App ohne Vertrauen

Maßnahmen Warum es an der Zeit ist, das kolossale Scheitern der Corona-Warn-App einzugestehen
App ohne Vertrauen
Mit dem Smartphone in der Hand gegen Corona? Klingt gut und taugt für schöne Bilder, aber mehr wohl leider nicht

Foto: Jakub Porzycki/Nurphoto/dpa

Ruhig ist es geworden um den „Rockstar made in Germany“ (Telekom-Chef Tim Höttges). Während sich das Land von Lockdownverlängerung zu Lockdownverlängerung hangelt und der SPD-Chefapokalyptiker Karl Lauterbach gleich ein Herunterfahren des sozialen und gesellschaftlichen Lebens ohne Endzeitpunkt fordert, ist nur noch wenig von der „besten Corona-App weltweit“ die Rede.

Als solche hatte sie Kanzleramtsminister Helge Braun bei ihrer Einführung Mitte Juni 2020 gefeiert. Gleich fünf Kabinettsmitglieder und die Vorstandsvorsitzenden von Telekom und SAP hatten seinerzeit die deutsche „Corona-Warn-App“, so die offizielle Bezeichnung, der Presse und Öffentlichkeit vorgestellt. Tags darauf hatte die Bundesregierung in ganzseitigen Zeitungsanzeigen für das Herunterladen der App geworben. Parallel schalteten 29 der 30 Dax-Konzerne (es fehlte nur der Autozulieferer Continental) eine Unterstützungsanzeige, um mit der geballten deutschen Wirtschaftskompetenz und Marktkapitalisierung um Vertrauen in die neue Technologie zu werben.

Ziel der App ist es, Infektionsketten zu durchbrechen und die Gesundheitsämter zu entlasten. Dafür nutzt die App die Bluetooth-Technologie, um zu ermitteln, wie lange und mit welchem Abstand man Kontakt zu einer positiv getesteten Person hatte. Die Technologie ist aber fehleranfällig, weil sie ursprünglich zum schnellen Datenaustausch, jedoch nicht zur korrekten Abstandsmessung entwickelt worden ist.

Eine Werbekampagne warb mit flotten Sprüchen („Sagt Bescheid, wenn’s ernst wird“) in Funk- und Fernsehspots und auf Riesenpostern an belebten Straßen in den Innenstädten für das Herunterladen der App, deren Erfolg an einer hohen Zahl von Downloads gemessen werden sollte. Zwölf Millionen Menschen luden die App allein in der ersten Woche ihrer Verfügbarkeit herunter, bis Mitte Dezember verdoppelte sich die Zahl auf gut 24 Millionen.

Maßgeblich für den Erfolg der App ist aber nicht die schiere Zahl der Downloads, sondern vor allem die Bereitschaft, die App auch aktiv zu nutzen und bei Vorliegen eines positiven Corona-Tests dieses Ergebnis dem eigenen Smartphone anzuvertrauen, sodass andere gewarnt werden können. Denn für das Unterbrechen von Infektionsketten sind ausschließlich die positiven Testergebnisse relevant.

Nutzen kaum erkennbar

Was nützt die beste App, wenn sich alle nur ein gutes Gewissen durch ihr Herunterladen verschaffen, um in den sozialen Medien posten zu können, dass sie nun zu den solidarischen Menschen gehören, wenn letztlich niemand ein positives Testergebnis einträgt? Vor allem an Letzterem scheiterte zuletzt der Erfolg der App.

Selbst das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass nur gut die Hälfte aller App-NutzerInnen, die ein positives Testergebnis über ihr Handy mitgeteilt bekommen, dies auch in der Corona-App teilen. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass die andere Hälfte zwar die App heruntergeladen und für die Übermittlung des positiven Testergebnisses genutzt hat, aber darauf verzichtet, das Resultat in der App zu aktivieren. Es ist also nicht etwa ein zu strikter Datenschutz, der die App zum „zahnlosen Tiger“ (so Markus Söder im Oktober 2020) macht, es mangelt schlicht an Vertrauen in den Nutzen der App, selbst unter denjenigen, die sie heruntergeladen haben.

Noch frappierender wird das Scheitern der App mit Blick auf die Gesamtzahl der Infizierten von fast 1,8 Millionen Menschen in Deutschland und den 133.854 (Stand 18.12.2020) in der App geteilten positiven Testergebnissen, was nur etwas über sieben Prozent der Gesamtzahl entspricht. Wahrscheinlich erreicht die App ohnehin nur eine technikaffine jüngere Zielgruppe und versagt, ebenso wie fast alle anderen Maßnahmen der Bundes- und Landesregierungen, gerade beim Schutz der älteren Risikogruppen.

Vor der Einführung der App wurden Rufe nach einem Begleitgesetz laut, mit dem verhindert werden sollte, dass das Vorzeigen der App künftig zur Voraussetzung beim Betreten von Restaurants oder Konzertsälen wird. Menschen, die kein oder kein technisch geeignetes Smartphone besitzen, sollten vor Diskriminierung geschützt werden. Die Diskussion um „Privilegien“ (wie die Grundrechte inzwischen bezeichnet werden) für Geimpfte erinnert an die damalige Debatte um Vorteile für App-Nutzer. Doch mangels geöffneter Bars, Museen und Theater kann die App im Moment ohnehin niemanden übervorteilen.

Und so fehlen dem Robert-Koch-Institut und der Bundesregierung gute Argumente, um die Deutschen vom Nutzen der App zu überzeugen, sodass die Zahl der Downloads schon länger stagniert. Von den vorab angepeilten 60 Prozent der Bevölkerung, also 50 Millionen aktiven NutzerInnen, ist man weit entfernt. Inzwischen wird als Hauptvorteil der Nutzung die digitale und damit vermeintlich schnellere Übermittlung eines Testergebnisses hervorgehoben. Seit Ende Dezember 2020 kann Version 10 der App heruntergeladen werden, in der mit dem elektronischen Kontakttagebuch eine Forderung von Christian Drosten aus dem Herbst technisch umgesetzt wurde. Doch wer glaubt ernsthaft, dass Menschen dieses Tool massenhaft nutzen werden, wenn sie am besten ohnehin niemand treffen sollen?

Entwickelt wurde die App von Telekom und SAP, die dafür bis Ende 2021 gut 63 Millionen Euro erhalten werden, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Bundestagsfraktion hervorgeht. Mit dem Schulterschluss der beiden Unternehmen und der Bundesregierung wollte man dem skeptischen In- und Ausland demonstrieren, dass die öffentliche Hand und Technologieunternehmen auch hierzulande in der Lage sind, bei der Entwicklung komplexer digitaler Lösungen eng zusammenzuarbeiten. Meinungsumfragen suggerieren immer wieder eine hohe Zustimmung der Bevölkerung zu den Eindämmungsmaßnahmen der Exekutive. Wenn es jedoch konkret wird, schwindet die Akzeptanz. Und noch eine Zahl zeigt das Scheitern der App: Bei ihrer Einführung wurden bundesweit 192 Neuinfektionen gezählt, heute liegt die Zahl mehr als 100-mal so hoch.

Wer jetzt nach dem ostasiatischen Modell ruft, muss wissen, dass die App etwa in Südkorea per GPS-Signal Bewegungsprofile ihrer Nutzer erstellt. Während einer zweiwöchigen Quarantäne muss man morgens und abends seine Körpertemperatur in die App eintragen. Bei Nichtbefolgen wird man sofort aus dem Gesundheitsamt angerufen und mit empfindlichen Geldstrafen belegt.

René Schlott ist freier Publizist in Berlin und Initiator der Aktion grundgesetzacasa.de

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