Aufbruch ins Private

TANZ UND THEATER IN ISRAEL Ein (Bühnen-)Land zwischen ständiger Selbstverteidigung und der Hoffnung auf mehr Normalität

Tanz und Theater sind gute Indikatoren für den Zustand einer Gesellschaft. Als man vor zwei Jahren in Tel Aviv und Jerusalem täglich Angst vor einem Selbstmord-Anschlag haben musste, teilte sich diese Spannung auf dem Theater mit. Vor allem die Tanztheater-Produktionen erzählten damals von der schleichenden Militarisierung der israelischen Gesellschaft, in der das Gewehr und die Präsenz von Soldaten und Wachmännern zum Alltag gehören. Die Choreographien erzählten aber auch von Autoaggression und Selbstkritik, weil man im Grunde gern ganz anders wäre: friedlicher, entspannter, normaler.

Jetzt ist die Bedrohung durch suicide bomber wesentlich geringer, die zweite Intifada ist gescheitert, und Israel wendet sich zögerlich wieder privateren Problemen zu - auch im Tanz. Die "Dance Exposure", das Festival, das die Jahresproduktion israelischer Choreographen resümiert, zeigte neben sehr emotional und energisch durchgetanzten Beziehungsgeschichten eine Suche nach Halt im Ritual, nach der Rückkehr zum Mönchischen, zur Mutter Erde. Die Tänzer der "Vertigo Dance Company" wühlten sich auf einer kreisrunden Open-Air-Bühne in den Sand, Emanuel Gat ließ seine Akteure zu Strawinsky Salsa tanzen, wobei dann immer einer übrig blieb, einsam, beziehungslos, und die grazile Tamar Borer, eine querschnittsgelähmte Tänzerin, stellte Wartesaal-Situationen vor. Zuerst eine sehnsüchtige Kontaktsuche auf einer Bank, dann am Boden robbende Tiere, irgendwo an Land gespült. Dass Tamar Borer nach ihrem Unfall weitertanzt, enorm anmutige, nach Kontakt suchende Bewegungselemente, Charakterstudien wie Pina Bausch, das steht für das große Spektrum dieses Festivals.

Modern Dance hat in Israel eine lange Tradition. Das mag auch an der Multikulturalität dieser Gesellschaft liegen, die viele Sprachen spricht und sich bisweilen dann lieber in Körpervokabeln verständigt. Das technische Niveau ist hoch in Israel, die Dramaturgien können da oft nicht Schritt halten. Die Kindheits-Episoden, die der Choreograph Yossi Youngman ausgearbeitet hat, sind immerhin aus verblüffend vielfältigen Pattern gewebt; Wissbegier, erste Annäherungsversuche, Spielsituationen, erste Zurückweisungen, Komik und Trauer, Individualgeschichten als Entwicklungsroman. Eine etwas nervende, hysterische Welt kindlicher Verletzung und Depression dagegen stellt die sehr junge, sehr begabte, aber völlig in ihrem Weltschmerz befangene Yasmeen Godder aus. Schreckensstarre Standbilder, Übungen in Selbstkasteiung, wimmernde Schreie. Die Akteure gehen auf die Bühne, um einander zu missbrauchen, in einem gewalttätigen Kosmos relativ abstrakt gehaltener Bewegungen. Wäre das alles historisch zu verorten, es bekäme eine große Schärfe für das Publikum. So aber bleibt es effekthascherisch und narzisstisch in seiner Zurschaustellung privater Gequältheiten. Gleichwohl hat Yasmeen Godder Erfolg bei den Tanzpromotern dieser Welt - sie wird auch durch die Bundesrepublik touren.

Das ist die Kehrseite der israelischen Trendwende: die unpolitische Selbstbemitleidung, Selbstbeweihräucherung. Allerdings hält die tänzerisch stärkste Gruppe des Festivals, die "Kibbuz Dance Company" mit ihrem Choreographen Rami Be´er, sehr schön die Balance zwischen Privatem und Politischen. Be´er gelingt es, mit einem einzigen Requisit, einem Klappstuhl, den ganzen Abend durchzuchoreographieren. Mit den Stühlen werden die Tänzer zu stachligen Insekten und Kriegern, die Gegenstände zu Waffen und Verteidigungswällen, später tanzt man auf Luftkissen oder verpuppt sich in Kokons. Die Akteure lassen die Bedrohlichkeit der jetzigen politischen Situation immer wieder durchscheinen: die Insekten sind schutzbedürftige, neugierige, zerbrechliche Tiere, die bei Angriffen aber wild zurückstechen können.

Denn die Stimmung in Israel schwankt immer noch zwischen vorsichtigem Optimismus und Angst. Alle wissen, dass jetzt, nach dem Tod Arafats, die historische Chance da ist. Die Palästinenser müssen sich neu ordnen, Israel muss ein Angebot machen. Der Rückzug aus dem Gaza-Streifen ist ein Anfang; Ariel Scharon wird für seinen Rückzugsplan sogar von der Linken gelobt. Die meisten Künstler sind ebenfalls auf dieser Linie. Yeir Vardi, früher Tänzer bei der Betsheva-Dance-Company, jetzt Leiter des wichtigsten Kulturzentrums in Tel Aviv, dem Suzanne-Dellal-Centre, sagt offen, dass man sich schon vor zehn Jahren aus Gaza hätte zurückziehen sollen; aber besser jetzt als nie.

Nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Rabin durch einen radikalreligiösen Israeli 1996 herrschte lange Sprachlosigkeit nicht nur in Israel, sondern auch zwischen Israelis und Palästinensern. Solche Artikulations- und Verständigungsprobleme versucht die Jerusalemer Vokal-Artistin Victoria Hanna anhand von biblischen Texten, zum Teil aber auch als konkrete Poesie zu zeigen. Sie echot und verzerrt auf Arabisch, Hebräisch und Englisch Topoi zur Rolle der Frau und Ratschläge zur Behandlung des Feindes. Rina Yerushalmi, eine der wichtigsten Theater-Regisseurinnen Israels, hat für die Probleme des Landes eine noch schärfere Metapher gefunden: den antiken Mythos. Ihre Inszenierung der Orestie ist eine bilderstarke Kompilation aus Aischylos, Euripides, Hofmannsthal und Wissenschaftstexten der Gegenwart. Anhand des antiken Bedürfnisses nach Rache, konzentriert auf die Figuren der Elektra und des Orest, also der jungen Generation, diskutiert sie unverblümt Fragen des israelisch-arabischen Konflikts. Yerushalmi plädiert mit Aischylos für allseitige Vergebung - als einzigem Weg aus dem Schlamassel.

Das israelische Theater ist viel konkreter, politischer als die Tanzbühnen. Manchmal besteht so ein Theater nur aus praktischer Solidarität. Das gibt es auch in Israel: Oben im Norden, in den kühlen Bergen von Galiläa haben der arabische Musiker Wassim Bishara und der jüdische Schauspieler Pablo Ariel das "Multicultural Theatre" gegründet. Bishara spielt Oud, die arabische Laute, und Geige; Pablo Ariel macht Figurentheater. Sie kommunizieren ohne Worte. Am Ende ihres Programms erzählt dann jeder die Biografie des anderen, die jeweils eine Geschichte von Flucht und Vertreibung ist. Die überaus friedliche Zusammenarbeit der beiden ist so gefragt, dass sie schon in den USA auftraten.

Ein paar Kilometer weiter, in Shlomi, kurz vor der libanesischen Grenze, hat der Regisseur David Maayan mit seiner Experimentaltheatertruppe ein leerstehendes Fabrikgebäude bezogen. Maayan, der früher das Acco-Festival für Off-Theater geleitet hat, ist in Israel eine Art Peter Stein des Aktionstheaters. Er verweigert herkömmliche Erzählhaltungen und führt das Publikum gruppenweise durch labyrinthische Gänge, in denen dann böse oder gute Geister warten. Our life-work forgotten memories heißt die zirkushafte, multimediale Installation, die mit körpertheatralischen Exaltationen, wilden Selbstbekenntnissen, Monitoren und Feuerwerk arbeitet. Eine Arbeit an traumatischen Erinnerungen, von denen es in Israel genug gibt. Traditionell dagegen das Gesher-Theater in Yaffa: das neue Stück ist eine Adaptation von Isaac Bashevis Singers The Slave. Der Regisseur Yevgeny Arye erzählt in wüsten, dunklen Bildern von den Pogromen gegen Juden in Russland und Polen und von einem Liebespaar, das Anfang des letzten Jahrhunderts zwischen die Fronten geraten ist. Wanda, die Christin, die um der Liebe willen zur Jüdin werden will, und Jakov, der jüdische Überlebende eines Massakers - sie gehören als Paar nirgendwohin, nicht zu den Russen, nicht zu den Polen, nicht zu den Christen und auch nicht zu den Juden. Großes, poetisches, anrührendes, altes Theater, erzählt wie eine Geschichte von Joseph Roth.

Den härtesten Tobak gibt es schließlich in Bersheva, im Süden. Mitten in der Wüste liegt die Großstadt, und sie hat ein Theater, bei dem derzeit ein Führer zum richtigen Leben auf dem Programm steht, The Guide to the good life. Das Leben desillusionierter junger Leute, die nach dem traumatisierenden Militärdienst ins Ausland flüchten, dümmliche Karrieren beginnen und oberflächliche Beziehungen eingehen. Die Regisseurin Yael Ronen, die das Stück aus Improvisationen entwickelt hat, liebt den fliegenden Wechsel zwischen Karikatur und psychologischem Theater. Vor allem die ältere Generation im Parkett, die Israel aufgebaut hat, muss da schwer schlucken. Das soll unsere Jugend sein? Unser Land? Für die Überlebenden des Holocaust ist das enttäuschend. Aber sie haben eine überraschende Aufmerksamkeit für solche Stücke und sind bereit, sich mit der komplizierten Wirklichkeit Israels auseinander zu setzen.


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00:00 21.01.2005

Ausgabe 38/2021

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