Anfang und Ende

Berliner Abende Kolumne

Was macht die Straße zu einer Straße? Die Straße einer Stadt, mit einem Namen versehen, mit Asphalt oder Kopfsteinpflaster bestückt, von Straßenlaternen gesäumt, von Häusern mit Balkonen bewacht, von Autos befahren - eine Straße, die kaum mehr etwas von ihrem Ursprung als Feld vermuten lässt.

Jede Straße hat ihre Geschichte, irgendeine, die in die Vergangenheit zurückgeht, neben den zahllosen Geschichten anderer Straßen - und den zahllosen Geschichten ihrer Bewohner. Manche Straße entscheidet sich für eine einzige, eine ganz besondere, alltägliche Geschichte.

Die Neuköllner Weichselstraße erzählt von einem Anfang und dem Ende - und sie vermischt geschickt das Ende mit dem Anfang, den Anfang mit dem Ende.

Wenn man das obere Ende als Anfang nimmt, verhehlt sie keineswegs, dass sie aus Sand und Wiese ihren Anfang nahm, Sportflächen bestätigen dies, aber auch die mit Bretterverschlägen unzugänglich gemachten Brachen, die sich dahinter verbergen. Bis sie ins Wasser führt - getreu nach dem Fluss, von dem sie ihren Namen hat, dem polnischen "Wisla". Am Weichselplatz verkünden die Vögel ihre optimistische Meinung vom nahenden Frühling, und auch das Spielen und Schreien der Kinder bündelt Anfänge.

Zumindest, wenn man der Natur den Anfang zugestehen will. Oder ist es der Konsum, mit dem eine Straße ihren Beginn markiert?

An diesem oberen Ende wird die ungefragte Identität einer Straße brüchig, hier zeigt sie ihre Blöße, franst aus. Ausgesetzte Kühlschränke schwitzen ihr Letztes an Fluorchlorwasserstoff aus, durchgeschmorte Matratzen erzählen von einstigen Leidenschaften, Schränke stehen windschief im Regen, bis sie zusammenklappen, Computerbildschirme zeigen ihr spiegelzerbrochenes Nichts ohne Daten. Einige Häuserblöcke vorher sind es die Läden der Trödler. Beschämte Garderobenständer, vergebliche Heimtrainer, private Peinlichkeiten, schonungslos der Öffentlichkeit preisgegeben und Bücherkisten, die verraten, dass jede Lektüre ihr Ende hat.

Ein Ende, das an der Karl-Marx-Straße ihren properen Anfang nimmt. Denn dort zeigt die Straße das konsumstolze Gesicht des Kapitalismus. Hinter großformatigen Schaufenstern glotzen Fernseher Passanten an, Kameras küssen den Star in mir wach, Musikanlangen wollen gestreichelt werden.

An dicken Eisenstäben hängen tausendfach Broiler, im "City-Chicken", dem Chicken für die ganze Stadt. Hier hat es ein Ende mit dem Fressen und Gefressenwerden, hier wird nur gefressen. Während man sich den Broiler aus der Plastiktüte angelt, kann man sich ein paar Häuser weiter an Badezimmereinrichtungen satt sehen, am gediegensten Thron für die luxuriöseste Verdauung der Welt. Aber auch eine Armatur kann schon Freude bereiten; mit einer silberlädierten Armatur kann man glücklich nach Hause gehen und sie sich auf den Nachttisch stellen. Man kann sich auch ausmalen, mit dickem vollem Bauch in die Badewanne zu steigen, oder einmal im Leben mit dem Fön ein gemeinsames Bad zu nehmen. Doch vor jedem Ende, ob Verdauung oder Fön, hat man die Möglichkeit, Dielenabschleifgeräten ins Angesicht zu blicken, wie sie frontal angeordnet auf die Straße starren, mit ihren grün-metallenen Körpern von Insekten, die sich gleich aus dem Fenster bewegen und alles abschleifen, was abschleifbar ist. Dielenabschleifgeräte kennen kein Ende, nur volle Säcke, doch die können geleert werden. Alles ist bis ins Unendliche abschleifbar, die Straße, die Bäume, die Autos und die Ohren der Hunde. Nach jedem Abschliff kann ein neuer Abschliff erfolgen, abschleifen kann man immer. Man kann die Erde abschleifen, die Planeten, die Sonne, den Kosmos, das All, bis nichts mehr da ist. Dann kann man beginnen, das Nichts abzuschleifen, bis zur Unendlichkeit - das zumindest behaupten die Dielenabschleifgeräte, die nie aufhören werden, abzuschleifen.

Es gehört zur besonders pfiffigen Philosophie der Straße, dass gerade die Abschleifgeräte mit ihrer Negation von Anfang und Ende den Wendepunkt markieren, den Übergang vom neuen Glanz in den gebrauchten, vom gebrauchten in den verbrauchten, vom verbrauchten zum Sperrmüll. Doch nicht ohne Rebellion. Im gegenüberliegenden Laden kann jeder noch einmal zum Sieger werden. Vorausgesetzt, er hat das Talent zum Skiflieger, kann er sich eine Medaille für den ersten Preis beim Skifliegen holen. Er kann einen Pokal beim Schneckensammeln gewinnen, beim Nussknacken oder beim Windschießen. Er kann aber auch in die nebenan liegende Auslange der Parterrewohnung einsteigen, sich einen Mustang schnappen und zwischen der Kaktuslandschaft hindurchgaloppieren. Das blaue Licht der Truelightlampe wird zu seiner Sonne, der Hausmeister zum Blutsbruder, und der Sound des Schlagers zur Prärie. Zwischen Ende und Anfang ist in dieser Straße vieles möglich.


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00:00 18.02.2005

Ausgabe 38/2021

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