An der Schwelle zum Paria-Staat?

Der Wahnsinn von Kuta Ins Herz getroffen ist weder Australien noch "der Westen", sondern Indonesien

Ist es erlaubt, mit Indonesien zu trauern? Kann ein muslimisches Land Opfer eines Anschlags sein, dessen Urheber - zu Recht oder Unrecht - unter Terroristen muslimischen Glaubens vermutet werden?

Das Massaker von Bali spräche für sich selbst, sagte der US-Botschafter in Jakarta. Nichts falscher als das. Die Autobombe, die rund 200 junge Leute tötete, ist nicht beredt. Sie hat keine entzifferbare Botschaft, enthält nichts, was der Definition von politischem Terrorismus folgen könnte: durch Verbreiten von Furcht und Schrecken ein politisches Ziel zu erreichen. Hier wurde nicht die Verwundbarkeit einer Großmacht demonstriert, hier empfindet niemand klammheimliche Freude. Die Diskothek im Touristenort Kuta hat mit dem World Trade Center in New York nur eines gemeinsam: Die Toten waren hier wie dort ahnungslose Zivilisten, und sie starben auf entsetzliche Weise. Damit endet jeder sinnvolle Vergleich. Unter den Toten sind viele Australier - aber den Anschlag deswegen zu einem "australischen 11. September" zu erklären, erweckt den Eindruck, die Regierung in Canberra habe nur darauf gewartet, sich pathetisch an die Seite der USA werfen zu können. Ins Herz getroffen ist mit diesem Anschlag weder Australien noch "der Westen", sondern Indonesien - politisch, wirtschaftlich, moralisch.

Der Tourismus, zweitwichtigste Devisenquelle, ist ruiniert. Die Währung fällt, die Börsenkurse sacken, ausländische Investoren, ohnehin rar, ziehen sich zurück. Bali, überwiegend hinduistisch, war das bekannteste Beispiel für die Glaubensfreiheit im größten muslimischen Land der Welt. Ein Beispiel für Friedlichkeit, ein Gegenpol zu den Inseln der ständig schlechten Nachrichten, zum Gemetzel auf den Molukken und in West-Papua. Bali war auch die Wählerhochburg der Präsidentin Megawati, die manchen radikalen Muslimen zu hindu- und christenfreundlich ist. Zielte der Anschlag auf all das? Auf die Zerstörung inner-indonesischer Toleranz, ethnischer Harmonie, Liberalität gegenüber Fremden? Man weiß es nicht - und wird es vielleicht nie erfahren.

Seit vier Jahren - seit dem Sturz des Diktators Suharto 1998 - ringt das Land um wirtschaftliches Überleben, um territorialen Zusammenhalt, um Fortschritte auf dem Weg zur Demokratie. Tausende Indonesier sind in diesen vier Jahren eines gewaltsamen Todes gestorben, Opfer ethnischer Konflikte, von Lynchjustiz, von Übergriffen des Militärs. Und doch schien die Lage nie so aussichtslos, so hoffnungslos wie jetzt, da es in den Augen des Westens zum Paria wird.

Ist Indonesien selbst schuld? Der Kehrreim der Nachrichten dieser Tage: Präsidentin Megawati habe den Kampf gegen muslimische Terroristen im eigenen Land nicht ernst genommen. Einige bärtige Fundamentalisten, die Washington längst verhaftet sehen wollte, haben sich von dem Anschlag eilends distanziert. Hätte Megawati nach dem innenpolitischen Vorbild der USA etwa alle Muslime internieren sollen, die sich durch Reiseverhalten, technische Kenntnisse oder ominöse Bekanntschaften verdächtig machten? Im Nachbarland Malaysia wurden der Radikalität Verdächtige vorbeugend verhaftet - und der Westen applaudierte der Anwendung von Willkürparagraphen, die sonst den Protest von Menschenrechtlern hervorrufen. Malaysias Premier Mahathir polemisierte zum Ausgleich anti-amerikanisch.

Es gibt in der westlichen Welt, zumal den USA, ein tiefes Missverständnis über die muslimische Welt: Dass nämlich, wer den Terror ablehne, auf Seiten Amerikas stehen müsse. Viele südostasiatische Muslime sind aber, simpel gesagt, sowohl gegen den Terror als auch gegen die USA - zumindest gegen deren Anmaßung, ein Monopol auf die Definition von Gut und Böse zu besitzen. Das indonesische Drama handelt auch davon: Der sogenannte "Kampf gegen den Terrorismus" gilt als Unterwerfung unter den Westen, und wer sich den USA zu Willen macht, schürt Aggression und Bitterkeit.

00:00 18.10.2002

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