Armer Super-Mann

Vakuum In seinem neuen Erzählband "Menschen und Superhelden" sinniert Jonathan Lethem über einsame Männer und ihre Kindheitsfantasien

Sie sind die Superhelden unserer Zeit. Die Bande der drei Jonathans teilt sich den Literaturhimmel Amerikas untereinander auf. So wie die französischen Starphilosophen früher Jacques hießen, müssen die heutigen amerikanischen Starschriftsteller Jonathan heißen. Jonathan Franzen, der Super-Intellektuelle, kann es sich inzwischen sogar leisten, sich schnöselnd über das Hausfrauen-Niveau von Oprah Winfreys Buchclub lustig zu machen, der ihm Sensationsauflagen bescherte. Jonathan Safran Foer, das Super-Wunderkind, wagt sich erfolgreich mit vor poetischer Naivität ganz großen Augen an Ereignisse wie den Holocaust und neuerdings den 11. September.

Aber der unbestrittene Super-Mann in dieser Runde ist Jonathan Lethem, dessen nostalgische Brooklyn-Romane Motherless Brooklyn (1999) und The Fortess of Solitude - Die Festung der Einsamkeit (2003) ihn vom kultigen Science-Fiction-Status in den Himmel des literarischen Startums katapultierten. Sein stilistisches Markenzeichen ist eine hypnotische Prosa, die auf fantastische Weise mit den Konventionen von Sci-Fi, Western und Detektivgeschichte spielte und mit einfühlsamem Blick den Staub in den altmodischen Genres aufwirbelt. Ein Brooklyner Meister-Detektiv hatte bei Lethem schon mal das unberechenbare Tourette-Syndrom, Schuljungen bastelten sich bunte Umhänge, mit denen sie fliegen konnten und Western spielten auf dem Mars. Das hatte oft eine schnelle, abgefahrene Comic-Qualität, der man sich kaum entziehen konnte, und die gerade realistisch genug war, dass sie quasi im Vorüberfliegen Themen wie die Gentrifizierung der Städte abhandeln konnte.

Auch viele Erzählungen aus Menschen und Superhelden, dem neuen Erzählband von Jonathan Lethem, rufen diese Sogkraft hervor. Doch dieses Mal steht ein Thema im Zentrum, das lange eines der eher randständigen Leitmotive bei Lethem war. Es geht um Männer in Identitätskrisen - ob sie in abstrusen Zukunftswelten wie in der Erzählung Auffahrt Fantasie leben, jetsettende Kuratoren wie in Vivian Relf sind oder erfolgreich als Comiczeichner arbeiten wie in Planet Big Zero. Die Figuren Lethems stoßen immer wieder ratlos auf die Frage, wie es ist und was es heißt, ein Mann zu sein. Nach der weit verbreiteten kulturellen Diskreditierung des traditionellen Männerbildes als hegemoniale Machttechnik scheinen sich die Lethem-Männer in einer Art Selbstdefinierungsvakuum, in einem luftleeren Identitätsraum der ewigen Adoleszenz zu befinden. Allen, die dachten, es sei einfach, ein urbaner, gebildeter und erfolgreicher Mann zu sein, sei nun gesagt: Auch das Ich der Männer ist durcheinander geraten und mit Selbstzweifeln und Schuldgefühlen belastet. Auch Männer sind einsam und denken nostalgisch an ihre Kindheit zurück. Auch Männer sind manchmal unsicher.

Lethems Helden sind keine erfolgreichen Metrosexuellen, die sich nach dem Vorbild von Mens Health und Gillette-Werbung mit Muskelmasse, Rasurkompetenz und Unterhosendesign über diese Männlichkeitskrise hinwegtäuschen. Vielmehr versuchen sie, in spannungsgeladenen Konkurrenzsituationen und der Kultur ihrer Kindheit ihre identitätsstiftenden Wurzeln wiederzufinden. Menschen und Superhelden hätte besser "Männer und Superhelden" heißen sollen - eine Möglichkeit, die der englische Originaltitel Men and Cartoons offen lässt.

Was die meisten Erzählungen des Bandes miteinander verbinden, sind die Comics und Cartoons, die die imaginären Kindheitswelten von Lethems Männerfiguren geformt haben, ihnen manchmal Komfort geben und sie manchmal verfolgen. In Vision zum Beispiel begegnet der Erzähler einem ehemaligen Mitschüler auf der Straße, der ins Nachbarhaus gezogen ist und bis zur Mittelstufe als "Vision" verkleidet zur Schule kam, eine eher unbekannte Figur aus einem Marvel-Comic. Wie zu Schulzeiten spürt der Erzähler eine gewisse Rivalität in sich aufsteigen, die sich besonders an der attraktiven Lebensgefährtin des neuen Nachbarn stößt und bei der Einweihungsparty dazu führt, dass er die alberne Episode aus der Kindheit ausposaunt. Doch dem Rivalen ist das nicht so peinlich wie erwartet. Er verkleidet sich immer noch als "Vision", zusammen mit seiner Partnerin, die als eine Art Liebesbeweis in das selbstgenähte Kostüm der "Scarlet Witch" schlüpft. Der Clou der Geschichte ist jedoch das verrückte Gefühl, das einen beim Lesen beschleicht, dass der verbitterte Erzähler die beiden nicht wirklich um ihre Partnerschaft beneidet, sondern um die instinktive Selbstsicherheit, die sein Nachbar besitzt, weil er regelmäßig einen Superhelden spielt und diesen Teil seiner Kindheit nicht verloren hat.

Andere Erzählungen wie Die Brille, Das Spray und Die Nationalhymne etwa - wirken gegen die Dichte von Vision leider wie bemühte Schreibübungen, die vergeblich nach einer Mystik in belanglosen Alltagssituationen suchen, und die man, obwohl handwerklich durchaus solide, besser aus dem Band rausgelassen hätte. Aber für solche Enttäuschungen entschädigen Figuren wie der "Superziegenmann", der Protagonist der traurigsten Geschichte des Bands, der als allegorische Mischung aus ausrangiertem Superheld, abgehalftertem Hippie und alterndem College-Professor für das liberale politische Klima im Amerika der sechziger Jahre steht, dessen Utopien und unkonventionelle Männlichkeitsbilder, ebenso wie die Fantasien, Wünsche und imaginären Comic-Welten jener amerikanischen Kindheiten ausgedient haben.

Jonathan Lethems krisengeschüttelte Männer mögen in der Zeit von Men´s Studies und Postfeminismus nicht besonders provokant wirken. Dennoch ist es überraschend, wenn sich Männer, ehemals Monopolisten des Blicks, selbst ins Blickfeld rücken und demontieren. Waren die literarischen Männerhelden bei Norman Mailer, John Updike und Philip Roth noch Potenzprotze, die nach einigen Freiflügen immer wieder auf ihren patriarchalen Füßen landeten, ist bei Lethem zu spüren, dass Männlichkeit als ein Problem wahrgenommen wird, über das es zu schreiben gilt. Die Faszination mit Superhelden trifft da ins Schwarze. Nicht nur beschwört sie die unschuldigen Kindheiten der Männerfiguren, mitsamt ihrer verschwundenen Welt und die Gefühle von Nostalgie, Leere und Einsamkeit, das dieses Erinnern begleitet, sondern sie beschreibt auch ein Dilemma, das nicht nur Männer haben: Das grundsätzliche Verlangen, das sein zu wollen, was man gerade nicht sein kann.

Jonathan Lethem: Menschen und Superhelden. Stories. Aus dem Amerikanischen von Michael Zöllner. Tropen, Berlin 2005, 172 S., 17,80 EUR


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00:00 21.10.2005

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