Auf zu Lord Groggy nach England

"Mosaik"-Comics sind ein veritables DDR-Kultprodukt Jede Familie huldigt bei diversen Feierlichkeiten geheimnisvollen Ritualen. So rezitiert meine Mutter zu vorgerückter Stunde stets folgendes Gedicht: ...

Jede Familie huldigt bei diversen Feierlichkeiten geheimnisvollen Ritualen. So rezitiert meine Mutter zu vorgerückter Stunde stets folgendes Gedicht:

"Kann man´s glauben, hat man Worte?
Hier löst eine simple Torte
eine Riesen-Seeschlacht aus!
Dieser Kuchen kommt recht teuer,
denn dem Schiff droht durch das Feuer
Untergang mit Mann und Maus."

Wie treue Leser wissen, handelt es sich um Verse aus einem Heft der "sozialistischen Bilderzeitschrift" Mosaik von Hannes Hegen mit dem Titel "Feuerzauber auf hoher See". Der wahrhaft echte Fan wird wie aus der Pistole geschossen hinzufügen: Nummer 94, Seite 18, September 1964.

1964 war ich ein knapp fünfjähriger Analphabet. Noch bevor der Leseunterricht der Polytechnischen Oberschule diesen Mangel behob, war ich dem oben genannten Printprodukt so verfallen, dass meine Mutter die Texte unter den bunten Bildern wieder und wieder vorlesen musste. Bis sie sich uns beiden für alle Zeiten eingeprägt hatten. Jahrelang plagte ich die Zeitungsverkäuferin am örtlichen Kiosk mit der Frage nach dem jeweils aktuellem Heft. Und kaum im Besitz meines ersten Buchstabenstempelkastens, druckte ich Zettelchen mit der Aufschrift: "LEST MOSAIK VON HANNES HEGEN! NUR 60 PF.", die ich in alle Briefkästen der Ernst-Thälmann-Straße meines kleinen Heimatortes südlich von Leipzig expedierte.

Diese Begeisterung ist beileibe kein Einzelfall; die intensive Beschäftigung mit den bunten Heften drückte Generationen von DDR-Kindern und Jugendlichen ihren Stempel auf, die Abenteuer der beiden Heldentrios, erst der Digedags (bis 1975), dann der Abrafaxe, wurden allmonatlich mit Spannung erwartet.

Geprägt durch Ritter Runkel

Als das Magazin Focus den Regisseur des Films Sonnenallee, Leander Hausmann, im April 2000 fragte, was er denn aus DDR-Zeiten vermisse, antwortete er: "Die Comics mit Dig, Dag Digedag und Ritter Runkel von Rübenstein. Mein gesamtes technisches als auch kulturelles Wissen basiert auf diesen Heften." Nicht minder begeistert äußert sich der Autor Reinhard Ulbrich:"Ja, ja, wir geben es zu - ein Großteil unserer Halbbildung stammt aus diesen Comics. Aber statt im Geschichtsbuch zu blättern, war es nun mal viel interessanter, den Digedags ins alte Byzanz zu folgen oder zu Lord Groggy nach England. Die Bleikammern der Dogen in Venedig lernten wir ebenso kennen wie die Sandalenmode im Römischen Reich, und Runkel von Rübenstein brachte uns irre Ritterregeln bei, wo doch eigentlich die zehn Gebote der sozialistischen Moral gepaukt werden sollten."

Diesen Zitaten ließen sich Beifallsbekundungen einer ganzen Reihe anderer prominenter und weniger prominenter Bürger der untergegangenen DDR hinzufügen. Der Physiker Manfred von Ardenne und der LDPD-Politiker Dieckmann mochten Mosaik ebenso wie meine Freunde: Thomas Wilde, heute Vorsitzender eines Fan-Clubs, Reiner Grünberg, der inzwischen dicke Mosaik-Kataloge kreiert, oder Ralf Mierbach, der aus Holz einen lebensgroßen Ritter Runkel bastelte.

Den mit Fix und Foxi, Superman und Micky-Maus aufgewachsenen Altbundesbürgern dagegen ist das Ost-Comic-Produkt mit Kultcharakter zumeist völlig unbekannt, obwohl es nach der Wende weiterlief und zahlreiche Nachauflagen in Sammelbänden und Reprintmappen erfuhr. Denn was viele gar nicht wissen: Mosaik erscheint auch heute noch im Monatsrhythmus, wird jedoch im bunten Hefte-Dschungel kaum mehr wahrgenommen. Obwohl sich der Comic redlich müht, den Erwartungen der Stammleser wie denen der Manga-Generation gerecht zu werden, bleibt die Begeisterung vor allem ein ostdeutsches Phänomen.

Digedags in Nationalfarben

Ins Leben gerufen wurde Mosaik im Dezember 1955. Bis Ende 1990 erschienen 403 Hefte mit 8.984 Seiten. Zunächst gab es Mosaik mit einer durchgängigen Geschichte auf 32 Seiten im Vierfarbdruck zum Preis von 95 Pfennig nur quartalsweise. Aufgrund des außergewöhnlichen Erfolges bei ständig wachsender Nachfrage stellte man ab Januar 1957 auf monatliches Erscheinen bei 24 Seiten zu 60 Pfennig um. Die Startauflage betrug rund 120.000 Stück. 1983 überschritt man monatlich die Millionengrenze. Die Nachfrage konnte ohnehin nie befriedigt werden.

Die Geschichte von Mosaik bis 1990 lässt sich in zwei große Abschnitte unterteilen. Von 1955 bis 1975 reichte die erste Phase, die durchgängig nummerierten Hefte 1-223 erschienen im sogenannten "Mosaik-Kollektiv" unter künstlerischer Leitung des 1925 in Böhmisch-Kamnitz geborenen Johannes Hegenbarth, der unter seinem Künstlernamen "Hannes Hegen" ein Stück Comic-Geschichte schrieb. Die Gesamtheit dieser Hefte wird nach ihren Haupthelden, dem schwarzhaarigem Dig, rothaarigen Digedag und dem blonden Dag - der Bezug zu den deutschen Nationalfarben ist unverkennbar - als Digedag-Reihe bezeichnet.

Einige der thematisch ausgerichteten Einzelserien wurden nach Handlungsorten benannt, andere nach inhaltlichen Schwerpunkten sowie eine dritte Gruppe nach einer Hauptfigur wie der des mittelalterlichen Ritters Heino Runkel von Rübenstein. Man legte Wert auf Akribie in der Darstellung des jeweiligen historischen Umfeldes der Geschichten. Orientierte sich die der Erfindung und Nutzung der Dampfmaschine gewidmete Serie an historischen Holzschnitten oder Stichen, beispielsweise aus Agricolas De re metallica libri XII oder Diderots Enzyklopädie, so lieferte der Time-Bildband Die Welt in der wir leben opulente Tableaus prähistorischer Flora und Fauna für die Urzeitserie. Darin durcheilen die Digedags während einer Weltraumreise auf verschiedenen Planeten die Evolutionsstufen der Erde.

Auf der Rückseite von Nummer 223 verabschieden sich Dig, Dag und Digedag im Juni 1975 von ihren treuen Anhängern. Nach Querelen mit der Verlagsleitung schied Hegen noch im gleichen Jahr aus dem "Mosaik-Kollektiv" aus. Ein Interregnum nachgedruckter Runkel-Hefte überbrückt die Wartezeit auf die Nachfolger der von ihm erfundenen Digedags.

Echter Karl-May-Ersatz

Eine neue Phase setzte mit dem Jahr 1976 ein. Gemeinsam mit der Graphikerin Lona Rietschel, die seit 1960 im "Mosaik -Kollektiv" tätig war und später von den Fans liebevoll "Mutter der Abrafaxe" genannt wurde, schuf ein Mann namens Lothar Dräger die drei freundlichen Unsterblichen Abrax, Brabax und Califax. Der den meisten Lesern bis dato völlig unbekannte Mosaik-Texter Dräger (die geschickt inszenierte Legende vom genialen Einzelschöpfer Hegen hält sich bis heute zählebig) übernahm nunmehr bis 1990 die gesamte künstlerische Leitung des Comics. Dräger, von Haus aus Opernsänger, war bereits 1957 zum Mosaik-Kollektiv gestoßen. Die Nummerierung der Abrafax-Hefte erfolgte seit 1976 nicht mehr durchgehend, sondern gemäß Erscheinungsmonat und -jahr. Die Jahrgänge 1976 und 1977 werden nach ihrem Haupthelden, einer Figur der Commedia dell´Arte, als Harlekin-Serie bezeichnet. Von 1978 bis Juni 1980 führen Hans Wurst und Ludazcz Mathy durch die Österreich- und Ungarn-Serie, an die sich die sechs Hefte der Pierrot-Serie anschließen. 1981 bis 1983 erscheint die wiederum nach einem populären Reisebegleiter der Abrafaxe benannte Don-Quijote-Serie, ihr folgte von 1984 bis 1988 die im 13.Jahrhundert in Indien, Nepal, Tibet und auf Malakka angesiedelte Alexander-Serie und eine Japan-Serie, denn 1989 und 1990 erleben Abrax, Brabax und Califax Abenteuer am Schauplatz Nippon des Jahres 1274.

Drägers enzyklopädisches Wissen, gepaart mit urwüchsigem Humor, prägte seit den Fünfzigern den Comic an entscheidender Stelle - das eingangs zitierte Gedicht stammt ebenso von ihm wie die legendären "Ritterregeln". Dräger nutzte besonders seine exzellenten Kenntnisse der Werke Karl Mays. Bis Anfang der Achtziger galt diesr Autor in der DDR als literarische Unperson. In Zeiten, in denen Winnetou oder Durchs wilde Kurdistan in Mays eigentlicher Heimat nur schwer zugänglich waren, boten herrliche Landschaftspanoramen, doppelseitige Bildtafeln von Basaren oder Indianerlagern, die Beschreibung von Sitten und Gebräuchen des Orients oder der "dark and bloody grounds" im Mosaik mehr als nur schnöden Ersatz für die Ritte deutscher Supermänner "Von Bagdad nach Stambul" oder zum Silbersee.

Code der Ost-Identität

Inzwischen unternehmen Mosaik-Fans Reisen auf den Spuren ihrer Idole nach Kroatien, Ägypten oder in die Türkei. Was die Leser damals nicht ahnten: Eine Vielzahl der Vorlagen für kappadokische Dörfer oder verträumte Südseelagunen, für die Hagia Sophia oder Loch Ness lieferten die hervorragend fotografierten Stories des amerikanischen National Geographic Magazine, welches Lona Rietschel nach privaten Besuchen in Budapest am DDR-Zoll vorbeischmuggelte.

Rasch entwickelte sich der Comic zur generationsübergreifenden Lektüre. Beliebte Serienhelden wurden zu regelrechten Symbolen ostdeutscher Identität, ja einer Art Code. Während der Diskussionen um die Neubenennung des ehemaligen Lenin-Platzes in Berlin-Friedrichshain im Februar 1992 beispielsweise brachte ein anonymes "Referat Denkmal des Senats von Unten" in einer nächtlichen Aktion das Straßenschild "Ritter Runkel Platz" an. Auch 23 Jahre nach Abschluss der Mittelalterserie konnten sich die Initiatoren der Aktion des identitätsstiftenden Potenzials der populären Comic-Figur gewiss sein. Momentan existieren sieben Mosaik-Fanclubs mit regelmäßig erscheinenden Fanzines.

Mit der traditionellen Wertschätzung des Mosaik geht bisweilen eine pauschale Ablehnung anderer Produkte des Genres einher. So mailte mir kürzlich ein von der Zuordnung des Mosaik zum Genre "Comic" erboster Zeitgenosse: "Mosaik identisch mit Comic zu setzen, halte ich für kriminell. Comic ist für mich gleich Verherrlichung von Mord und Totschlag, Stumpfsinn und Ablenkung von Politik. Und das war das Mosaik nicht!"

Aber was war es dann? Eine schlüssige Beantwortung der Frage bewegt mich seit Jahren. Schließlich wich der Stempelkasten irgendwann dem Notebook, mit dem ich ein ganzes Buch über die verschiedenen Serien, die schier unzähligen Bild- und Textzitate des Mosaik schreiben konnte. In meiner Freizeit greife ich übrigens manchmal zum Telefon und spiele mit meinem Kumpel Ulf S. Graupner, selbst jahrelang Graphiker bei Mosaik, eine Art Digedag-Quiz. Meine Mutter hält das für übertrieben: "Kann man´s glauben, hat man Worte ..."

Thomas Kramer ist Hochschulassistent an der Humboldt-Universität Berlin im Fachbereich Literaturwissenschaften. Von ihm erschien Micky, Marx und Manitu. Zeit- und Kulturgeschichte im Spiegel eines DDR-Comics 1955-1990. Weidler Buchverlag, Berlin 2002

00:00 27.12.2002

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