Arbeit

Mittelgewicht Klaus Wowereits neues Amt als Berliner Kultursenator

In der Stalinzeit ging es so: Wenn der Minister für Holzindustrie nicht mehr spurte, verbannte ihn der Diktator nicht nach Sibirien, sondern in die Kulturabteilung. Sie war das letzte Rad am Wagen und deshalb Höchststrafe für erfolglose Funktionäre. In Berlin ist sie anscheinend der Kutschbock. Ab sofort besetzt ihn der Regierende Bürgermeister und knallt mit der Peitsche auf den Holzweg. Den Kultursenator, den er nicht leiden kann und der eine gute Arbeit leistete, schickt er nicht nach Sibirien, aber in die Wüste. Dialektik à la Berlin.

Anders als sein Vorvorgänger von der CDU, der durch seine "Bemühenszusagen" bekannt gewordene Peter Radunski, hat Thomas Flierl, um Brechts gewünschte Grabsteinschrift zu zitieren, "sich bemüht". Das war in Berlin, diesem ebenso verwirrten wie verworrenen Konglomerat der zwei Halbstädte, mehr als viel. Auf seiner Habenseite stehen die Gründung der Opernstiftung zur Rettung der drei Häuser vor ihrer Schließung und die Durchsetzung der Sparmaßnahmen an den drei Universitäten der deutschen Hauptstadt, ohne deren Bildungs- und Forschungsmöglichkeiten zu strangulieren. Das alles hat Flierl mit seinem Team aus der Kultur- und Wissenschaftsverwaltung in fünf Jahren zäh erarbeitet. Sein Kardinalfehler war zu glauben, mit Arbeit sei es getan. Sie spräche in der Plappergesellschaft für sich. Das "Tue Gutes und rede drüber" war ihm nicht gegeben. Geräuschlos funktioniert der Funktionär, der "Macher" macht Krach um seine Person und seine Pläne.

Flierls Sterbestunde als Senator war deshalb jener Abend in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, als dort Stasiwiedergänger derart dreist auftraten, dass es ihm buchstäblich die Sprache verschlug. Schweigen bedeutet Zustimmung, so dass ihn der Blätterwald augenblicklich zum Mitglied der Stasifamilie machte. So etwas wäscht kein Regen ab. Und seine Partei, die sehr ungern in die Nähe von Stasigeruch gerät, opferte ihn leise. Jetzt darf er in einem Atemzug mit Jan Ulrich und Hagen Boßdorf genannt werden und eigentlich Frahm heißen.

Zurück zu Wowereit. Mit der Kappung des Kultursenatorenamtes hat er in einem Moment der Berliner Krise nach dem Karlsruher Urteil ein seltsames Zeichen gesetzt. Indem er Kultur zur "Chefsache" machte, hat er diese wichtige Ressource gleichsam geopfert und sich selbst unter einen ungeheuren Druck gesetzt. Jeder Fehler auf diesem Gebiet, jede Schließung einer Institution wird ab sofort ihm in Rechnung gestellt. Da wird es ihm wenig nutzen, wenn er die Kulturstaatssekretärin Barbara Kisseler zu sich in die Senatskanzlei holt. Zumal Frau Kisseler ihren bisherigen Chef Flierl an medialer Unauffälligkeit noch in den Schatten gestellt haben dürfte. Der Chef der Senatskanzlei, André Schmitz, der selbst ausgeprägte kulturelle Ambitionen hat, wird sich von einer Staatssekretärin ungern hineinreden lassen, selbst wenn ihn Klaus Wowereit auch weiterhin zur Organisation der gesamten Regierungsgeschäfte einspannt.

Wohin eine vermeintliche Aufwertung von Kultur führt, die in Wirklichkeit eine Diminuierung ist, zeigen die CDU-geführten Länder Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Dort läuft Kultur als "Nebenbeschäftigung der Staatskanzlei", wie der Berliner Tagesspiegel zu Recht bemerkte. Der Regierende Bürgermeister meinte jedoch bei der Bekanntgabe der neuen Konstellation: "Kultur ist dann beim Regierungschef angesiedelt. Schwergewichtiger kann es nicht sein." Wenn er sich nur nicht verhebt! In Sachen Kultur ist Wowereit höchstens Mittelgewicht. Er mag vielleicht ein origineller Eröffner von Ausstellungen und Gast von Opernpremieren sein. Aber nur, wenn er einen guten Redenschreiber hat. Und er ist vermutlich ein hartnäckiger Unterhändler, was ihm bei den Kämpfen um den künftigen Status der Staatsoper helfen kann. Sein von den Medien aufgedrücktes Klischee als "charming boy" kann er im neuen Aufgabenbereich getrost stecken lassen. Die professionelle Konkurrenz auf diesem Gebiet ist einfach besser.

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang gern an den Spruch "Kultur ist schön. macht aber viel Arbeit". Die neue Stadtregierung wird daran gemessen werden, ob ihr Marsch durch die Mühen der Ebenen ans Ziel kommt. Da kann man noch so arm und noch so sexy sein. Die Liste von Wowereits Vorgängern hat gewichtige Namen: Joachim Tiburtius, Adolf Arndt, Werner Stein und vor allem Volker Hassemer. Mal sehen, was sein Beitrag sein wird.


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00:00 10.11.2006

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