Philippe Wampfler
Ausgabe 1117 | 20.03.2017 | 12:45 1

Analoge Machtspiele

Bildung Digitaler Wissensaustausch weist in die Zukunft. Aber Eitelkeiten und Wettbewerb wirken wie Bremsklötze

Analoge Machtspiele

Hinter den Bemühungen um eine neue Kultur der Wissensvermittlung steckt eine große und ernsthafte Vision

Foto: Andreas Rentz/AFP/Getty Images

Wer in die Welt der digitalen Bildung eintaucht, wird mit Schlagwörtern in einem gewöhnungsbedürftigen Jargon überhäuft. Pioniere – die sich „Evangelisten“, „Innovators“ oder „Founders“ nennen – kämpfen gegen die trägen Strukturen und das Traditionsbewusstsein des Bildungssystems im deutschen Sprachraum. Statt an Tagungen nehmen sie an Barcamps teil, wo sich alle ganz locker duzen und den Plan für die Workshops spontan selber machen. Sie folgen, sharen und liken fleißig und lösen die Unterscheidung von Lehrenden und Lernenden beiläufig auf. Alle sind sie Teilgebende, die konsumieren und produzieren, zuhören und mitteilen.

Diese Bemühungen um eine neue Kultur der Wissensvermittlung erscheinen aus der Distanz vielleicht schrullig, dahinter steckt aber eine große und ernsthafte Vision: Digitale Medien werden hier als Mittel zu einem neuem Lernen begriffen. Dieses neue Lernen versteht nur, wer es selbst praktiziert. Die Perspektive der Lernenden ist dabei der Ausgangspunkt. Um tragfähige und umsetzbare Lösungen für konkrete Probleme zu finden, braucht es Kreativität, Kommunikation, Zusammenarbeit – und die Fähigkeit, Kritik als Ressource zu verstehen, nicht als Belastung. Feste Rollen und Institutionen sind dafür oft hinderlich, deshalb werden Hierarchien vermieden. Eine echte Fehlerkultur ersetzt das herkömmliche Bemühen um Perfektion.

Absage an die Buchkultur

Diese herausfordernde Vorstellung von digitaler Bildung verabschiedet die Buchkultur, in der souveräne, allwissende Autoren und Autorinnen alleine abschließend ihr Wissen in Bücher abgefüllt haben. Es ist der Beginn des vom Kommunikationswissenschaftler Michael Giesecke beschworenen „Jahrtausends des Gesprächs“, in dem permanenter Austausch der Ausgangspunkt für lebenslanges Lernen wird.

Das Projekt #Edchatde gilt als deutsches Vorzeigeprojekt für diesen Ansatz von digitaler Bildung. Unter der Leitung von André Spang aus Köln und Torsten Larbig aus Frankfurt entstand im Netz eine lebendige Gemeinschaft von Lehrern, die sich zu Bildungsfragen austauschten. Dabei loggte sich immer dienstags um 20 Uhr eine größere Zahl von Lehrkräften auf Twitter ein und tauschte sich mit Kurznachrichten über verschiedene Bildungsthemen aus. Darüber hinaus verabredeten sich Interessierte zu diversen Projekten zur digitalen Bildung.

Doch der wohlwollende und konstruktive Austausch war – und ist – durch Profilierungs- und Positionierungskämpfe bedroht. Und das nicht erst seit der Ankündigung von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), fünf Milliarden Euro in die Digitalisierung von Schulen zu stecken. Digitale Bildung ist schon jetzt zu einem Markt geworden, der von den Mechanismen des Wettbewerbs bestimmt ist. Oft steht dabei gar nicht Geld, sondern Aufmerksamkeit im Vordergrund. Ein Gedanke geistert unausgesprochen durch die digitale Szene: Wer sich rechtzeitig und geschickt in Position bringt, mit programmatischen Referaten und den richtigen Büchern, kann schnell zu einer Leitfigur der digitalen Szene werden. (In dieser Aufmerksamkeitsökonomie bewegt sich freilich auch der Autor dieses Beitrags.)

So wird die Versuchung groß, bei den Idealen der Community Abstriche zu machen. Vor diesem Hintergrund beginnt das Lehrstück um den digitalen Edchatde ausgerechnet mit der Publikation eines analogen Buches, das Larbig und Spang pünktlich zur Bildungsmesse Didacta 2017 im Februar der überraschten Online-Community präsentierten. Gemeinsam mit einem kleinen Team aus Autoren war der lebendige Chat in einer Art Geheimprojekt zwischen zwei Buchdeckel gepresst und mit Einleitungen, Kommentaren und Zusammenfassungen versehen worden. Was die Herausgeber „kuratieren“ nannten, empfanden die Mitglieder des Edchatde auf mehreren Ebenen als problematisch: Viele Chat-Beiträge wurden aus dem bei Twitter unabdingbaren Gesprächskontext gerissen, andere willkürlich anonymisiert. Häufig geschah beides gleichzeitig. Engagierte Mitglieder fühlten sich überrumpelt, als sie ihre für den Chat verfassten Twitternachrichten im Buch wiederfanden. Dabei wäre es leicht gewesen, das Einverständnis der Urheber einzelner Beiträge einzuholen.

Solche Stilfragen spielten für Larbig und Spang jedoch keine Rolle, sie beriefen sich darauf, dass Kurznachrichten juristisch keinen Schutz genießen und deren Publikation rechtlich vollkommen unbedenklich ist. Das Buch offenbarte indes auch gravierende formale, inhaltliche und konzeptionelle Schwächen: So enthält es beispielsweise absurd lange Links, die man Zeichen für Zeichen abtippen müsste, um an die verknüpften Inhalte zu gelangen. Trotz entsprechender Lizenz war das Buch zunächst nicht frei im Netz, sondern lediglich als kostenpflichtiges Print- oder E-Book verfügbar. Erst das Engagement Dritter machte eine Netz-Version frei zugänglich.

Kurz: Nach der Publikation gab es innerhalb der Edchatde-Welt plötzlich viel zu diskutieren. In mehreren Blogposts stellten Mitglieder der Community wie auch eine Mitautorin Fragen und übten sachliche Kritik. Darauf fielen die Herausgeber in eine Lehrerrolle, in der andere wie unwissende Schüler behandelt werden. Verschanzt hinter rechtlichen Möglichkeiten priesen sie in einem Werbevideo vor allem sich selbst als „Founder“ des Buchprojekts an. Sie traten als eindimensionale Autoren der Buchkultur auf, nicht als digitale „Teilgeber“ – und wiesen Kritik als Neid zurück.

Eingebetteter Medieninhalt

Die oft beschworene Offenheit, die Fehlerkultur und die flache Hierarchie wurden durch klare Anweisungen zur Geheimhaltung, zur Verfestigung der eigenen Position und durch ein aggressives Machtgebaren ersetzt. Symptomatisch ist, dass auf dem Edchatde-Blog zwar ein kurzes Statement zur Verteidigung des eigenen Schweigens erschien, dieses aber nicht auf relevante Beiträge verlinkte. „Try – Fail – Try again – Succeed – Learn – Repeat“, sei das Motto des Edchatde, schrieb Larbig in jenem Blogpost. Die Kommentarfunktion wurde deaktiviert – und die Ironie ist offensichtlich: digitale Werte predigen, analoge Macht trinken.

Schädliche Egos

Woran scheitert also digitale Bildung als Gemeinschaftsprojekt, dessen Mittel – neues Lernen – sich mit seinen Zielen deckt? Erstens an den Egos der Menschen, die eigene Leistungen als wesentlich und die anderer als entbehrlich ansehen. Zweitens lockt der Markt mit Möglichkeiten zur Profilierung. Aber Wettbewerb ist das Ende von Kooperation.

Nach dem Scheitern des Edchatde werden andere versuchen, die Versprechen der digitalen Bildung einzulösen. Wie können sie die Mechanismen digitaler Inszenierung überwinden? Wie wird kritisches, reflexives Denken neben Glitzer-Apps und Buzzwords sichtbar gemacht und verbreitet? Drei Bedingungen müssten dazu erfüllt sein: Erstens muss digitale Bildung immer vom eigenen Lernen ausgehen. Das Netz ist ein Medium, um im Austausch mit anderen Lernenden Probleme zu beschreiben und dazu zu recherchieren. Daraus leitet sich, zweitens, die Forderung nach diversen und offenen Lernumgebungen ab: Erst wenn Perspektiven sich reiben und Lernergebnisse weiterverarbeitbar sind, entsteht ein Prozess, der über maschinelle Konditionierung hinausgeht. Drittens bestimmen Lernende selbst über ihre Lernprozesse. Autonomie befreit sie genauso von der Abhängigkeit von autoritären Lehrenden wie von Initiativen der Bildungswirtschaft, für die sich digitale Ideale auf Marketing reduzieren. Sind diese Bedingungen erfüllt, verlieren Egos, Markt und Sicherheitsreflexe ihren Einfluss auf digitale Bildungsprojekte.

Philippe Wampfler arbeitet als Lehrer an der Kantonsschule Wettingen im Schweizer Kanton Aargau und gilt als einer der profiliertesten Autoren zum Thema digitale Bildung

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.

Kommentare (1)

Gunnar Jeschke 22.03.2017 | 21:38

und lösen die Unterscheidung von Lehrenden und Lernenden beiläufig auf

Ich schlage vor, wir lösen auch die Unterscheidung zwischen Babys und Eltern auf. Alle haben die gleichen Rechte und Pflichten.

Ach so, bei dem System würden die Babys nicht groß?

Eben, die Schüler und Studenten werden auch nicht groß, wenn sie nicht von denen lernen, die schon wissen.

Es ist völlig unsinnig, anzunehmen, man müsse nichts mehr wissen, weil ja alles digital verfügbar sein. Man kann nämlich gar nichts finden, wenn man nicht schon etwas weiß und man kann dann nicht mal einschätzen und einordnen, worüber man zufällig stolpert.

Der Zeitgeist in den westlichen Gesellschaften ist heutzutage in vieler Hinsicht krank. Was Didaktik und Pädagogik anbelangt, ist er todkrank.