Angriff auf Medana

Remake Das 10. Festival "Days of poetry and wine" in Slowenien fragte nach der Avantgarde

Kommt die Avantgarde aus den Bergen? Die Frage klingt wie Ironie. In den Bergen, den balkanischen zumal, vermutet man ja eher Partisanen, diesen Zwitter zwischen Rückzug und Ausfall. Doch als am vergangenen Wochenende in dem idyllischen Dörfchen Medana im Süden Sloweniens die Theatergruppe maska die legendäre Performance Pupilija wiederaufführte, die Ende der sechziger Jahre in Ljubljana für Wirbel gesorgt hatte, sah es zumindest für einen Moment so aus, als kehre ausgerechnet aus dem jüngsten EU-Mitgliedsstaat die tot geglaubte Avantgarde zurück.

Slowenien und Avantgarde - die Paarung ist nicht so unwahrscheinlich, wie sie klingt. Denn das kleine Land zwischen Österreich und Kroatien hat Erfahrung damit. 1920 plante in dem Städtchen Novo Mesto eine futuristisch inspirierte Avantgardetruppe ihren Angriff auf Ljubljana - so nannte sie eine große Kunstausstellung. Von hier frappierte zu Beginn der achtziger Jahre das Kunstkollektiv Neue Slowenische Kunst die europäische Kulturszene. Die paradoxe Ästhetik eines ihrer Aushängeschilder, die Mixtur aus Nazi-Emblematik und Soz-Art der Pop-Gruppe Laibach, ängstigte das sozialistische Jugoslawien dermaßen, dass es die Gruppe kurzerhand verbot. Und schon 1964 war der damals 23-jährige Lyriker Tomaz? S?alamun wegen seines aufsässigen Spiels mit avantgardistischen Posen vom Kommunistenschreck bis zum ästhetischen Schocker ins Gefängnis gewandert.

Einen neuen "Angriff auf Ljubljana" lösten die Szenen von kopulierenden Paaren und einer Beinahe-Köpfung eines Huhnes auf offener Bühne, die sich die Teilnehmer des 10. Literaturfestivals Days of poetry and wine auf einer kleinen Dorfbühne anschauten, nicht aus. Kein Wunder. Medana ist ein so idyllischer Flecken Erde, dass es schwer vorstellbar ist, dass von hier eine ästhetische Vorhut aufbricht. Der kleine Ort auf einem Berg inmitten einer sanften Hügellandschaft, eine Art slowenischer Toskana, wo einem die Granatäpfel in den Mund wachsen, man den Tag mit einem Glas Chardonnay beginnt und der Blick über Weinberge in die Triester Bucht schweift, ist von so paradiesischer Art, dass er jede Idee einer Rebellion in süßem Wohlgefallen ertränkt. Literaturkennern entlockt man über die Lyriktage, die hier seit genau zehn Jahren stattfinden, meist nur den schwärmerischen Satz: "Well - Medana is all about atmosphere".

Außerdem: Auch in Slowenien hat die Postmoderne die Avantgarde in den Ruhestand verabschiedet. Und dass ausgerechnet die Unscheinbarste und Leiseste der Künste, die Lyrik, heute die Welt neu nach ihrem Bilde formen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Jede öffentliche Kreuzigung von Madonna löst stärkere Schockwellen aus als ein noch so radikaler Vers. Und als der 1973 geborene, slowenische Lyriker Ales? S?teger das Festival vor zehn Jahren zusammen mit Studentenfreunden gründete, schwebte ihm einfach ein Treffen seiner Generationsgenossinnen vor und keine revolutionäre Keimzelle. Nur vom Mythos France Pres?erens, dem 1800 geborenen slowenischen Nationaldichter, dessen grünspanüberzogenes Denkmal Ljubljanas Zentralplatz dominiert und dem verblassenden Ketzer-Vorbild Tomaz? S?alamuns allein kann in Slowenien keine Dichterseele auf Dauer zehren.

Beim zehn Jahre älteren Festival von Vilenica Anfang September in den Karsthöhlen über Triest, während der achtziger Jahre eine wichtige Ost-West-Plattform, schlagen die Poeten politische Schlachten. Medana dagegen verdankt sich der Energie des Aufbruchs der politisch nicht festgelegten slowenischen Zonenkinder, die nach neuen Horizonten Ausschau hielten. Seitdem finden jedes Jahr Ende August rund 25 Poeten aus aller Welt ihren Weg in das Dörfchen an der italienischen Grenze. Wie zum Zeichen des frischen Windes, mit dem die Medana-Macher ihr Zwei-Millionen-Land mit Weltpoesie durchpusten wollen, flatterten in diesem Jahr ihre markantesten Verse, auf T-Shirts gedruckt, an einer langen Leine entlang der Dorfstraße: "Halt! Paradiesischer Sektor!" Dieser Vers des deutschen Lyrikers Jan Koneffke schien wie für Medana geschrieben.

Kein Wunder also, dass das Festival Medana eher als Spiegel poetischer Trends fungiert denn als ästhetisch-politische Speerspitze: Vom traurigen Poeten, der heilige Worte hauchte, bis zum schnoddrigen Asphaltlyriker, der seine Versprosa kurz angebunden, wie Gebrauchsanweisungen unters Volk streute, waren alle Prototypen der Marke Dichter vertreten. Von der 27jährigen Slowakin Jana Pácálova, die Motive ihrer "nichtfeministischen" Frauengedichte den Märchen ihrer Heimat entlehnt, bis zu dem 31jährigen Serben Dejan C?anc?arevic´, der seine Lesung mit dem programmatischen Satz begann: "The next song is a poem" reichte die Spanne der Genres. Von der schreckhaften, 1958 geborenen Finnin Anne Hänninen bis zu dem coolen jungen Brooklyner Christian Hawkey in Camouflagewear reichte die Spanne der Modernität. Die eine nahm das Wort Landschaftsgedicht sehr wörtlich, bei dem anderen stand dieses Genre nicht für einen realen Ort, sondern für eine Geisteslandschaft, für eine offene Struktur der Dinge. Und wenn man nach dem Politischen suchte auf diesem Bukett poetischer Delikatessen, dann war es eher in der Tatsache zu finden, wie friedlich in der slowenischen Provinz junge Dichter von allen Teilen des Balkans poetisch und vinologisch ins Gespräch kamen, als in lauten Manifesten.

Man kann sich fragen, ob Festivals, diese Art der genussvollen Institutionalisierung von Kunst, sich überhaupt auf Avantgarde reimen, die meist darauf sinnt, die Institutionen zu stürzen. Auch die Transgression zwischen den Künsten blieb in Medana trotz vieler Performances letztlich unausgelotet. Dabei ähneln sich Poesie und Bewegung im Moment der Verdichtung. Immerhin geben sie den Rahmen ab für bizarre Begegnungen. Etwa wenn der 1978 geborene Berliner Lyriker Steffen Popp in mediterraner Nacht mit monotonem Pathos "Russische Einheiten" und die "Toten des Surrealismus" anrief.

Nicht jeder Rotwein-Rebell, der, wie der 1970 geborene Mazedonier Igor Isakovski, mit offenem Hemd ein Jaz Waits-Gedicht vortrug, war Avantgarde in den lauen Lesenächten von Medana. Der einzige, der das zum Label verkommene Ehrenabzeichen bewusst für sich reklamierte war der 1973 geborene Weißrusse Zivicier Vishniou. Der Mitbegründer der Boom-Bam-Lit Avantgarde und der Kunstgruppe Schmerzwerk hatte das Publikum wegen seines aufrüttelnden Vortrags auf seiner Seite. Seine bildstarke, metaphernreiche Lyrik mit vielen Ausrufezeichen erinnerte aber doch sehr an ein Remake der russischen Avantgarde. Mochte er sich selbst auch als neuer "Provokateur" und "Schamane" verstanden wissen.

Taugt das Gespenst der Avantgarde also heute noch für mehr als für seine nostalgische Beschwörung? Oder war der scheinbar angestaubte Performance-Klassiker Pupilija in seiner stilistischen Vielfalt plötzlich ein ungeahnt modernes Bild für die Avantgarde der Vielfalt, mit der in Zukunft zu rechnen ist? Das Beispiel Esad Babac?ic´s könnte den Avantgardesuchern Mut machen. Der 1965 geborene Autor war in den achtziger Jahren Sänger der slowenischen Punk-Rock-Band Via Ofenziva. In dem in Medana enthusiastisch aufgenommenen Dokumentarfilm Every child is beautiful at birth werden noch einmal die wilden Jahre der slowenischen Subkultur beschworen. Inzwischen hat der heute 41jährige sechs Gedichtbände in seiner Heimat und den USA veröffentlicht. So gelassen, wie er da im aufgeregten Jungpoetengetümmel stand, war man versucht zu fragen: Wofür irgendeine, schnell verblühte Avantgarde ausrufen? Früher oder später endet sie ja doch in der Poesie.


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00:00 01.09.2006

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