Steffen Vogel
18.05.2012 | 13:00 9

Anschreiben lassen ohne Ende

Schulden In seiner spektakulären ­Studie „Schulden“ untersucht der Anthropologe David Graeber den Zusammenhang von Geld, Kredit und Kapitalismus - und plädiert für ein Ablassjahr

Nun ist die deutsche Übersetzung seines Bestsellers Debt also auf dem Markt. In Schulden untersucht der Anthropologe Graeber die 5.000 Jahre alte Geschichte von Kredit und Geld. Dabei zieht er Material aus allen Epochen und Kontinenten zurate und weitet so den Blick zu einem eindrucksvollen Panorama.

Schulden sind ein Herrschaftsinstrument und wirken destruktiv auf Individuen und Gesellschaften. Das zeigt Graeber etwa am Beispiel von Hernán Cortés. Der spanische Eroberer setzte 1518 mit seiner kreditfinanzierten Expedition gegen die Azteken alles auf eine Karte. Am Ende des blutigen und ertragreichen Feldzugs mussten seine Konquistadoren feststellen, nun ihrerseits von Cortés in die Schulden getrieben worden zu sein.

Die Grausamkeit und die Gier, mit der sie im Folgenden die unterworfenen Provinzen regierten, resultierten auch aus Wut und Scham über ihre Schuldenlast, die sie mit aller Macht abzutragen versuchten. Dieses Phänomen lässt sich zu allen Zeiten beobachten: Der Schuldner betrachtet alles unter dem Gesichtspunkt von Kosten und Nutzen; Geld wird zum moralischen Imperativ, neben dem ethische Grundsätze verblassen.

Formen von Solidarwirtschaft

„Das besondere Merkmal des modernen Kapitalismus“, schreibt Graeber, „besteht darin, dass er soziale Regelungen hervorbringt, die uns so zu denken zwingen.“ In der Beziehung zwischen risikobereitem Spieler und abwägendem Finanzier sieht er eine Grundkonstellation unseres Wirtschaftssystems: Die Entscheider denken, sie hätten ihr Schicksal nicht in der Hand, und die wirklich Einflussreichen wollen es gar nicht zu genau wissen. Skrupellose Geschäftspraktiken rechtfertigt das Führungspersonal einer AG mit dem Gewinninteresse der Aktionäre, dem sie als Angestellte verpflichtet seien; die Anteilseigner wiederum bestreiten ihren Einfluss aufs operative Geschäft.


Die rücksichtslose Berechnung eines Cortés ist charakteristisch für Vereinbarungen unter Fremden. Unter Angehörigen derselben Gruppe, seien es Adlige, seien es Dorfbewohner, herrscht eher ein Verhältnis, das der Anthropologe als „alltäglichen Kommunismus“ beschreibt. Graeber meint damit weder eine Staatsform noch eine Utopie, sondern ein altes, überall anzutreffendes Prinzip, das menschliche Zusammenleben zu organisieren, bei dem eben gilt: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ In diesem Fall wirken Schulden als sozialer Kitt. Graeber illustriert das am Beispiel volkstümlicher Kreditsysteme im mittelalterlichen England. Da die Landbevölkerung zur Zeit der Tudors nicht über Bargeld verfügte und alle etwas zu verkaufen hatten, war jeder zugleich Schuldner und Gläubiger. Kredit basierte auf Ansehen und Wohlwollen. So konnten in dieser – wie Graeber betont keineswegs idealen, sondern patriarchalen – Gesellschaft neben dem Markt zeitweilig ältere Formen einer Solidarwirtschaft fortbestehen.

Dies änderte sich im Übergang zum Kapitalismus. Händler und Beamte, die schon länger mit Bargeld operierten, assoziierten Kredite zunehmend mit Verbrechen. Geld zu leihen galt bald als moralisch anrüchig, für säumige Schuldner wurden schwere Strafen eingeführt. Die Kriminalisierung der Verschuldung, argumentiert Graeber, attackierte auch die Grundlagen gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Schuldscheine

Zugleich zeigt er nicht nur an diesem Beispiel, dass wichtige Grundannahmen der Wirtschaftswissenschaften historisch falsch sind. Seit Adam Smith behauptet der ökonomische Mainstream eine lineare Entwicklung, in deren Verlauf der Tauschhandel zunächst vom metallischen und später vom virtuellen Geld abgelöst worden sei. Tatsächlich weisen aber schon früheste Quellen aus Mesopotamien auf die Existenz von Geld hin – sogar auf eine Kreditwährung. Die Silberschekel dienten im Zweistromland vor 5.000 Jahren vor allem als Verrechnungseinheit. Bezahlt wurde mit der entsprechenden Menge an Getreide. Bis zur nächsten Ernte ließen die Bauern anschreiben. Nur fahrende Händler erhielten Silberstücke. Seitdem dominierte in der Geschichte Eurasiens zyklisch mal das virtuelle, mal das metallische Geld.

Staatsschulden wiederum entsprangen historisch einem Bündnis von Kriegsherren und Geldgebern. So half die Gründung der Bank of England 1694, der ersten Zentralbank der Welt, dem König, seine Kriegsschulden zu begleichen. Bei dem seinerzeit ausgegebenen Papiergeld handelte es sich de facto um Schuldscheine auf die Verbindlichkeiten, die der Regent bei den Eignern der Bank hatte: „Papiergeld war Schuldengeld, und Schuldengeld war Kriegsgeld, und dabei blieb es.“

Mit der Gründung von Zentralbanken verschmolzen die Interessen von Kriegsherren und Finanziers institutionell. Die Grundlage für den Finanzkapitalismus war geschaffen. Anleihenmärkte, Brokerfirmen oder Leerverkäufe existierten schon vor dem Aufkommen von Fabriken und Lohnarbeit, schreibt Graeber. Damit widerspricht er einer Kritik, die den Vorrang der Realwirtschaft gegenüber dem Finanzwesen betont. Die heutige Krise ist für ihn eine des Kapitalismus, der offenbar nicht funktioniert, sobald er für alternativlos gehalten wird. Denn wenn die Banken ewig Bestand haben, warum sollte man dann nicht unbegrenzt zukünftiges Geld, also Kredit erzeugen? So entstehen besonders heftige Spekulationswellen.

Ein Ablassjahr

Zudem erfolgte in der neoliberalen Phase die ökonomische Integration der Bevölkerung über Kredit. Der Grundsatz, die Beschäftigten am Produktivitätszuwachs teilhaben zu lassen, wich der Ermunterung, auf den Aktienmärkten zu investieren – und sich zu verschulden, etwa für Hypothekenkredite. Doch die „Demokratisierung des Kredites“ scheiterte, und 2008 „musste die amerikanische Regierung entscheiden, wem es wirklich erlaubt sein sollte, aus nichts Geld zu machen: den Bankiers oder den Normalbürgern.“

Was folgt daraus? Graeber beschließt sein Buch mit einem vorsichtigen Plädoyer für ein Ablassjahr, in dem die Verbindlichkeiten von Staaten und Bürgern annulliert werden. Die heutigen Schulden von Privathaushalten sind nicht moralisch anrüchig – sie sind schlichtweg nötig, um ein würdiges Leben zu führen.

Schulden ist ebenso das aufklärende und engagierte Buch eines politischen Kopfes wie die gründlich dokumentierte Arbeit eines Wissenschaftlers, der die historische Vogelperspektive einnimmt, um ein drängendes Gegenwartsproblem zu erhellen. Das gelingt David Graeber außerordentlich gut, auch da er äußerst lesbar und zuweilen pointiert formuliert.

Schulden. Die ersten 5000 JahreDavid Graeber Aus dem Amerikanischen von Ursel Schäfer, Hans Freundl und Stephan Gebauer, Klett-Cotta 2012, 536 S., 26,95

Steffen Vogel schreibt im Freitag vor allem über Comic und politische Literatur

Kommentare (9)

lurch 19.05.2012 | 04:06

Ich habe den Standpunkt der "Zinskritiker" schon oft gehört und gelesen und insbesondere ihr impliziter Hochmut gegenüber "marxistischen" Positionen geht mir milde auf die Nerven. Daher möchte ich aus dem Thema dieses Artikels zwei Punkte herausgreifen und Gegenrede führen, bevor ich noch ein bisschen mit Zahlen spiele.

1. "Seit Adam Smith behauptet der ökonomische Mainstream eine lineare Entwicklung, in deren Verlauf der Tauschhandel zunächst vom metallischen und später vom virtuellen Geld abgelöst worden sei. Tatsächlich weisen aber schon früheste Quellen aus Mesopotamien auf die Existenz von Geld hin – sogar auf eine Kreditwährung. Die Silberschekel dienten im Zweistromland vor 5.000 Jahren vor allem als Verrechnungseinheit."
Die neolithische Revolution ereignete sich im Zeitraum von vor etwa 10.000 bis vor etwa 7.000 Jahren. Das macht mindestens 2.000 Jahre, also etwa 100(!) Generationen für die Entwicklung des Geldes als allgemeinem Äquivalent (so wie u.a. Marx es beschreibt)...

2. "Anleihenmärkte, Brokerfirmen oder Leerverkäufe existierten schon vor dem Aufkommen von Fabriken und Lohnarbeit, schreibt Graeber. Damit widerspricht er einer Kritik, die den Vorrang der Realwirtschaft gegenüber dem Finanzwesen betont."
Die Manufaktur, also die Frühform kapitalistischer Produktion entstand im 13.-14. Jahrhundert AD in den italienischen Stadtstaaten. Das ist mal locker 400 Jahre vor der englischen Zentralbank, 300 Jahre vor den Aktien der "Vereinigten Ostindische Kompanie", den wohl als erste dem modernen Aktienkonzept nahekommenden Scheinen, und damit verbunden 300 Jahre vor dem ersten Leerverkauf. Ich komme daher zu einem anderen Schluss, was temporalen Zusammenhang angeht und aufgrund meiner naturwissenschaftlichen Bildung halte ich Kausalität, die temporalem Zusammenhang entgegenläuft für... problematisch...

Zur Frage, ob der Zins bzw. die Schulden der vorrangige Effekt ist, der zur extremen Vermögensungleichheit (die man heute mühelos beobachten kann) führt, möchte ich zunächst darauf hinweisen, dass ein erklecklicher Anteil der heute reichsten Menschen der Welt innerhalb ihrer Lebensspanne zu ihrem Reichtum gekommen sind (in der Tat habe ich vor einer Weile eine Statistikzusammenfassung gelesen, in der es hieß, nur 1/3 der deutschen Superreichen habe einen signifikanten Anteil ihres Vermögens ererbt). Wenn man nun durch Lohnarbeit vielleicht im Leben 1 Million Euro zurücklegen und zu 7% auf der Bank anlegen kann (sagt mir wo, ja?), dann wird in 70 Jahren das Geld etwas um einen Faktor 2^7=128 angeschwollen sein. Geteilt durch eine Inflation um einen Faktor 4 (d.h. 2% p.a.) bleibt damit ein Gegenwert von 32 Millionen. Ich komme daher durchaus zu dem Ergebnis, dass der entscheidende Faktor für die Vermögensungleichheit nicht der Zins (also Aneignung von Wert in der Zirkulationssphäre), sondern die Exploitation fremder Arbeitskraft (also Aneignung von Wert in der Produktionssphäre) ist.

Puh, das musste alles mal raus. Zum Ende ein versöhnliches Schlusswort: Das Zinssystem ist eine Exponentialfunktion. Dass ein System mit Nullsumme, exponentiellem Wachstum, Insolvenzregelung und kleinen statistischen Schwankungen nur einen Gleichgewichtszustand kennt, ist unbestreitbar: "Einer besitzt alles positive Vermögen, die anderen verschulden sich progressiv und gehen periodisch pleite." Eine Überwindung des Kapitalismus ist ohne wesensverändernde Modifikation des Geldsystems undenkbar.
Nur bitte, liebe Zinskritiker, spielt euch nicht so auf, als hättet ihr als Einzige (und Erste?) den Durchblick. Andere hatten vor euch schon gute Ideen, doch oh graus, der Kapitalismus hat diese Ideen (bisher) überlebt. (Habt ihr Angst, dass er auch eure Erkenntnisse überlebt?) Habt keine Angst, Jehova... äh... Marx zu sagen!

Tiefendenker 19.05.2012 | 23:27

Vielen Dank für diesen Artikel – denn es ist sehr begrüßenswert, wenn sich jemand mal wieder neu so eines Themas annimmt, und so grundsätzliche Zusammenhänge noch mal analysiert!
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Dennoch schließe ich mich 100%ig der Herangehensweise von

@lurch an.

Ich meine nämlich, elementar-logisches Denken und zeitliche Ablaufreihenfolgen helfen die wirklich kausalen Zusammenhänge zu entdecken.

Die typischen Argumente der „Zinkritiker“ mit „Schulden“ und „Zins als Ursache“ greifen leider überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Sie nehmen ihre eigenen Argumente nicht ernst. Man kann doch z.B. die Frage stellen, warum sich denn überhaupt Kapitalismus als dominierende Form in der Gesellschaft historisch durchgesetzt hat, wenn doch der exponentielle Zinsanstieg derart negative Folgen hat, wie sie in allen Farben von den Zinskritikern und Geldreformern beschrieben werden? Und dass es diese Effekte gibt, ist nicht zu bestreiten. Das Zinsargument selbst ist so gesehen jedoch das stärkste Argument gegen die verkürzte Kapitalismus eines Sivio Gesell.

Ich möchte deshalb zu lurch einen Ansatz der Erklärung ergänzen:

Kapitalismus hat sich nicht einfach „naturwüchsig“ entwickelt, weil man damit „die Waren besser tauschen“ konnte (ein typisch bürgerlich-ideologischer Mythos), sondern er wurde durchgesetzt – und zwar mit Gewalt! Das war weder eine demokratische Konsensentscheidung der jeweiligen Bevölkerung, noch eine zwingende Folge der Warenform, auch wenn letztere dessen notwendige Voraussetzung bildet.

Triebkraft Krieg und Feuerwaffen

Entscheidend war dabei vielmehr die technische Revolution der Feuerwaffen!!! Dafür bedurfte es der Entwicklung der Metallurgie in einem Umfang, die jene der Ritterzeit des Mittelalters und Feudalismus weit übertraf. Waffen, Kanonen und Musketen kosteten Geld, viel Geld. Viel mehr, als in der Bevölkerung historisch bislang kursierte und als hätte man per Steuern abverlangen können, denn man verdiente seinen Lebensunterhalt bis dato nicht als monetäres Einkommen, sondern in naturaler Form – was Marx und Engels während ihrer Forschungen ja auch herausfanden.

Daraus schlussfolgerten sie, dass es eben nicht immer schon Kapitalismus (Marktwirtschaft) gegeben hatte, sondern dass Marktwirtschaft (kapitalistische Produktionsweise, basierend auf Ausbeutung der Arbeitskraft) ein Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse sein muss. Nur sehr edle Kostbarkeiten, Schmuck, edle Tuche und Kleider sowie Waffen wurden bis dato als unterschwellige Warenproduktion per Geld für die „hohen Herrschaften“ gehandelt. Hinzu kamen Produkte aus fernen Regionen (Nilhändler, Seidenstrasse usw.), teilweise Prostitution (auch schon in der Antike, im alten Rom), sowie Gewürze. Das waren also bestenfalls proto-kapitalistische Formen, wenn überhaupt. Neueste Ergebnisse von Historikern zeigen gleiches auf und kommen zu der Schlussfolgerung, dass das Mittelalter in Zentraleuropa nicht mal eine vorkapitalistische Form darstellte (vgl. Jacques LeGoff „Gedld im Mittelalter“).

Siehe:
www.amazon.de/Geld-im-Mittelalter-Jacques-LeGoff/dp/3608946934/ref=sr_1_4?s=books=UTF8=1337453257=1-4

Die Feuerwaffen waren also vielmehr ein zweckgebundener Grund für den nun folgenden Prozess der Monetarisierung der Steuern, was wie gesagt mit Gewalt gegen die Bevölkerung durchgesetzt werden musste. Das führte zu einem gesellschaftlichen Wandel, welcher dann den Gelderwerb entgegen der Zinswirkungen als dominierende Reproduktionsform durchsetzte. Das nahm von England (daher auch als Mutterland des Kapitalismus bezeichnet) aus bekanntermaßen seinen Lauf. Weltweit hatte sich ansonsten nirgends (nicht mal in China und Indien) nur aus der Warenform und Geldform heraus - Kapitalismus „von selbst“ entwickelt. Er wurde erst ebenso gewaltsam in der Kolonialzeit in ferne Gebiete quasi „exportiert“.

Dazu gibt es auch Bücher und gute Fachartikel, die das noch besser beschreiben. Leider finde ich die Links gerade nicht. Aber hier sollten Artikel dazu zu finden sein: www.exit-online.org

fahrwax 04.07.2012 | 13:22

@Lurch & Tiefendenker

Der Versuch Graebers Thesen der Schublade "Zinskritiker" zuordnen zu wollen greift sehr, sehr kurz. Der Versuch einer Zusammenfassung von Steffen Vogel vermittelt bestenfalls einen Einblick, nicht jedoch einen Überblick zu Graebers Gedankengut. Weder Hochmut gegenüber marxistischen Positionen, noch die Meinung Kapitalismus habe sich durchgestzt sind Inhalt seiner Thesen. Vielmehr sieht er existente Formen von Kommunismus "selbst wenn nur zwei Menschen miteinander zu tun haben." Ich halte die komplette Lektüre für empfehlenswert: nach 536 Seiten erschließt sich dann ein möglicherweise fundierteres Bild.

Dazu noch ein sicherlich passendes Zitat aus seinem Buch: "Ganz ähnlich wie bei den großen Religionen hat sich die Logik des Markts sogar in das Denken derer eingeschlichen, die sie am entschiedensten ablehnen."

Die Unsichtbaren Deutschen 05.07.2012 | 10:26

Mir ist mulmig bei dem Absatz:

"Was folgt daraus? Graeber beschließt sein Buch mit einem vorsichtigen Plädoyer für ein Ablassjahr, in dem die Verbindlichkeiten von Staaten und Bürgern annulliert werden. Die heutigen Schulden von Privathaushalten sind nicht moralisch anrüchig – sie sind schlichtweg nötig, um ein würdiges Leben zu führen."

Die Aussage ist eine intellektuelle und politische Kapitulation. Graeber ist anzurechnen gezeigt zu haben, dass der Staat nicht einfach Opfer der Finanzindustrie ist, sondern symbiotische Beziehungen dazu unterhält.

Was absolut fehlt ist eine praktische Ökonomie, die die Finanzindustrie in die Schranken weist. Die schwammigen Vorstellungen von Kommunisten von der "Verwaltung von Sachen", Wertgesetz und Input-Output Matrizen zur Organisierung der Produktion und Konsumption reicht nicht. Die Sowjetunion besaß Computer und statistische Prognosemethoden für die Produktionssteuerung. Der heutige Corporate Kapitalismus hat Künstliche Intelligenz, Web-orientierte agenten-basierte Produktion, Virtuelle Fabriksysteme, natürliche Algorithmen für Produktionsoptimierung und Supermärkte mit dem Internet verbunden.

Dennoch sind Produktionsschwankungen und Nachfragefluktuationen und Entscheidungsanomalien bei Produzenten und Konsumenten weiterhin nicht beherrschbar.

Die ganzen Produktions- und Absatzrisiken werden mit Finanzprodukten und Vertragsstrafen eingehegt. Ersatz ist nicht in Sicht.

fahrwax 05.07.2012 | 11:07

@ DIE UNSICHTBAREN DEUTSCHEN

"Was folgt daraus? Graeber beschließt sein Buch mit einem vorsichtigen Plädoyer für ein Ablassjahr, in dem die Verbindlichkeiten von Staaten und Bürgern annulliert werden. Die heutigen Schulden von Privathaushalten sind nicht moralisch anrüchig – sie sind schlichtweg nötig, um ein würdiges Leben zu führen."

Dieser Absatz ist eine Lüge, ein solcher Gedanke ist in Graebers Buch unauffindbar.

Der reale, letzte Absatz in diesem Buch ist aussagekräftiger (Zitat):

"Was sind Schulden denn überhaubt? sie sind nichts weiter als die Perversion eines Versprechens, das von der Mathematik und der Gewalt verfälscht wurde. Wenn wirkliche Freiheit darin besteht, Freundschaften zu schließen, so umfasst sie zwangsläufig auch die Fähigkeit, wirkliche Versprechen abzugeben. Heute sind wir nicht einmal in der Lage diese Frage zu beantworten.........Wir müssen uns nur folgendes bewusst machen: Niemand hat das Recht, uns zu sagen, was wir wirklich schulden. Niemand hat das Recht, uns zu sagen, was wir wirklich wert sind."

Er spricht auch davon, das uns die Schuldenmaschine "auf das moralische Niveau von Konquistadoren herabgedrückt hat".

Konquistadoren beschreibt er als eine räuberische, blutrünstige Bande deren Verrohung aus ihren Schulden resultiert.

Der, diesen Artikel erbrechende Herr Vogel ist ein schlimmer Finger: weder ist Graeber "vorsichtig" noch will er ein "Ablassjahr". Schon eher hält er Schulden für eine perverse Form der Sklaverei.

Brandenburg-Buch 11.08.2012 | 15:59

"Die heutigen Schulden von Privathaushalten sind nicht moralisch anrüchig – sie sind schlichtweg nötig, um ein würdiges Leben zu führen." hm, das ist schon eine recht eigenwillige Interpretation. Die Schulden von Privathaushalten sind eher ein Beispiel für den vernünftigen Umgang mit "Schuld". "Bau dir ein Haus und zahle es ab" - ein Umgang, wie man ihn sich vom Staat nur wünschen kann.