Auf der Suche nach einer Romanfigur, die man selbst ist

Desillusionsromantik Jörg Dörings Studie über Wolfgang Koeppen

Stoff für Mythen und Legenden. Wie oft ist nicht schon Wolfgang Koeppens Geschichte erzählt worden?! Da schreibt sich einer mit einem wahren Paukenschlag in die neue Nachkriegsliteratur/West hinein, liefert in kürzester Zeit eine Romantrilogie, die, realistisch und avantgardistisch zugleich, der jüngsten Geschichte gehörig auf den Zahn fühlt, das Weiterwirken alter Denkweisen und Verhaltensmuster gnadenlos aufdeckt und anprangert, ohne dabei Lehren zu erteilen, und die turmhoch über der bloß gutgemeinten Kahlschlag- und Nullpunktliteratur steht. Tauben im Gras, Das Treibhaus und Tod in Rom heißen die Romane, die wie erratische Blöcke in die Literaturlandschaft der verschwiemelten Bundesrepublik ragen, einsam und isoliert wie wohl sonst nur noch das Werk Arno Schmidts. Kleinere Texte, Prosaskizzen und Miniaturen folgen dann, wiederaufgelegt wird Früheres, Romane, die der Autor als 28- beziehungsweise 29-Jähriger verfasst hat (Eine unglückliche Liebe, 1934; Die Mauer schwankt, 1935). Und dann? Beharrliches Schweigen, jahrzehntelang, unterbrochen von stets angekündigten weiteren Romanen, die ein drängender Verleger seinem Hausautor abgenötigt zu haben scheint. Literaturkritiker und -wissenschaftler nicht minder beginnen mit ihrer Arbeit am Mythos.
Jörg Dörings aus einer Dissertation hervorgegangenes Buch, das glücklicherweise den Textbestand einer bloßen Biographie nicht erfüllt, hat am Ende nach 343 Seiten ein nüchternes Resultat: denn je intensiver er sich unter Hinzuziehung von unpublizierten Materialien und Archivalien sowie Gesprächen mit ZeitzeugInnen mit Werk und Person Koeppens in der fraglichen Zeit zwischen 1933 und 1948 beschäftigt hat, desto mehr verflüchtigt sich der Autor Wolfgang Koeppen wieder. Und das kommt nicht von ungefähr, wie Dörings beeindruckende Monographie resümiert, die ebenso detektivisch und akribisch bei biographischen Recherchen wie auch umsichtig im textphilologischen Umgang zu Werke geht. Koeppen sah sich, wie er es in einem Interview aus dem Jahre 1995 einmal bündig ausgedrückt hat, von der "Suche nach einer Romanfigur, die ich selbst bin", geleitet.
Dieses Unternehmen musste allerdings - das zeigt Döring in kleinschrittigen Analysen - zwangsläufig scheitern, weil er - so Döring konjunktivisch - "von seinem Stolz als literarischer Debütant in Zeiten der Diktatur hätte (...) erzählen müssen; von Einsamkeit im freiwilligen Exil, von seiner Rückkehr nach Nazi-Deutschland, die er nachträglich vielleicht als Verrat an seinen jüdischen Freunden empfand; von seinem Opportunismus als gutbezahltem Filmautor; schließlich von seiner Wiedergutmachungsleistung, dem nicht ganz selbstlosen (Schreib-)Dienst an NS-Opfern." Das hätte der Stoff dieses Lebensromans sein können, eines Romans freilich, der sich dann im besten Sinne einer "Desillusionsromantik" auch mit eigenen Mythen und Idiosynkrasien hätte auseinandersetzen müssen; aber "je mehr er - seiner Nachkriegsromane wegen -, in den Ruf geriet, ein politischer Autor zu sein, der in literarischer Form die Bundesrepublik als Verdrängungsgesellschaft darstellt, umso schwerer mochte es gewesen sein, die eigene wechselvolle und zwiespältige Vorgeschichte als Schriftsteller während des Dritten Reichs erzählbar zu machen." So Dörings zwar spekulativer, dennoch plausibler Schlusspunkt.
Auch wenn Döring insgesamt in vier großen Kapiteln nacheinander die Anfänge Koeppens als Journalist beim Börsen-Courier mit der Entstehung des ersten Romans, die vier Jahre darauf in Den Haag zwischen 1934 und 1938, die darauffolgende Zeit zwischen 1938 und 1945 in Berlin, München und Feldafing und schließlich die ersten Nachkriegsjahre in München bis 1948 unters Mikroskop legt, ein rundes, ja abgeschlossenes Porträt entsteht dabei keineswegs. Er füllt auch nicht die Lücken, die manch enttäuschter Leser angesichts des Torsos jenes im Jahr 2000 veröffentlichten Nachlassbandes unter dem Titel Auf dem Phantasieroß empfunden haben mag: nein, im Gegenteil könnte man sagen, dass Dörings monographische Darstellung im Grunde genommen einen fortlaufenden Kommentar zu etlichen dieser Texte aus dem Nachlass darstellt - und zwar einen klugen, gut geschriebenen Apparat mit Wort- und Sacherläuterungen, Hinweisen zu Entstehungszusammenhängen und Überlieferungsfragen sowie behutsamen Interpretationen im Blick auf den Kontext und Zusammenhänge mit dem Gesamtwerk.

Jörg Döring: "... ich stellt mich unter, ich machte mich klein ..." Wolfgang Koeppen 1933-1948. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main/Basel 2001, 358 S., 24 EUR


00:00 31.05.2002

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