Auf Dauer sind wir alle tot

Chinesische Zeiten Finn Mayer-Kuckuk über den immer wieder angekündigten Kollaps Chinas
Auf Dauer sind wir alle tot
Den Robotern ist es egal, ob die chinesische Wirtschaft zusammenbricht oder nicht

Foto: Greg Baker/AFP/Getty Images

Im Jahr 2001 legte sich der chinesischstämmige US-Autor Gordon Chang fest: „Die Volksrepublik hat noch fünf Jahre“, prognostizierte er, dann komme der unausweichliche Kollaps. Während China sich seitdem prächtig entwickelt hat und immer reicher und mächtiger wurde, erneuert Chang seine Vorhersage praktisch jedes Jahr. Der „Coming Collapse of China“ liegt dabei immer einige Jahre in der Zukunft.

Changs Prognose ähnelt dem prophezeiten Weltuntergang der Zeugen Jehovas, der schon seit 1878 immer nicht stattfinden will und deswegen wieder und wieder um ein Stück in die Zukunft verschoben werden muss.

Nun ist alles Irdische endlich, der Beobachter muss nur lange genug warten, bis es kollabiert und verfällt. Wie Keynes sagte: „In the long run, we are all dead“, all die Rezessionen, Krisen und Börsentiefs, die Ökonomen vorhersagen, irgendwann kommen sie bestimmt. Schwieriger ist es, den exakten Zeitpunkt zu treffen. Oft werden jene Experten hinterher als Propheten gefeiert, die zufällig richtiglagen. Dafür irren sie sich dann beim nächsten Mal.

Derzeit hat China-Pessimismus wieder Konjunktur. Das Wirtschaftswachstum so schwach wie seit 1990 nicht mehr, Trumps Handelskrieg zeige Wirkung, Deutschland habe sich abhängig gemacht, das System Xi Jinping bekomme Risse, „Killt Peking die Weltkonjunktur?“, fragt N-TV. Im Gespräch mit ansonsten gut informierten Leuten in Deutschland fällt immer wieder auf, wie hartnäckig die Vorstellung sich hält, der Erfolg Chinas sei auf Sand gebaut.

Mir scheint ein Kollaps der EU mit erheblichen Folgen für alle Beteiligten viel wahrscheinlicher als ein Zusammenbruch Chinas. Warum sollte die chinesische Wirtschaft zusammenbrechen? Ihre Produktivkraft ist enorm, eine Knappheit an Gütern ist also ausgeschlossen. Eine Finanzkrise ist jedenfalls unwahrscheinlich, schließlich gehören sämtliche Banken bereits dem Staat, die Zentralbank steht bereit, Feuer zu löschen, wo sie ausbrechen. Im Ausland ist China unterm Strich schuldenfrei. Dazu kommt eine konsumwillige Bevölkerung. Europa hingegen zerlegt sich derzeit selbst, auf die Details muss ich hier wohl kaum eingehen.

Eher entspringt die Vorstellung vom Zusammenbruch Chinas dem Wunsch der Europäer und Amerikaner, die verunsichert sind, weil ihre Vormachtstellung in der Wirtschaft bedroht ist. China könne nie innovativ werden – noch so eine falsche Prognose. Die Firmen des Landes melden heute zum Teil mehr Patente in den Bereichen KI, Robotik und Kommunikationstechnik an als die in den USA. Statt brav zusammenzubrechen, schicken die Chinesen lieber Sonden in den Weltraum und kaufen umgekehrt deutsche Technikfirmen.

Wahrscheinlich kommt in China früher oder später eine dicke Krise. Eine Volkswirtschaft, die 40 Jahre lang wie irre wächst, muss irgendwann herunterschalten. Schon in den 1990er Jahren musste die Regierung beispielsweise massenhaft Staatsbetriebe schließen lassen. Doch der Zusammenbruch Chinas ist wohl erst für die weiter entfernte Zukunft einzuplanen. Vorerst bleibt China stark, selbstbewusst und, ja, stabil.

Finn Mayer-Kuckuk berichtet seit 2010 als Korrespondent aus China

06:00 16.02.2019
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