Anwälte der Wehrlosen

Aktivismus Die „SOKO Tierschutz“ deckt Missstände in Massentierhaltung und Versuchslaboren auf. Damit macht sie sich auch viele Feinde
Maximilian Gerl | Ausgabe 46/2019 7
Anwälte der Wehrlosen
Truthühner in Massentierhaltung

Foto: Imago Images/Imagebroker/flegar

Es ist spät geworden vergangene Nacht. Mal wieder. Friedrich Mülln hustet. „Entschuldigung“, sagt er, „ich bin gestern ein bisschen viel gerannt.“ Mülln hatte eine Art Noteinsatz zu absolvieren. Eine Kontaktperson hatte sich gemeldet, sie sollten schnell herkommen und sich das ansehen. Also setzte sich Mülln ins Auto und fuhr hin, von Südbayern nach Hessen, um möglichen Verstößen gegen das Tierschutzgesetz nachzuforschen. Genauer wird er am Tag darauf nicht, außer dass der Ausflug offenbar anstrengend geriet. Immerhin war diesmal niemand mit einer Axt hinter ihm her wie damals in Ungarn, als ihn ein Unbekannter attackierte. Mülln sagt, er wisse nicht, ob der Mann wirklich zuschlagen wollte oder nur so tat. Er ließ es nicht darauf ankommen.

In der Außenwahrnehmung sind es Friedrich Mülln und seine Kolleginnen und Kollegen, die andere vor sich hertreiben. Schon der Name der von ihm 2013 gegründeten „SOKO Tierschutz“ ist eine Provokation. Der selbsternannten „Sonderkommission“ gelingt es regelmäßig, Verstöße gegen das Tierrecht aufzudecken: in Nerzfarmen, Versuchslaboren, Bauernhöfen. Dafür wurden sie am 5. Dezember in Berlin mit dem Deutschen Engagementpreis (Kategorie: Publikumspreis) ausgezeichnet, hierzulande eine der renommiertesten Ehrungen für Ehrenamtliche. Das gefällt nicht allen. Für die einen sind die Tierrechtler Helden, die nicht wegsehen; die liefern, wo Behörden zu oft versagen. Andere sehen in ihnen Radikale, die übers Ziel hinausschießen, die Angst und Schrecken unter unschuldigen Bauern und Forschern verbreiten.

Bart, Brille, bisweilen fixierender Blick: Mülln ist das Gesicht der Vereinigung. In einer unauffälligen Gebäudezeile in Planegg bei München versteckt sich sein spärlich eingerichtetes Büro. Auf einem Schrank fletscht ein Monster aus weißem Fleisch die Zähne – ein Fuchs, dem das Fell über die Ohren gezogen wurde. Die Apparatur in der Ecke würde sich optisch gut in einem Technikmuseum machen, Abteilung Jahrhundertwende. Sie wird aber mancherorts genutzt, um Gänse zu stopfen. Sie besitzt einen großen Metalltrichter mit Schlauch.

Ein Affe will nicht sterben

Mülln engagierte sich als Jugendlicher für Meere und Regenwälder. Irgendwann sei er zu einer Putenmast geradelt, sagt er, nur mal schauen. Damit „fing das ganze Verhängnis an“. Später wollte er Journalist werden oder Jura studieren. Jetzt sei er Anwalt „einer Klientel, die ziemlich wehrlos ist“. Mit seinem Ethiklehrer aus Schulzeiten hat er eine Wette laufen, dass McDonald’s bis zum Jahr 2030 keine Tierprodukte mehr verkaufen werde, unter anderem, weil sich bis dahin die industrielle Fleischproduktion ökologisch wie ökonomisch nicht mehr rechtfertigen lasse. Einsatz: 50 D-Mark. Später wird er hinzufügen, dass er keiner dieser verbissenen Tierschützer sei, auch wenn man ihn in der Öffentlichkeit selten lächeln sehe. Dazu seien seine Themen zu ernst.

Die „SOKO“ gehört in Deutschland zu den bekanntesten Tierschutzorganisationen. Zuletzt schaffte sie es unter anderem mit Recherchen in einem Allgäuer Milchviehbetrieb in die Schlagzeilen: Auf Videos ist zu sehen, wie Kühe misshandelt und zum Sterben liegen gelassen werden, dass sie an Verletzungen, Haut- und Eutererkrankungen leiden. Der Hof hat inzwischen den Betrieb eingestellt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Im Oktober veröffentlichten die Aktivisten Aufnahmen aus einem abgeschotteten Versuchslabor. Auf einer wehrt sich ein Affe dagegen, mit Metallklammern für Versuche fixiert zu werden, die er vielleicht nicht überleben wird.

Angesichts dieser Ambitionen ist die „SOKO Tierschutz“ überraschend klein. Eigentlich habe sich seit seinem Radausflug zur Putenmast wenig geändert, scherzt Mülln, „die Verkehrsmittel sind besser geworden und die Reichweite, man hat Leute, die einem helfen“. Neben Mülln gibt es einen weiteren Festangestellten, eine Halbtagsstelle, einen Minijob und einige Ehrenamtliche, dazu ein internationales Netzwerk, hilfreich bei grenzüberschreitenden Recherchen. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf rund 800.

Wenn Mülln von seinen Einsätzen erzählt, klingt das nach Abenteuer. Einerseits. Andererseits nach langweiliger Detektivarbeit. Manchmal ist stunden- bis tagelanges Observieren aus dem Auto heraus angesagt, bis ein erwarteter Viehtransporter am Hof hält. Eine typische Recherche beginnt mit Telefonklingeln. Am anderen Ende ist meist jemand aus der Branche, ein Labormitarbeiter, ein Stallknecht. „Das ist oft der letzte Rettungsanker vor ihrem absolut schlechten Gewissen“, sagt Mülln. Die „SOKO“ recherchiert, wie glaubwürdig die Aussage ist. Kann eine Kuh bis zur Hüfte im Kot stehen – oder ist das wahrscheinlich eine Übertreibung, um dem Nachbarn etwas anzuhängen? Ist der Beschuldigte schon einmal aufgefallen?

Wenn sich die Hinweise verdichten, fahren die Aktivisten los, um den Stall zu beobachten. „Das heißt nicht, dass man dort einsteigt“, sagt Mülln. Oft reiche ein Blick von außen. Mit etwas Glück lieferten die Insider später Aufnahmen von innen. Die gingen dann an Behörden und Medien: „Ohne den Druck der Öffentlichkeit machen die Behörden nichts.“

Wer will, sieht in den Aktivisten der „SOKO Tierschutz“ das letzte Korrektiv. Der nächste Skandal in Land- und Lebensmittelwirtschaft kommt bestimmt. Nicht nur Tierschützer monieren, dass Behörden zu lasch kontrollierten. Die Veterinärämter bräuchten bisweilen mehr Personal. Auch die wirtschaftliche Lage trägt ihren Teil bei. Viele Bauern stehen unter Druck, mehr, effizienter und billiger zu produzieren. Existenzen hängen daran, Familientraditionen. Wer nicht mithalten kann, muss entweder umsatteln, auf Pferde, Bio, Erlebnispension. Oder er gibt auf. Das Höfesterben lässt sich vielerorts in Deutschland beobachten.

Mancher sieht die Aktivisten als zusätzliches Problem. Gerade Landwirte beschweren sich immer wieder: zum Beispiel, dass Aktivisten nachts in Ställe einbrächen und dann doch nichts fänden. Dass sie dazu beitrügen, dass wegen ein paar schwarzer Schafe eine ganze Branche unter Generalverdacht gestellt werde. Dass sie so lange filmten, bis etwas passiere, was sich medial wie strafrechtlich verwerten ließe – oder selbst solche Situationen herbeiführten. Ein Landwirt zeigte die „SOKO Tierschutz“ einmal wegen unterlassener Hilfeleistung an. Sie hatte seiner Ansicht nach Aufnahmen von Misshandlungen zu lange zurückgehalten und so die Lage für die betroffenen Tiere verschärft. Wobei: Manche Bauern finden gar nicht so verkehrt, was die „SOKO“ und andere Tierschützer treiben. Missstände gehörten aufgedeckt, davon profitiere auch die Landwirtschaft.

„Wir machen nichts Illegales“

Wie weit dürfen Tierschützer, wie weit darf Tierschutz gehen? Gute Frage. 2014 gaben Mülln und seine Leute Videos an die RTL-Sendung Stern TV weiter, sie zeigten Versuche an Affen in einem Forschungsinstitut. Es hagelte Kritik. Die Aufnahmen seien absichtlich montiert und dramatisiert, aus dem Zusammenhang gerissen worden; auch wenn Versuche auf den Laien grausam wirkten, behandle man die Tiere so gut wie möglich. Die Forschung sei wichtig, man wolle ja nicht an Menschen experimentieren. Tierschützer wie die „SOKO“ stünden dem medizinischen Fortschritt im Weg.

Mülln dagegen hält die meisten Tierversuche für wenig zielführend, nur ein kleiner Teil von ihnen ließe sich nicht anderweitig ersetzen. „Nicht jeder Erfolg rechtfertigt alle Folgen“, sagt er. Die Leute hätten das Recht, zu sehen, unter welchen Bedingungen teilweise geforscht werde.

Beispielhaft traten die Konfliktlinien zuletzt im Vorfeld der Verleihung des Deutschen Engagementpreises zutage. Der Dachpreis wird seit 2009 vom Bündnis für Gemeinnützigkeit vergeben, einem unter anderem vom Bundesfamilienministerium geförderten Zusammenschluss von Verbänden. Einen Sieger bestimmt das Publikum per Online-Voting. Zur Wahl steht, wer einen der bundesweit mehr als 700 Preise für bürgerliches Engagement erhalten hat, der Gewinner ist also eine Art Deutscher Meister im Ehrenamt.

Die „SOKO Tierschutz“ qualifizierte sich dank einer Auszeichnung der taz. Einigen stößt die Nominierung sauer auf. „Ihr wisst schon, dass die Straftaten begehen und auch dazu aufrufen?“, schrieb eine Userin auf der Facebook-Seite des Engagementpreises, ein anderer: „Ein Preis für Stalleinbrecher, sehr sinnig.“ In einem Landwirtschaftsforum ist von „Ökofaschos“ die Rede und davon, welchen Kandidaten man stattdessen zum Sieg „pimpen“ könne. Auch auf einem Blog, der sich „gegen radikalen Tierschutz“ wendet, wurde um Stimmen für andere Ehrenamtliche geworben.

Den Organisatoren des Engagementpreises war das nicht entgangen. Sie sicherten die Abstimmung gegen Manipulationsversuche. Sie überprüften die „SOKO“, fanden aber keine Hinweise auf Verfehlungen, die zum Wahlausschluss geführt hätten. Auf Nachfrage heißt es, in den vergangenen Jahren habe man immer wieder beobachtet, wie sich Kampagnen formierten, um bestimmte Preisträger zu verhindern. Im Falle der „SOKO Tierschutz“ habe das Ganze eine neue Intensität erreicht.

Gegenwind, sagt Mülln, motiviere ihn „hochgradig“. Und: „Wir machen nichts Illegales.“ Das dürfe aber niemanden dazu verleiten, bei einem Bauern einfach über den Zaun zu klettern, davon rate er immer ab. Tatsächlich ist die Angelegenheit juristisch komplex. Das deutsche Strafrecht kennt den Rechtfertigungsgrund des Notstands, der eine Straftat erlaubt, wenn sie eine andere Straftat verhindert. Die Tat muss aber verhältnismäßig sein. Heimlich gemachte Ton- und Bildaufnahmen kollidieren mit den Persönlichkeitsrechten und dürfen dennoch veröffentlicht werden, sofern ein überragendes öffentliches Interesse vorliegt.

Zehnmal wurde Mülln angezeigt, einmal stand er vor Gericht. 2014 war das, in München. Der Fall zeigt, wie schwer bisweilen die Abwägung fällt. Die Staatsanwaltschaft hatte Mülln vorgeworfen, er habe andere beauftragt, heimlich Gespräche von Mitarbeitern einer Daunenfirma aufzuzeichnen. Er sollte eine Geldstrafe zahlen, Mülln setzte sich zur Wehr. Das Verfahren wurde laut Süddeutscher Zeitung gegen eine Auflage von 1.500 Euro eingestellt. Zur Begründung sagte der Richter, es seien zwar Persönlichkeitsrechte verletzt worden, doch es brauche Menschen wie den Angeklagten, um auf Missstände zu verweisen: „Setzen Sie sich weiter für den Tierschutz ein.“

Ein Sprecher des Deutschen Engagementpreises sagt: „Das gefällt dem einen, dem anderen nicht.“ Aktivisten polarisieren häufig, egal ob sie für mehr Klimaschutz kämpfen, den Weltfrieden oder Tierrechte. Das liegt an ihren Forderungen, die häufig radikal sind – und an den Fragen, die sie aufwerfen. Wie umgehen mit industrieller Massentierhaltung, dem wirtschaftlichen Druck auf Landwirte, Fleischkonsum an sich? Darauf eine Antwort und Haltung zu finden, ist oft schon für den Einzelnen schwer, für die Gesellschaft noch mehr.

Was bleibt, ist eine Kluft. Hass gegen die einen wie die anderen. So wurden im Fall des Allgäuer Milchviehbetriebs sowohl der Bauer als auch der Tierschützer bedroht. Vor allem im Internet kocht die Wut regelmäßig hoch. Auf der Facebook-Seite der „SOKO“ versucht Mülln, alles zu löschen, was ihm entgegenschwallt, ob es vom Schweinemäster oder vom Tierfreund kommt. „Social Media bringen das Schlimmste in den Leuten zum Vorschein“, sagt Mülln. „Mir tun genauso die Menschen leid, die wir aufdecken, keiner hat so was verdient.“

Um Manipulationen vorzubeugen, war der Zwischenstand beim Deutschen Engagementpreis in den letzten Tagen der Online-Abstimmung nicht mehr öffentlich sichtbar. Am Ende gewann die „SOKO Tierschutz“ deutlich. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis begreift die Gruppe als Anerkennung für all die Mühen. Und das Grauen.

Vegane Lebensweise ist für ihre Ermittler Pflicht. „Das hält den Rücken frei“, sagt Mülln. „So weiß man, man hat mit dem Kram nichts zu tun.“ Trotzdem haben sich einige seiner Mitstreiter aus dem aktiven Dienst zurückgezogen. Sie sollen bei ihren Ermittlungen zu viel gesehen und erlebt haben, als dass sie weitermachen könnten. Wie lange er selbst diesen Job noch machen werde? „So lange, wie ich es machen kann und Bock darauf habe“, sagt Mülln. „Momentan bin ich hoch motiviert.“ Manche dürften das als Drohung verstehen.

Maximilian Gerl, freier Journalist in München, schreibt vor allem über Wirtschaft, Bildung, Karriere sowie Bayern und den Alpenraum

06:00 06.12.2019

Ausgabe 14/2020

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