gemacht werden, doch ihre für das System subversiven Kulturauffassungen wurden an ihren Verbannungsorten oftmals weiterverbreitet. "So paradox es klingen mag", so schreiben die beiden Kunsthistorikerinnen in einem Beitrag für den Ausstellungskatalog, "die stalinistischen Säuberungen spielten bei der Herausbildung der kasachischen Kultur und der Entstehung einer eigenen Kunst eine maßgebliche Rolle".
Dabei sind die Medien, die von den meist in der liberaleren Ära Chrustschows geborenen jungen Künstlern verwendet werden, vielseitig: Von der Fotografie über Videoinstallationen bis zum Internet nutzen sie alles, was nicht nach Tafelmalerei und augenfälligem Realismus riecht. Auf diese Weise stehen sie heute zwischen allen Stühlen: Wo viele Alteingesessene aus den einstigen Kunstverbänden den sozialistischen Realismus flux gegen nationalistische Modelle gleicher Bauart getauscht haben, da wollen die Künstler von No Mad´s Land einen grundlegenden Neuanfang.
Wer die Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt besucht, der kriegt schnell mit, dass dieses Laborieren und Abtasten neuer expressiver Fertigkeiten nicht nur Plackerei und Handicaps mit sich bringt, sondern dass es den Künstlern zudem auch noch Heidenspaß bereitet. Fast fühlt man sich erinnert an den frischen Luftzug, der durch die westliche Szene ging, nachdem eine Horde kunstschaffender Halbstarker auf der legendären documenta IV den dahinplätschernden Betrieb für Jahre nachhaltig nach vorn gepuscht hatte. Wenn man auf diese Weise dann wieder bei dem Bruchpiloten und damaligen documenta-Guru Joseph Beuys anlangt, dann mag das nur bestätigen, was Kuratorin Valeria Ibrayeva anfangs apostrophiert hatte: Wer die Welt nur richtig zu drehen versteht, für den ist Zentralasien tatsächlich der Nabel der Welt.

No Mad´s Land - Zeitgenössische Kunst aus Zentralasien. Noch bis zum 20.05. im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Zum Gesamtprogramm Abseits der Seidenstraße ist ein Katalog erschienen. Er kostet 10 Euro.

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00:00 28.03.2002

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