Antichrist und Menschengott

Russland Josef Stalin wird wieder kultisch verehrt. Ein Theater in St. Petersburg und ein Dokumentarfilm halten dagegen
Antichrist und Menschengott
Tag des Sieges in Moskau: Nachwuchs für das „Unsterbliche Regiment“

Fotos: Nikita Teryoshin

Schon in den Tagen rund um die diesjährigen Siegesfeiern am 9. Mai hatte ich in Moskaus Innenstadt nur noch Rot gesehen. Es gab riesige blutrote Stoffbanner und Parolen, denen man nicht entkommen konnte. Dazu wurde dem Heldenmythos Genüge getan, und sei es in einem speziell ausstaffierten U-Bahn-Waggon, mit dem man inmitten groß gemalter Kriegshelden und -szenen durch den Untergrund fuhr. Die leisen Einwände alter Menschen, die dem Krieg kein Heldentum abgewinnen können, gingen unter. Stattdessen waren in der Metro Mütter mit kleinen Kindern in Militäruniform unterwegs, rote Fähnchen in der Hand. Die Kostümierung galt als patriotisch und chic. Eine russische Psychologin warnte auf Facebook eindringlich davor, Kinder in Uniform zu stecken: Es sei die Vorbereitung auf den Krieg, ja, auf den Tod. Sie erhielt jede Menge Hass- und Schmähkommentare. Bevor dann am Nachmittag des 9. Mai das „Unsterbliche Regiment“ mit einem Mix aus sowjetischen und russischen Flaggen sowie riesigen Fotos der im Großen Vaterländischen Krieg Gefallenen über die Hauptmagistrale Twerskaja zog, floh ich zu Freunden in einen der grünen Randbezirke Moskaus. „Das ist alles Propaganda, Maskerade!“, beschwerte sich eine Freundin, Jelena, eine Redakteurin. „Die Regierung arbeitet wieder mit Bildern und Symbolen aus der Stalin-Zeit, um das Gefühl eines starken Imperiums zu vermitteln. Stalin ist dafür die geeignete Figur, er wurde stets damit identifiziert. Viele, die in der Sowjetzeit aufwuchsen, wollen das als Bestätigung und Belohnung. Sie wissen nicht mehr, was wahr ist und was nicht.“

Kneten und basteln

Ich erinnere mich noch gut an die Ausstellung Agitation zum Glück im Petersburger Russischen Museum, die 1994 sowjetische Kunst aus der Stalin-Zeit zeigte. Was man sah, vermittelte einen zwiespältigen Eindruck, einerseits hohes professionelles Niveau und Idealismus, andererseits ein unkritisches Verhältnis zum System. Die meisten Besucher bekundeten große Sympathie. Mit der Stalin-Zeit verknüpfen viele in Russland bis heute Jugend, schöne Gefühle, den Aufbruch zu hohen Zielen – weniger Terror und Repression.

Es war ein Schock, als ich vor Jahren in einer Buchhandlung auf dem Alten Arbat in Moskau neben der Kasse einen Kalender mit zart nostalgischen Fotos der 1918 ermordeten Zarenfamilie sah und gleich daneben ein Almanach mit Stalins Porträt auf rotem Grund angeboten wurde. Hatten sich viele Bürger nur die Ohren gerieben, als Wladimir Putin 2001, ein Jahr nach Übernahme der Präsidentschaft, die alte sowjetische Hymne mit polierten Versen wiedereinführte, so wurde ab 2013, zum 60. Todestag Stalins, die öffentliche Präsenz sowjetischer Symbole von einst gezielt verstärkt. Inzwischen ist der einstige Diktator erneut zum lieben Väterchen und Gottersatz mutiert, umgeben von einer Flut von pseudowissenschaftlicher Literatur. Was da an Propaganda dargeboten wird, trägt Früchte. Beunruhigend und heftig diskutiert sind die Ergebnisse einer Umfrage des Levada-Zentrums aus diesem Jahr, nach der weit über die Hälfte aller Befragten Josef Stalin als eine insgesamt positive Figur bezeichnen, die auch Menschenopfer rechtfertige.

Darüber ist nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Intelligenzija gespalten. Kritische Denker warnen vor einem Erinnerungskult, andere meinen, alles geschehe wegen der Korruption, die hätte es unter Stalin nicht gegeben. Auch seriöse Zeitgenossen in Moskau oder St. Petersburg beteuern, der Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918 – 2008) habe in seinen Büchern zum Gulag Lügen verbreitet. Erklärte Stalinisten zeigen in der Stadt Nowosibirsk offen Flagge und fühlen sich bestärkt, weil die dort von der KP gebildete Stadtregierung nicht nur eine neue Stalin-Statue errichten, sondern auch Festtage im altsowjetischen Stil veranstalten ließ. Kinder durften auf einer Tribüne unter dem Spruch „Dank dem Genossen Stalin für unsere glückliche Kindheit!“ eifrig kneten und basteln.

Im Zentrum von St. Petersburg künden derzeit Plakate von einer neuen Produktion des Alexandrinsky-Theaters. Es geht um das Stück Die Geburt Stalins. Valery Fokin, Intendant und Regisseur des zweitältesten Staatstheaters in Russland, spricht von der Sezierung einer gigantischen Eiterbeule am Körper der Nation. Er ließ den Werdegang des als Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili Geborenen prüfen, montierte historisches Material mit Texten heutiger Autoren sowie Fragmenten aus Fjodor Dostojewskis Roman Böse Geister (auch unter dem Titel Dämonen bekannt).

Der Besucheransturm ist heftig, die Menschen stauen sich vor den Metalldetektoren der Security, die in den Theatern längst Routine sind. Die ersten Reihen im rotgoldenen Prachtsaal sind Prominenz und Presse vorbehalten. Der Vorhang öffnet sich – und erstaunt sieht man zunächst altes Illusionstheater: ein die ganze Bühne füllender Prospekt zeigt die pittoreske Ansicht des alten Tiflis Ende des 19. Jahrhunderts. Es spielen sich erste Zusammenstöße ab, aufmüpfige Jugend versus Staatsmacht. Gleichgesinnte finden sich, stimmen schöne georgische Lieder und Trinksprüche an, bald aber wechselt die idyllische Szenerie, und man erblickt das Innere eines orthodoxen Klosters. Dschugaschwili besuchte einst das Geistliche Seminar in Tiflis, ein überaus wichtiger Faktor! Ins Auge fällt, wie er als Novize heimlich die Regeln der Kirche untergräbt – nicht als Atheist, dann hätte er der Kirche nur den Rücken gekehrt, vielmehr als künftiger Antichrist (Antichrist und Menschengott sind Begriffe, ohne die man weder die russische Literatur noch Philosophie oder Religion wirklich versteht. Man denke an Dostojewski!). Die illusionistisch gehaltenen Requisiten der Theaterszenen, die mit jedem Bild räumlich schrumpfen, werden von Arbeitern gebracht und aufgestellt.

Szene aus dem Stück „Die Geburt Stalins“

Foto: Wladimir Postnow

Inhaltlich wird der Zuschauer Zeuge der Hörigkeit seiner georgischen Freunde, ohne die „Soso“ (die georgische Koseform für Josef) niemals zu ihrem Anführer aufgestiegen wäre. Schließlich stachelt „Soso“ die Kameraden zum Anschlag auf einen Geldtransport an, bei dem es Tote gibt und Freunde verhaftet werden, während sich „Soso“ selbst in Sicherheit bringt. Alles kulminiert in einer Friedhofsszene. Am Grab ihres Vaters, den „Soso“ um Geld erpresste, indem er mit der Ermordung eines Sohnes drohte, wird Olga von „Soso“ vergewaltigt. Der Täter erprobt damit seine Allmacht als Menschengott in absoluter Freiheit von einem Gewissen. Die Botschaft: Der Mann ist ein gefährlicher Terrorist; später sitzt er im Kerker, die große Bühne ist nun ringsum kahl, bis ein Monster erscheint. Es ist der vom Totenbett auferstandene Generalissimus, der den geschlagenen „Soso“ besucht, mit ihm scherzt und ihm eine Papirossa der Marke Belomorkanal anbietet: „Super Name, du wirst das in 30 Jahren verstehen“ (Stichwort: Bau des Weißmeerkanals). Der Auferstandene lehrt „Soso“ nuschelnd in typisch georgischem Akzent, wie er zum allmächtigen Herrscher werden kann: „Nie an dir zweifeln! Töte ohne Mitleid, auch wenn es die eigene Mutter ist!“

Die Endphase des Putinismus?

„Bist du Gott?“, fragt „Soso“ ungläubig. Der Tote antwortet: „Ich bin Stalin, so wie du.“ Beide lachen. Dann weitet sich die kahle Bühne, „Soso“ und der Kerker verschwinden. Aus der Vorderbühne wird im Zeitraffer eine phallusförmige Stalin-Statue hochgezogen. Das Monument erhebt sich – sinkt langsam nieder und knallt auf die Bretter. Black. Vorhang. Kurzer, kräftiger Applaus.

Benommen verlassen die Zuschauer das Theater. Die Inszenierung wühlt auf, schafft Zwiespalt und schürt Streit. Wer 1987/88 den Film Pokajanie (Reue) von Regisseur Tengis Abuladse (1924 – 1994) gesehen hat, in dem der Leichnam eines toten georgischen Massenmörders der Stalin-Zeit von Nachfahren der Opfer immer wieder aus dem Grab geholt und ausgestellt wird, deutet das Theaterstück als Zitat dieses Films: Das heutige Russland hat sein Monster nicht bewältigt, es steht immer wieder auf …

Ähnlich wie Valery Fokin in St. Petersburg wollte der Journalist und Hipster Jurij Dud den Stier bei den Hörnern packen. Er nahm die Angst, die seiner sowjetisch sozialisierten Elterngeneration in den Knochen sitzt, zum Anstoß, deren Ursprung zu untersuchen. So trieb er Mittel auf, um den mehr als zweistündigen Dokumentarfilm Kolyma – Heimat unserer Angst zu drehen. Dazu begab er sich auf Spurensuche und bereiste die 2.000 Kilometer lange sibirische Trasse des Gulag mit den Straflagern und der Geschichte von Millionen Opfern. Ohne Pathos zeigt Jurij Dud Orte und Dokumente des Terrors, Listen der Erschießungskommandos mit Stalins Signatur, er spricht mit Betreibern kleiner Gedenkstätten für die Opfer und befragt deren Nachkommen. Seine Gesprächspartner antworten freimütig – und skandalös, wenn sie trotz der Fakten an Stalin als Gottesfigur festhalten. Der Film erreichte seit April bereits über 15 Millionen Zuschauer.

Ein Indiz dafür, dass es im Land gärt? Unzufriedenheit und Unruhe wachsen, sie entladen sich in Protesten. Wenn Bürger gegen die Willkür von Behörden oder Oligarchen opponieren, nutzen sie zusehends die sozialen Netzwerke. Sei es, wenn es gegen eine mächtige Müllmafia geht, die im ökologischen Schutzgebiet von Archangelsk illegal Abfall entsorgt, oder wenn ein intaktes Waldgebiet im Umland von Moskau abgeholzt werden soll, um eine Deponie zu errichten, was auf den Sohn eines dubiosen Staatsanwalts namens Tschajka zurückgeht. Die Bürger wehren sich, wenn die quasi staatliche russisch-orthodoxe Kirche auf dem Theaterplatz in Jekaterinburg eine weitere Kathedrale errichten will. Aktuell laufen Proteste gegen die Willkür der Polizei mit ihren „fabrizierten Anklagen“ gegen nicht genehme Bürger.

Heißen also doch nicht so viele Menschen den Stalinismus gut? Ist der Putinismus in seiner Endphase, wie Beobachter vermuten? Alexander Zheleszov ist davon überzeugt. Der Autor und Dramaturg ergänzt jedoch: „Die meisten Menschen sind nun einmal Nachkommen von Konformisten, die den Bürgerkrieg und die Sowjetzeit überlebt haben. Sie sagen nur laut, was genehm und gewollt ist. Das können Russen perfekt. Tatsächlich wissen wir nicht, was diese Bürger wirklich über Stalin denken.“

Auf einem riesigen Bildschirm am Neuen Arbat in Moskau flimmerten im Frühsommer in Endlosschleife Szenen mit Fallschirmjägern, die in grüner Landschaft landen und Hügel erklimmen. Die russische Armee warb für Freiwillige. Später war dort Werbung für den Moskauer „Wiener Opernball“ zu sehen, das größte Event des Jahres. Seit 2003 sind diese Bälle samt Wohltätigkeitslotterie im postsowjetischen Russland wiederauferstanden. Dabei treffen sich Geldadel und Prominenz. Wache Beobachter sprechen von einer neuen feudalen Struktur im Land.

Ruth Wyneken ist als Slawistin, freie Autorin und Dramaturgin mit dem Schwerpunkt „Russisches Theater“ tätig

06:00 09.08.2019
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