Aufstieg zur Chaosmacht

Wahn und Wirklichkeit Wenn imperiale Hybris zum Alptraum wird - die anglo-amerikanische Besatzung im Irak

Die tagtäglichen Verlustmeldungen vornehmlich der US-Okkupationsstreitkräfte im Irak wecken Erinnerungen an eine beklemmende Szene aus dem Stalingrad-Epos Hunde, wollt ihr ewig leben? Die Rote Armee hatte in Hörweite der eingekesselten Wehrmacht Lautsprecher in Stellung gebracht, um den Widerstandswillen der Soldaten zu zermürben. In endloser Wiederholung ertönte das Paukenschlagmotiv aus Beethovens 5. Sinfonie, verknüpft mit der Sentenz: "Alle sieben Sekunden stirbt ein deutscher Soldat - Stalingrad - Massengrab ..." - Im Irak stirbt derzeit alle 24 Stunden ein amerikanischer Soldat. Mit der unerbittlichen Präzision eines Uhrwerks nähert sich die Verlustmarge, die unter den Besatzungstruppen zu verzeichnen ist, seit George W. Bush am 1. Mai theatralisch das offizielle Ende der Kampfhandlungen erklärt hat, der Zahl derer, die während des vierwöchigen Eroberungskrieges gefallen sind.

Krieg ohne Symmetrie

Derweil meldet sich aus dem Off der angeblich entmachtete Diktator zu Wort. Mehrfach strahlte der arabische TV-Sender al-Jazeera bereits Erklärungen aus, mit denen Saddam alle Iraker aufruft, sich am Widerstand zu beteiligen. Geheimdienstkreise gehen davon aus, dass die erst im Juni aufgezeichneten Tonbänder authentisch sind. Gleichzeitig sprechen die Indizien immer deutlicher dafür, dass es sich bei den Attacken gegen die Besatzer nicht um individuelle Racheakte oder zufällige Übergriffe handelt. Im Gegenteil: Alle Erkenntnisse aus der Lageentwicklung deuten darauf hin, dass sich eine ausgewachsene Guerilla formiert. So hat sich unter dem Namen Die Rückkehr eine Gruppierung aus diversen Sicherheitsdiensten des einstigen Regimes zusammengefunden. Daneben existieren zwei Milizen namens Schlangen-Partei und Neue Wiederkehr. Die Irakische Nationale Front der Fedajjin sowie die Irakischen Widerstandsbrigaden bilden weitere Strukturen, die allesamt einer Strategie folgen: der systematischen Zerstörung der Öl- und Energieinfrastruktur, um der Besatzungsmacht eine Restauration stabiler staatlicher und sozialer Verhältnisse unmöglich zu machen und eine flächendeckende Kontrolle des Landes durch eine anglo-amerikanische Administration zu verhindern. Zugleich sorgen Exekutionen von Kollaborateuren dafür, dass jegliche Kooperation mit der Besatzungsmacht zum tödlichen Risiko wird.

Ihre Operationsbasis hat die Guerilla im sogenannten "Dreieck des Todes", einer vorrangig vom sunnitischen Anhang Saddams bewohnten Region, deren Areal von den Städten Bagdad, Fallujah, Ramadi, Hit, Rawa, Tikrit, Balad und Baquba markiert wird. Bis dato geht das Konzept der Widerständler voll auf. Die angeblich mächtigste Militärmaschinerie der Welt kann weder die Sicherheit der Bevölkerung, geschweige denn die eigene garantieren. Die Versorgungslage ist katastrophal, es fehlt an Strom, sauberem Trinkwasser, Nahrungsmitteln, Benzin und Dieselöl; humanitäre Hilfen werden mit Gewalt unterbunden, archäologische Stätten geplündert.

Offenkundig ist die High-Tech-Streitmacht weder mental noch operativ auf eine derartige Entwicklung vorbereitet gewesen. Der erste Schock bestand darin, dass die Invasoren von den Irakern nicht wie erwartet als Befreier begrüßt und umjubelt wurden. Der zweite lag in der Erfahrung, dass selbst eine um Epochen überlegene Rüstungstechnologie im asymmetrischen Krieg nur bedingt taugt. Der dritte Schock resultiert daraus, dass die US-Doktrin der "Full Spectrum Dominance" gegen einen fanatischen Gegner bisher nicht greift. Sie verlangt eine Kriegsführung aus der Distanz heraus - mit überlegenen, weltraum- und luftgestützten Aufklärungssystemen, modernster Informations- und Führungstechnologie sowie einem alles überwältigenden Luftkrieg. Bodentruppen sollen tendenziell die Schläge der Air Force nur noch mittels Aufklärung und Zielbeleuchtung flankieren und ansonsten für spezielle Kommandounternehmen verfügbar sein. Die entscheidende Intention dabei: eigene Verluste unbedingt vermeiden.

Ein Ruf schallt durch Alteuropa

Den Blitzkrieg gegen die irakische "Barfuß"-Armee haben Army und Marine Corps erwartungsgemäß schnell gewonnen - nicht zuletzt, weil gegnerische Kommandeure schlicht qua Bestechung vom Schlachtfeld weggekauft wurden. Der Frieden danach - die weitaus schwierigere Herausforderung - misslingt den High-Tech-Kriegern. Weder können sie für Ruhe und Ordnung sorgen, noch die völkerrechtlich verbindlichen Grundpflichten einer Besatzungsmacht erfüllen. Prompt schallt ein Hilfsappell quer durch das "alte Europa" - an Unverfrorenheit und Dreistigkeit nicht zu überbieten: Dem Räuber wird der Boden unter den Füßen zu heiß, in seiner Zwangslage sucht er nach willigen Heloten, denen Teilhabe an der Beute winkt.

Der Eindruck liegt mithin nahe, dass Friedensstiftung kein essentieller Auftrag der US-Streitkräfte ist, sondern sie einzig und allein dem Zweck dienen, effizient und siegreich Krieg zu führen. Damit steigen die USA zur Chaosmacht auf, die in Abkehr von Clausewitz den Krieg nicht mehr als "Fortsetzung von Politik unter Einmischung anderer Mittel" betreibt. Diese Macht erhebt den Krieg per se zum Zweck - legitimiert als "Kampf gegen Terror und Massenvernichtungswaffen". Der aber kann niemals endgültig gewonnen werden und lässt sich insofern endlos führen, was den USA dank der Suggestion permanenter Terrorgefahr auf Dauer den hegemonialen Anspruch sichert. Patriotische Verblödung und ein massenmedial inszenierter Terror der Hysterie sorgen für die psychologische Eskortierung dieser autoritären Hybris. Im Kern entpuppt sich der "Vierte Weltkrieg" (CIA-Direktor a.D. James Woolsey) als Operation zur Absicherung der ökonomischen Kolonialisierung des Planeten mit militärischen Mitteln.

Europa ist demzufolge mit dem Umstand konfrontiert, dass die größte Gefahr für den Weltfrieden und die internationale Sicherheit auf absehbare Zeit vom Weißen Haus in Washington ausgeht. Eine autonom handlungsfähige "Europäische Verteidigungsunion" stellt die einzig tragfähige sicherheitspolitische Antwort auf diese Gefahr dar - mit de Gaulle gegen Bush, lautet die Devise.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.

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00:00 18.07.2003

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