Am Ufer der Spree

Heimatbuch Gerd Conradts Band über die Spree

Ginge es immer nur nach dem Willen der deutschen Klischeeproduzenten, wäre die Spree ein Fluss in aller Munde. Denn die Spreewaldgurke ist für den Westen unserer zauberhaften Heimat zum Begriff für alles Östliche geworden: Kommunismus, Fremdheit, andere Biografien, alles deutet sich aus dem Begriff dieses Gemüses, dessen Namen zu DDR-Zeiten entfallen durfte. Man musste nicht Spreewaldgurke sagen, weil Gurken eh nur aus dem Spreewald kamen. Es wäre so, als ob man stets von einer Berliner Bockwurst gesprochen hätte, wenn man sie am Kiosk bestellte.

Zum Glück spielt die Spreewaldgurke in dem informativen Foto- und Textband Gerd Conradts über den Lauf der Spree von der Quelle bis zur Mündung nur die Nebenrolle, die ihr gebührt. Conradt, der aus Schwiebus an der Warthe gebürtig ist, später in Großbreitenbach und Erfurt lebte, ehe es ihn als jungen Mann nach Westberlin zog, wollte ursprünglich einen Film über die Spree drehen, die außer von Dampferpassagieren und Grenzsoldaten in den Jahrzehnten der Teilung Berlins weitgehend unbeachtet blieb.

Das Buch lässt offen, ob dieser Film fertig wurde. Es ist lediglich ein gedrucktes Drehbuch mit Fotos, in dem Menschen erzählen, was sie mit dem knapp 400 Kilometer langen Wasserlauf verbindet. Beim Lesen gelangen wir über die Lausitz, das "Pfützenland", wie es heute wegen seiner vielen Braunkohlentagebaurestlöcher genannt wird, das "Fürst-Pückler-Land" rund um Bad Muskau, den Spreewald, Beeskow und Fürstenwalde bis nach Berlin, wo die Spree in die Havel mündet, diese wiederum in die Elbe, und die in die Nordsee.

"Wenn jemand in Bautzen in die Spree spuckt, kommt das nach geraumer Zeit hier in Berlin bei uns an", erzählte Ute Fritzsch, die aus der Sorbenhauptstadt stammt, ihren Kindern in der deutschen Hauptstadt. Um Bautzen umfließt der Fluss den Felsen, auf dem sich die mittelalterliche Stadt erhebt, an drei Seiten. Zuvor streiten sich die Sorben, wo denn die Spree eigentlich entspringt. Heute hat die Quelle am 581 Meter hohen Kottmar die Deutungshoheit, im Brockhaus von 1908 ist es noch Alt-Gersdorf.

Es ist schwierig, den Charakter des Buches zu bestimmen. Auf den interessierten Leser wirkt es wie eine Mischung aus Heimatbuch und Arbeitsheft. Gerd Conradt stellt seinen Interviewpartnern immer wieder Standardfragen, beispielsweise, wie sie die Wende erlebt haben und was ihnen der Begriff Fortschritt bedeutet. Es kommen zumeist Standardantworten, in denen das Wort Wahnsinn eine entsprechende Rolle spielt. In einem Dokumentarfilm mögen solche flüchtigen Eindrücke, kombiniert mit optischen Eindrücken ihre Wirkung entfalten, in einem gedruckten Werk wird die Wiederholung des weitschweifigen Materials zeitweise recht ermüdend.

Wie man sich dem doch recht bescheidenen deutschen Gewässer Spree nähern kann, zeigt uns der sorbische Romancier Juri Brezan, der bei Conradt Brizan heißt, so wie Kito Lorenc fälschlicherweise Lorenz. Bei dem fast neunzigjährigen Brezan stellt sich die Dialektik von Kleinem und Großen so dar: "Das Wasser der Weltmeere wäre ein anderes, würde es nicht auch das Wasser der Spree aufnehmen."

Hervorzuheben ist, dass neben kulturellen Gesprächspartnern wie Klaus-Peter Schuster, dem Generaldirektor der Staatlichen Berliner Museen, dem Fontanekenner Gotthard Erler, dem Filmregisseur Tom Tykwer oder dem Historiker Laurenz Demps auch Umwelt- und Agrarexperten zu Wort kommen. Sie berichten über den Wandel der Industrielandschaft in den vergangenen 15 Jahren, über den Bau von Staudämmen oder das Problem des Füllens der ausgekohlten Gruben mit Spreewasser. So soll eine hübsche Badelandschaft rund um Senftenberg und Hoyerswerda entstehen, was die dortigen Bewohner wohl nur leicht über den Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen im Bergbau und der Energieindustrie hinwegtäuschen dürfte. Gleichzeitig sinkt durch solche Verfüllung das Wasser des Flusses erheblich, was eine große Gefahr für den Spreewald mit seinen 300 Verzweigungen von 1.500 Kilometern Gesamtlänge bedeutet.

Im Spreewald wohnt der Agraringenieur Manfred Werban, der als Bodenkundler die Moore des Spreewaldes kannte. Und er kannte zu DDR-Zeiten die Pläne, den inneren Teil des Spreewaldes zu roden, um landwirtschaftliche Flächen zu gewinnen. 45.000 Rinder sollten in dieser neu entstehenden Pampa weiden. Werban warnte davor und wurde aus der Region verbannt. Zum Glück war das Projekt der Melioration derart unrentabel, dass es aufgeben wurde. Auf Werban waren zeitweise 15 IMs angesetzt.

Wer sich für die Geschichte der südöstlichen Umgebung Berlins interessiert, und die Zahl solcher Leute soll sich 15 Jahre nach dem Fall der Mauer langsam steigern, der erfährt außerdem etwas über das Leben des Schriftstellers Erwin Strittmatter im niederlausitzschen Bohsdorf, über die fast vollständige Zerstörung der Stadt Spremberg im April 1945 und über die interessante Entwicklung des mittelalterlichen Beeskow. Über Cottbus und Fürstenwalde, zwei ebenfalls an der Spree gelegene Städte dagegen so gut wie nichts. Für Berlin ist Falk Walther ein Gesprächspartner, der mit der Arena am Treptower Flussufer ein Musikzentrum von Ruf aufbaute. Klaus-Peter Schuster schwärmt von der Museumsinsel zwischen den beiden Spreearmen. Und ein sympathischer Zug ist es, dass in Conradts Buch von der Nationalgalerie die Rede ist, und nicht, wie es neudeutsche Einteilungslust bestimmt, von Alter Nationalgalerie, bloß weil Mies van der Rohe auf dem Kulturforum hinter dem Potsdamer Platz ein Museum baute, das die Westberliner Neue Nationalgalerie nannten. Man stelle sich vor, in Paris hieße der Louvre plötzlich Alter Louvre, weil irgendjemand das Centre Pompidou als Neuen Louvre bezeichnete.

Eine schöne Episode berichtet Gotthard Erler, der beim Berliner Aufbau-Verlag die Fontanegesamtausgabe betreute. Als er am 13. August mit seiner Frau im "Café Dorsch" am Scharmützelsee saß, durch den die Spree fließt, begrüßte sie der Kellner mit dem Satz: "Na, haben Sie och den letzten Zug verpasst?" Vielleicht wird man ja wieder in der Berliner Spree baden können, wie wir es als Kinder im Freibad Oberspree in den fünfziger Jahren noch taten. Mutprobe: Das Entern eines von bis zu acht Kähnen, die der Schlepper durch die Mitte des Flusses zog. Kann doch bald sein. Wer hätte schließlich vor zwei Jahrzehnten damit gerechnet, auf den Stufen am Ufer der Spree am Reichstag zu sitzen und die Ausflugskähne zu zählen, die dort an einem Sommertag im Minutentakt vorbeischippern.

Gerd Conradt: An der Spree. Der Fluss. Die Menschen. In Zusammenarbeit mit Hedwig Korte. Transit, Berlin 2005, 200 S., 19,80 EUR


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00:00 20.01.2006

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