Achim Engelberg
04.06.2012 | 11:05 6

Auftritt der Zyniker

Enthüllung In seinem Buch „Der deutsche Goldrausch“ zeigt Dirk Laabs, dass das Räuberdrama um die Treuhand internationale Dimensionen erreichte

War die Treuhand das „größte Schlachthaus Europas“ oder der im Vergleich zu Polen oder Tschechien bessere Weg vom Staatssozialismus zum Kapitalismus? Warum brachte diese Anstalt des öffentlichen Rechts, zuständig für 15.000 Betriebe und vier Millionen Beschäftigte, also für die gesamte DDR-Wirtschaft, nur 34 Milliarden Euro ein? Weshalb mussten die Steuerzahler in Ost und West für einen Verlust von über 122 Milliarden aufkommen?

Diesen Fragen geht der Journalist, Filmemacher und Publizist Dirk Laabs in Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand nach. Freilich, es ist eine Geschichte und nicht die einzig wahre, zumal die Akten im Gegensatz zu denen der Stasi selbst für Wissenschaftler bis mindestens 2050 gesperrt sind. Das chronologisch gegliederte Buch fußt auf Presseerzeugnissen, auf Büchern von Involvierten und Wissenschaftlern, die auf der Grundlage anderer Quellen forschten, auf Interviews des Autors mit Insidern. So vergleicht der Historiker Philip Wright, der das Treiben der Treuhand in Ostdeutschland erlebte, es in verblüffender Weise mit der normannischen Eroberung Englands. Nach 1066 griff Herzog Wilhelm II. mit 600 Schiffen und 7.000 Soldaten die Insel an, ließ den eingesessenen Adel vertreiben oder ermorden, enteignen und setzte neue, ihm treu ergebene Ritter als Lehnsherren ein. Diese Eigentumsverhältnisse wurden in einem Buch mit dem großspurigen Titel Domesday Book – „Buch des Jüngsten Gerichts“ – fixiert. Bis dahin sollten die niedergeschriebenen Besitzrechte gelten; und immerhin tun sie das bis heute. Und vergleichbar, so Wright, gehört fast alles, was in der DDR Wert hatte, jetzt wenigen Westdeutschen.

Die DDR an der Angel

Gerade die Vielzahl von Zitaten aus der Zeit wirken erhellend, die Sprache bringt die Hybris an den Tag: Gefragt, ob es um die bedingungslose wirtschaftliche Kapitulation der DDR gehe, antwortete der bieder wirkende Lothar Späth, damals Präsidiumsmitglied der CDU: „Ich sage mal ganz brutal: ja.“ Und der Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder versteigt sich sogar zur Behauptung, dass 40 Jahre Sozialismus mehr Schaden als der Zweite Weltkrieg angerichtet hätten. Man müsse so schnell wie möglich alles loswerden und privatisieren. Aber nicht nur Entscheidungsträger enthüllen Brutales, Fragen wie die eines Welt-Journalisten waren nicht nur eine schockierende Ausnahme: „Gibt es im Osten auch eine geistige Inferiorität? Sind die ‚Hirne‘, die Denkwerkzeuge, beschädigt? Gibt es geistige Deformationen?“

Ursprünglich stammte die Idee der Treuhand von redlichen, vorausschauenden Bürgerrechtlern, von Matthias Artzt und Gerd W. Gebhardt, die „das Volkseigentum der DDR-Bürger vor der Invasionsarmee D-Mark retten“ wollten. Aber diese Absicht wurde ins Gegenteil verkehrt. Der vom späteren Bundespräsidenten Horst Köhler mit der Angelegenheit beauftragte Thilo Sarrazin meint, er sei kein Getriebener, sondern ein Treibender gewesen, „weil ich mit dem mir angeborenen Maß an Zynismus und Kälte plus Sachverstand plus intensiver Sachbeschäftigung ganz klar und ohne Wunschdenken gesagt habe, wie es weitergehen würde. … Zuerst einmal bekommen wir die DDR an die Angel und schaffen vollendete Tatsachen in Richtung deutsche Einheit. Ich habe also alles getan, um diesen Prozess zu fördern. Als das dann erledigt war, die Treuhand existierte und unsere Überlegungen aufgegangen waren, habe ich gesagt: Jetzt wickeln wir das ganze Zeug möglichst schnell ab.“

Zum Vergleich sei Willy Brandt zitiert: „Aus dem Krieg und der Veruneinigung der Siegermächte erwuchs die Spaltung Europas, Deutschlands und Berlins. Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Nichts, aber auch gar nichts von diesem Geist findet man in den Ansichten des SPD-Mitgliedes Thilo Sarrazin.

„Alles oder nichts"

Walter Romberg, DDR-Finanzminister in der von Lothar de Maizière geleiteten Regierung und ebenfalls SPD-Mitglied, charakterisiert die erlebte Strategie so: „Alles oder nichts. Wir geben euch kein Geld, wenn ihr uns nicht die Souveränität über die Währung abtretet und unser Wirtschaftskonzept übernehmt.“

Im Jahre 2005 stellte ein Forschungsteam zur geringen Anzahl von Ostdeutschen in Führungspositionen beim Vereinigungsprozess fest: „Für einen derart radikalen Austausch einheimischer Eliten findet sich so schnell keine Parallele – am ehesten noch, horribile dictu, unter Kolonialregierungen und Besatzungsverwaltungen.“

Freilich, ermöglicht wurde dieser Raubzug durch die Stagnation und die Reformverweigerung der Honecker-Administration in den Achtzigern und von der Mehrheit der DDR-Bürger, die 1990 die Konservativen wählten und Helmut Kohl beispielsweise frenetisch jubelnd am Leipziger Opernplatz begrüßten, Transparente hochhaltend mit Sprüchen wie „Helmut Kohl, unsere Alternative zu 57 Jahren Barbarei“.

Günter Lorenz, in den neunziger Jahren Generalbevollmächtigter der IG Metall im hochbrisanten Industriestandort Halle, sieht die eigentliche Funktion der Treuhand in der „Enteignung der Ostdeutschen von ihrer Wirtschaft, vom Volkseigentum, und das zugunsten der Industrie im Westen, denn das ist das Ergebnis, dass sich die Industrie im Westen alles, was an Besitz im Osten zu verteilen war, unter den Nagel gerissen hat. Letzten Endes auch auf Kosten der Steuerzahler in Ost und West.“

Hoffnung auf Zeitenwende

Nicht allein die argen Schandtaten in diesem Buch regen auf, obwohl in dieser Beziehung so ziemlich alles vorkommt, was ins Strafgesetzbuch gehört, sondern die kalt-zynische Strategie vieler Macher, die bis heute das Sagen haben. Die Geschichte der Treuhand kann als eine der ökonomischen Bereicherung und moralischen Zerstörung einflussreicher Teile des westdeutschen Establishments gedeutet werden.

Ohne Reue und Einsicht verteidigt Thilo Sarrazin im Buch wie bei dessen Premiere vor geladenen Gästen die von ihm entwickelte Strategie: Natürlich brauchten die Treuhandchefs einen Persilschein, damit sie nicht strafrechtlich belangt werden konnten, es wäre – so Sarrazin, behaglich und anmaßend im Ledersessel sitzend – eben eine Notschlachtung gewesen. Ohne Empathie erläutert er, wenn Schweine gekeult werden müssen, muss es schnell gehen. Der Schock der Betäubung ist zu nutzen.

Dirk Laabs könnte in seinem enthüllenden Buch durchaus aus dem Vorwort zitieren, das Karl Kraus im Jahre 1922 zu seinen Dokumentarstück über den Ersten Weltkrieg, Die letzten Tage der Menschheit, beigab: „Die unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen; ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate.“ Läuteten die Macher dieser staatlichen und wirtschaftlichen Einigung etwa die letzten Tage der Demokratie ein?

Die Wege der Vereinigung Berlins, Deutschlands wie Europas führten zu Widersprüchen, deren Lösungen noch nicht abzusehen sind und deren Verschärfung gefährlich werden könnte. Folgerichtig bemerkt Laabs, dass bei der deutschen Vereinigung ausprobiert wurde, was bei der Finanzkrise seit 2008 europaweit angewendet wird: „die Sozialisierung der Verluste; die Ausschaltung des Parlaments, eine Exekutive, die nicht erklären kann oder will, warum sie wirtschaftspolitisch wie handelt“. So bekommt das deutsche Räuberdrama internationale Dimensionen.

Die Initiatoren der ursprünglichen Treuhand, die das Volkseigentum vor dem Goldrausch schützen wollten, glauben – das ist zugleich das Fazit des Buches –, „dass die deutsche Gesellschaft heute genauso unfähig zur Selbstkritik ist wie die DDR in ihren letzten Jahren“. Sie hoffen auf eine erneute Zeitenwende, in der „ihre Idee von einer Gesellschaft, die sich intensiver in das Wirtschaftsleben einmischt, bald wieder gefragt sein könnte“.

Der deutsche Goldrausch. Die wahre Geschichte der Treuhand Dirk Laabs Pantheon, 384 S., 16,99

 

Von Achim Engelberg erschien zuletzt die Familiensaga Die Bismarcks (Siedler, zusammen mit Ernst Engelberg)

Kommentare (6)

anne mohnen 04.06.2012 | 17:29

Vor einigen Jahren lernte ich auf einer dieser schönen Ostseeinseln „Anke Meier“ kennen. Sie leitet dort das Wellness-Ressort eines 5-Sterne Hotels, stets fröhlich und gerne bei der Sache. Eigentlich sei sie ja Agrarwissenschaftlerin, erzählte sie mir während einer „Heiße-Steine-Massage“. Die Wende habe sie nur begrüßt. Schließlich ging ja auch alles nur bergauf. „Man konnte endlich so wirtschaften, wie man es sich immer gewünscht habe“, erzählte sie. Schließlich war sie Leiterin einer großen Rinderzucht (oder Schweine?) geworden mit Verantwortung für 40 Mitarbeiter. Doch Mitte der 1990ziger Jahre kam dann das jähe Aus für den Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern. Die Treuhand, die immer noch die Hand auf den Betrieb hatte, setzte der Erfolgsstory ein Ende. Die Fleischpreise für kleinere bäuerliche Betriebe in Niedersachsen wären unter Druck geraten durch den Großbetrieb. Des einen Freud, des anderen Leid“, sie habe dann einfach nur noch weg gewollt, eben auf die Insel. „Nein, aufschreiben wolle sie das alles nicht!“ Genau das wäre doch so notwendig, finde ich, sich diese Unsäglichkeiten zu erzählen, nicht erst, wenn die Verantwortlichen keine Rechenschaft mehr ablegen können und die, die es bezeugen könnten auch schon tot sind.

Ja, und dann wieder dieser Thilo Sarrazin. Karsten Rohwedder gehörte auch der SPD an – seit 1971. Auf sein tragisches Ende folgte Birgit Breuel, CDU. Was für eine “Einheit“!

www.stern.de/lifestyle/leute/was-macht-eigentlich-birgit-breuel-653802.html

luddisback 05.06.2012 | 16:46

"Folgerichtig bemerkt Laabs, dass bei der deutschen Vereinigung ausprobiert wurde, was bei der Finanzkrise seit 2008 europaweit angewendet wird: „die Sozialisierung der Verluste; die Ausschaltung des Parlaments, eine Exekutive, die nicht erklären kann oder will, warum sie wirtschaftspolitisch wie handelt“. So bekommt das deutsche Räuberdrama internationale Dimensionen."

das deckt sich mit meinen empfindungen zu griechenland. was in ostdeutschland die "marode wirtschaft" war, heisst heute "jahrelang ueber ihre verhaeltnisse" gelebt haben. wenn am ende dann alles einer hand voll leuten gehoert, waehlen die schafe trotzdem noch deren handlanger, bild sei dank.

guter artikel, danke sehr!

sisindi 06.06.2012 | 02:52

Woraus bestand denn die "Treuhand"? Da wurden hastig aus dem Nichts Juristen aus dem Westen rekrutiert, teils Anwälte mit Berufserfahrung, gerissene Füchse, die ihre Schäfchen ins Trockene brachten, junge Assesoren, die gerade erst das 2. Staatsexamen hinter sich gebracht hatten, also ohne Berufserfahrung, aber so gut wie niemand mit betriebswirtschaftlichem Know-how. Die meiste Zeit wurde damit verbracht, die Betriebe aufzulisten; sie möglichst gewinnbringend oder arbeitsplatzerhaltend zu veräußern, lag außerhalb des Könnens. Ein bunt zusammengewürfelter Haufen, der für bessere Bezahlung als im Westen (Juristenschwemme) irgendwie die Woche zusammen hinter sich brachte, im Hotel wohnte, um am Wochenende wieder in die Heimat zu fahren/ fliegen, und jede Menge Zeit darauf verwandte, diese Spesen abzurechnen.
Ich war dabei.

W. M. Steiner 06.06.2012 | 12:00

Die Kolonialanalogie ist schon recht interessant, und es ist das erste Mal, dass ich sie auch mal gedruckt (na ja, fast) sehe. Allerdings hinkt sie, denn die Kolonialisierten haben den Kolonialherren selten so frenetisch zugejubelt wie viele DDR-Bürger dem dicken D-Mark-Bringer Helmut Kohl. Es zeugt von der absoluten Wirkungslosigkeit der DDR-Propaganda, dass die Bürger dieses Staates, die von frühester Kindheit an damit beschallt worden waren, in den Politikern und Wirtschaftskapitänen aus dem Westen zunächst einmal nicht die skrupellosen Kapitalisten und ihre Handlanger, sondern die lieben Verwandten von nebenan sahen, die ihnen aus reiner Menschenfreundlichkeit blühende Landschaften bescheren würden. Das Schwein lief dem Schlachter sozusagen schwanzwedelnd entgegen. Das ist das eigentlich absurde und auch irgendwie komische an der Geschichte. Interessant ist auch, wie schnell es der westdeutschen Elite gelang, vom verblüfften Zuschauer der Ereignisse im Nachbarstaat zu ihrem Gestalter zu werden und sich schließlich als Sieger aufzuspielen.

Ich stimme mit allem überein, was im Artikel gesagt wird, und doch ist das ein Thema, das mich immer wieder mit seiner Komplexität überrollt. Hätte man die DDR-Wirtschaft in ihrem damaligen Zustand künstlich am Leben erhalten sollen? Wo hätten die Betriebe ihre Produkte abgesetzt, nachdem die Währungsunion sie im Ausland, vor allem im ehemaligen Ostblock, unbezahlbar gemacht hatte und kein DDR-Bürger auch nur einen Jogurt aus östlicher Produktion mehr kaufen wollte? Auch hier haben die DDR-Bürger naive Schützenhilfe zu ihrer eigenen Abwicklung geleistet. Wieviele DDR-Bürger wären noch in den Westen gegangen, wenn die D-Mark nicht schnell eingeführt worden wäre? Wie wären sie mit tschechischen, polnischen oder gar russischen Privatisierungsverhältnissen klargekommen? Was wäre mit den ostdeutschen Rentnern passiert, wenn ihre Renten nicht angeglichen worden wären? Wie geht es der Mehrheit der Ostdeutschen heute? Materiell sind viele sicherlich nicht schlechter gestellt als früher. Man hat mehr oder weniger gut gelernt, sich auf das neue System einzustellen. Wo man früher duckte und gehorchte, muss man jetzt Begeisterung fürs Verkaufen vorschützen, wendig (interessantes Wortspiel), clever und nicht gar zu ehrlich sein. Und als Ausgleich gibt es den Konsum, auf den man in der DDR so lange verzichten musste. Dass der einen nicht für den Verlust der eigenen Identität entschädigt, ist nur einer der vielen Schönheitsfehler dieser Geschichte.

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Ehemaliger Nutzer 07.06.2012 | 22:53

Vielen Dank für den Artikel!

Ja, den Ausverkauf der DDR hatten die meißten DDR-Bürger nicht so gewollt. Sondern Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung! Es gab viele Betriebe die wirklich wirtschaftlich am Ende waren. Es gabe aber auch viele, die volle Auftragsbücher und somit Konkurenz zum Westen waren. Diese hatte man dann ganz bewusst in die Pleite geschickt.

Bei mir gab es ein Häuserwerk das volle Auftragsbücher hatte!! Auch nach der Wende. Dann wurde es ganz bewusst platt gemacht und die meißten Menschen verloren ihre Arbeit!

Das die ehmaligen DDR-Bürger weniger Rentenwerte gegenüber den Westdeutschen bekommen, finde ich ungerecht. Schliesslich können die Menschen aus der DDR nichts dafür. Frauen in der DDR hatten auch mehr gearbeitet als im Westen. Deswegen gibts auch oft Neid gegenüber den Ostdeutschen Frauen. Nur zählen nunmal die Arbeitsjahre.

Ach ja....nach der Ernüchterung und dem bösen Erwachen im Kapitalismus beklagen sich heute viele ehmalige DDR-Bürger über die soziale Kälte im Land.