Auf der Suche nach dem verlorenen Sinn

Tambourine Man des Weder-Noch Bob Dylan Revisited anhand seines ersten Romans "Tarantel"

Bob Dylan ist längst ein Mythos, zu dem manchem mehr Legenden einfallen, als anderen lieb ist. Natürlich ist auch sein bis heute einziges Buch schon ein Mythos gewesen, ehe es erscheinen konnte. Schon lange wollte der Singer und Songwriter ein Buch verfassen; Dylan hatte gerade Blowin' In The Wind verfasst, da gelang es MacMillan Ende 1963/64 einen für Autor wie Verlag lukrativen Vertrag mit der künftigen "Stimme einer Generation" abzuschließen. Dylan, von den Klauseln des Vertrags enerviert (das Buch - so das Ultimatum des Verlegers, der seinen spendablen Vorschuss rentabel angelegt sehen wollte und dem bunt-anarchischen Vogel eigentlich misstraute - musste bis 1966 fertig sein), von den immensen Erwartungen des Publikums bedrückt, das mit seinem üblichen Auditorium nicht identisch war und einen neuen James Joyce erwartete, zögerte und zauderte mit der Fertigstellung des Manuskripts, experimentierte mit unterschiedlichen Arbeitstiteln (Side One, Off The Record). Das Buch konnte aber trotz der bereits auf vollen Touren laufenden Publicity-Kampagne im August 1966 nicht erscheinen. Dylan verunglückte im Juli 1966 mit seinem Motorrad, die Korrektur der Druckfahnen war unmöglich. Dem Poeten, der keiner sein wollte und der als "Song and Dance Man" der so genannten hohen Kultur seine Verachtung nicht versagte, kam der Unfall nicht ungelegen. Er konnte aus dem unkontrollierbar gewordenen Leben des modernen Propheten im Medienzeitalter aussteigen in die Idylle eines ländlichen Woodstock, wo er im Basement mit seinen Freunden von The Band ganz privat seinen musikalischen Obsessionen für das alte, unheimliche Amerika frönte, das Harry Smith in seiner Anthology of American Folk Music kompiliert hatte. Inzwischen kursierte Tarantula zeitgeistkonform in Auszügen als Raubdruck. Schon im Januar 1965 erschien im Sing Out!-Magazin ein kleines Prosa-Fragment von Dylan (Walk Down Crooked Highway). Die Legenden wuchsen.

Erst 1971 erschien das Buch. Auflage: eine Million Exemplare. Obwohl es ein Bestseller wurde, blieb es ein Geheimtipp, selbst in der globalen Gemeinschaft der Dylanologen. Liest man den jetzt bei Zweitausendeins anlässlich des 60. Geburtstags wieder aufgelegten Text erneut, so verwundert das nicht. Das Buch entzieht sich den üblichen Gattungsbeschreibungen, es changiert zwischen Lyrics, Kurzgeschichten, fiktivem Tagebuch, arrangierten Brief-Fragmenten, Protokollen bewusstseinserweiternder Trips, automatischem Schreibstil und pointiertem Kalkül, Tragödie (seltener) und Komödie (zumeist). Dem Übersetzer (Carl Weissner, der nicht der einzige Dylan-Übersetzer ist - selbst ein Heiner Müller hat sich seinerzeit mit Dylan-Übersetzungen etwas Geld verschafft -, sich aber zweifellos um die Übersetzung von Dylan-Texten verdient machte) und vor allem dem Leser wird einiges abverlangt: Er muss einen langen Atem haben, konzentriert sein und für die alogischsten Assoziationen offen, Verborgenes dechiffrieren und sich über comic-hafte Gags amüsieren können, den Diskurs der literarischen Tradition ebenso sicher beherrschen wie den subkulturellen. Vor allem wird von ihm die Phantasie verlangt, flüchtige Skizzen zu fertigen Gemälden weiterzumalen, um diese dann wieder in ihrer Vorläufigkeit zu erkennen und zu den Skizzen zurückzukehren. Dylans eigene, überaus private Definition der Genres lautet wie folgt: Anything I can sing, I call a song. Anything I can't sing, I call a poem. Anything I can't sing or anything that's too long to be a poem, I call a novel. (Cover der LP Freewheeling, Mai 1963) Wer an überkommenen ästhetischen Konzepten festhalten möchte und keinen Sinn für radikalen Destruktivismus hat, wird an dem Buch keinen (intellektuellen) Spaß haben.

Man erwartet(e) von einem Dylan-Buch: Protestsongs im Großformat - sei es im an Woody Guthrie und Brecht erinnernden Stil der frühen sechziger Jahre oder im surrealistischen Gestus, der für den "elektrischen Dylan" nach dem Newport-Festival (1965) typisch ist. Tatsächlich hat das Buch nicht einmal ansatzweise eine erzählbare Story. Es wird von einem seltsamen Figurenensemble bevölkert: Aus unterschiedlichsten Perspektiven (Dylan spielt mit Masken und Kostümen, ist einmal Zorba the Bomb, das nächste Mal the Friendly Pirate oder Smoky Horny ) werden flackernde Streiflichter auf Szene-Käuze wie Jinx, den Poeten des Nichts, geworfen (Black Night Crash/Mitternächtlicher Stunk), tauchen Frauen wie die an Sarah Dylan erinnernde Mexikanerin Maria oder die "soulful mama", die Muse, Helferin und Prostituierte Aretha ("lady godiva of the migrants") auf, um mythischen Gestalten aus der griechischen Antike oder populären Trivialmythen oder Filmikonen Platz zu machen. Die Satire auf den amerikanischen Traum, auf die Ronald Reagans, Nixons Co. ist die für alle toughen Typen selbstverständliche conditio sine qua non - ähnlich der Verachtung, die ein Dirk von Lotzow oder ein Jochen Distelmeyer heutzutage der "Ich-bin-stolz-ein-Deutscher-zu-sein-Ideologie" entgegenbringen. Dylan, der radikale Antipolitiker, ist nicht bereit, sich an den Scheingefechten zu beteiligen, in denen Verfassungspatrioten das Hohe Lied von kritischer Öffentlichkeit und herrschaftsfreier Konsensbildung anstimmen. Er weigert sich, zwischen Freiheits-Demagogen wie Goldwater, de Gaulle, Eisenhower, Robert Kennedy, General Franco oder Adolf Hitler (!) im Sinne einer politischen Korrektheit zu entscheiden ("A Confederate Poke into King Arthur's Oakie"). Wir befinden uns auf einem rauschhaften Ausflug zur Desolation Row oder in den Garten Eden, in einem Panoptikum, in dem sich Abraham und Gott, Einstein und Robin Hood, Cinderella und Shakespeare treffen - ebenbürtig, auf gleicher Augenhöhe. Offensichtlich überbietet Dylan hier seine deklarierten literarischen Vorbilder, die Beat-Poeten um Jack Kerouac und den von Dylan heilig gesprochenen Dichter des "Kaddisch".

Dylans Buch weigert sich konsequent, Antworten zu geben: "fragst dich mit wem ronald reagan über die außenpolitische lage gesprochen hat? frag darüber nach kid, aber frag keine ausländer... fragst dich warum castro einen Hass auf rock n roll hat? denk darüber nach kid, aber frag keinen roller... fragst dich warum general electric sagt das wichtigste für eine familie sei dass sie zusammenhält?" Im Original heißt es danach: "go ahead, wonder..." (Note to the Errand Boy as a Young Army Deserter). Der Text realisiert Dylans Credo: "I accept chaos/ I wonder if it accepts me". In Dylans Skizze Guitars Kissing Contemporary Fix" gibt es keine Hierarchie mehr von Gut und Böse, keine eindeutige Unterscheidung zwischen ersehnter Freiheit und erlangter Unfreiheit, Sehnsucht nach Glück, Sex und Liebe und deren Pervertierung in der amerikanisierten Welt, aus der zu desertieren Schwerstarbeit darstellt. Moan, der Anarchist, muss feststellen, dass er in einer Welt lebt, die eine Walross-Welt ist: Er selbst sieht wie ein Walross aus, bewegt sich wie ein solches, muss mit einer Frau schlafen, die sich wie ein Walross anfühlt, ist gezwungen, für eine Horde quengelnder Kinder das Walross zu spielen, geht zu von Fanatikern besuchten Walross-Spielen, um begraben zu werden - "with a walrus in his mouth" (Al Aaraaf and the Forcing Committee). Der gerne angestellte Vergleich von Tarantula mit Burroughs lange verbotenem The Naked Lunch (1959), von dem bereits 1953 Teile unter dem Titel Junkie bekannt wurden, hat seinen Sinn, geht aber doch an dem Spezifischen von Dylans Strategie, gesellschaftliche, kulturelle und sexuelle Tabus zu missachten, vorbei.

Dylans Buch ist nicht grundiert von Moralität, enthält kein Traktat gegen die Todesstrafe oder ähnliches, sondern zeugt von einem existentialistisch anmutenden Anarchismus und einer an allen Wahrheiten lustvoll-komisch-verzweifelnden Sehnsucht nach dem Authentischen. Dylan ist nicht wie Sören Kierkegaard der Philosoph des Entweder-Oder, sondern der Mr. Tambourine Man des Weder-Noch. Obwohl Dylan weiß, dass der Totempfahl der Menschheitsgeschichte, in den er Prinz Hamlet noch die Wörter Memphis, London und Vietnam schnitzen lässt, schon auf die "lumberjacks", die Holzfäller, wartet, beharrt er auf auf der Suche nach seinem Sinn ("I'm searching for some kind of meaning"). Eine anrührende Zumutung angesichts einer Realität, die Dylan in fünf Zeilen so kollagiert: The stripper comes in wearing an/ engagement ring - she asks for lemonade/ but says she'll settle for a sandwich- / the newsboy grabs her -yells 'lord have/ mercy'". Fürwahr eine (im Sinn Albert Camus) "heroische" Attitüde.

Dylan hatte bereits auf den liner notes seiner Platten Gedichte und kurze Prosatexte platziert, mit Vorliebe Outlined Epitaphs (LP The Times They Are A-Changin'). Tarantel realisiert, was sich deutsche Autoren wie Rolf Dieter Brinkmann, Peter Handke oder Thomas Brasch (beides erklärte Dylan-Rezipienten) vorgenommen hatten: Gedichte, Texte zu schreiben, die so spontan, komplex, einfach und deshalb so großartig sind wie Rocksongs. Dylan ist das in den sechziger Jahren scheinbar mühelos gelungen. Er hat dem Pop-Diskurs eine Signatur gegeben, die ihn - temporär und auf Widerruf - in den kulturellen Diskurs gleichberechtigt einbezog und ihn - solange Inspiration und Nonkonformismus reichen - einbeziehen werden. Der Performing Artist hat die Grenze zwischen Jazz- und Rock-Improvisation durchlässig gemacht. Deshalb macht die seit Jahren erhobene Forderung, seine Leistung mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur zu würdigen, Sinn. Dylan verdient diesen Preis nicht wegen, aber mit Tarantula. Seine klassischen Songs sind bereits vor der im Juni 1988 im unscheinbaren Concord Pavillon, Concord, Colorado, California, begonnenen Never Ending Tour Literatur als Performance, sein literarisches Produkt Text gewordene Musik. Deshalb sollte man Tarantula laut lesen, im kleinen oder größeren Kreis. Dann erkennt man leicht, wie hausbacken Internet- oder TV-Talk-Show-Provokateure wie Rainald Goetz oder Stuckrad-Barre eigentlich sind. Und es vermittelt sich die Lust an Anarchie und Chaos, die für den frühen Dylan charakteristisch ist und ihn von dem bernhardisch-trostlosen Verfasser des späten Poems Highlands (von der 1997 erschienen CD Time out of Mind) abhebt. Ehe Bob Dylan von den Tarantelstichen des Chaos müde wurde, hat er mit ihm seine Spiele getrieben, sich auf den kulturellen Spielwiesen Film (mit Renaldo, 1978) und Malerei (Drawn Blank, 1994) getummelt. Wissend: There are only three things that continue: Life - Death the lumberjacks are coming. Und vor diesen ist niemand sicher, auch nicht der Verfasser der Rock-Hymnen par exellence, dessen vorletztes, an Hölderlin gemahnendes Wort lautet: I was born here and I'll die here against my will. (Not Dark Yet) Das unterscheidet und verbindet ihn von und mit religiösen Gestalten wie Jesus von Nazareth, der bei aller Daseinsangst doch die Gewissheit hatte, vor Nietzsche gelebt zu haben.

P.S.: Hörbücher sind heutzutage und hierzulande Mode, machen aber selten Sinn. Im Fall von Tarantula wäre ein Hörbuch nicht nur ein lukrativer Lückenbüßer, sondern das, was not tut.

Dylan ist nicht nur in meinen Augen einer der bedeutenden Performance-Künstler unserer Zeit, dem in der aktuellen Szene höchstens ein Beck approximativ vergleichbar ist. Es ist kein Zufall, dass sich einer der bedeutendsten lebenden französischen Philosophen nach dem Besuch eines Dylan-Konzerts vornahm, seine Vorlesungen im Stile einer Performance des Poeten aus Hibbing/Minnesota zu halten. Dessen Worte leben auch in Buchform, in der Performance mit oder ohne Musik könnten sie überwältigend sein.

Bob Dylan: Tarantel. Deutsch von Carl Weissner. Neuauflage. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2001, 314 S., 22,- DM

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00:00 25.05.2001

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