Aus dem Hinterhalt

Erster Weltkrieg Das Buch „Schuldfragen“ versucht, die Massaker deutscher Truppen in Belgien zu relativieren. Es hat wenig Belastbares anzubieten
Aus dem Hinterhalt
Im Krieg wird die entmenschte Grausamkeit zur Norm. Zur Wahrung eines zivilisierten Anscheins hat man immerhin die Kategorie des „Kriegsverbrechens“ erfunden

Abbildung: Culture Club/Getty Images

Am 4. August 1914 marschierten deutsche Truppen im neutralen Belgien ein, in den folgenden Wochen wurden etwa 5.000 belgische Zivilisten erschossen und zahlreiche Orte verwüstet. Das bekannteste Beispiel war Löwen, wo auch die Universitätsbibliothek mit ihrer Sammlung kostbarer mittelalterlicher Handschriften den Flammen zum Opfer fiel. Für die Belgier und Ententemächte handelte es sich hier eindeutig um Kriegsverbrechen und es wurde sogar der Vorwurf erhoben, dass es sich bei dem brutalen Vorgehen um eine bewusste Terrorisierung der Bevölkerung gehandelt habe. Der „Rape of Belgium“, wie der völkerrechtswidrige Einmarsch und die mit ihm verbundene Gewalt von der britischen Propaganda genannt wurden, beschädigte das deutsche Ansehen auch in den neutralen Staaten des Ersten Weltkriegs nachhaltig.

In Deutschland war man von der Heftigkeit der internationalen Reaktion überrascht. Das Vorgehen gegen Zivilisten wurde als Vergeltung für angebliche Angriffe belgischer Franktireure, also von Freischärlern oder Partisanen, gerechtfertigt. Dieser Standpunkt wurde im vom Auswärtigen Amt herausgegebenen „Weißbuch“ zur offiziellen Position. Das vor allem auf den Aussagen beteiligter Soldaten beruhende Werk erschien 1915 unter dem Titel Die völkerrechtswidrige Führung des belgischen Volkskrieges.

Entlang dieser Linien verlief die belgisch-deutsche Auseinandersetzung über den August 1914 bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Erst 1958 kam es zu einer Annäherung, als im Auftrag einer deutsch-belgischen Historikerkommission ein Gutachten zum Weißbuch als der maßgeblichen deutschen Quelle zum angeblichen Franktireurkrieg erstellt wurde.

Gab es die Franktireure?

Diese Untersuchung, die sich auf die Darstellung der Ereignisse in Löwen konzentrierte, kam zu dem Ergebnis, dass die deutschen Soldaten 1914 davon überzeugt waren, von Franktireuren angegriffen zu werden. Somit war die These eines absichtlichen deutschen Terrors obsolet. Auf der anderen Seite wurde allerdings geurteilt, dass das deutsche Weißbuch die Angriffe von Franktireuren nicht belegen konnte. Es enthielt nicht nur zweifelhafte, sondern auch objektiv falsche Aussagen und bei der Redaktion war es zu Entstellungen und Verfälschungen gekommen. Des Weiteren sei es bereits bei den Verhören während des Kriegs zur Beeinflussung und Einschüchterung von Zeugen gekommen.

Hiermit wurde ein vorläufiger Schlussstrich unter die erbittert geführte Debatte gesetzt. 2001 veröffentlichten die in Irland lehrenden Historiker John Horne und Alan Kramer dann eine überwiegend positiv rezipierte Gesamtdarstellung. German Atrocities, 1914 kam zu dem Ergebnis, dass die deutschen Soldaten überzeugt waren, von Zivilisten angegriffen zu werden, und sprachen in diesem Zusammenhang von einer Franktireurpsychose.

Mit mehr als hundert Jahren Abstand zu den Ereignissen erschien nun eine Veröffentlichung unter dem Titel Schuldfragen – Belgischer Untergrundkrieg und deutsche Vergeltung im August 1914, die sogleich im Nachrichtenmagazin Spiegel groß und wohlwollend rezensiert wurde, dazu unten mehr. Was kann sie Neues präsentieren? Der Kunsthistoriker Ulrich Keller wirft der Forschung der letzten 60 Jahre vor, „Quellenächtung“ begangen zu haben, da sie vor allem deutsche Militärakten systematisch als unglaubwürdig disqualifiziert hätte. Unter dem Einfluss „einer alte Propagandathesen fortschreibenden Publikationsserie von John Horne und Alan Kramer“, so Keller, habe sich „die Annahme völliger Einwohnerunschuld zu einer festen, in zahllosen Weltkriegsbüchern monoton wiederkehrenden“, nie „ernsthaft hinterfragten Orthodoxie entwickelt“.

Dieser „Orthodoxie“ stellt er einen „Berg von gerichtlich beeideten, doch bisher kaum beachteten deutschen Soldatenaussagen“ gegenüber, „die den bestehenden einhelligen Forschungskonsens über den angeblich von den deutschen Truppen nur eingebildeten belgischen Franktireurwiderstand hinfällig“ machten. An die Stelle einfacher Schuldzuweisungen soll so ein „Verständnis der beiderseitigen Leidensgeschichten“ treten.

Der Autor hat sich nach eigener Angabe durch mehr als 50.000 Seiten Aussagen deutscher Soldaten gearbeitet. Diese stammen aus Ermittlungsverfahren, die das deutsche Reichsgericht von 1920 bis 1926 gegen Deutsche, die der Teilnahme an Kriegsverbrechen beschuldigt wurden, anstrengte. Welche neuen Erkenntnisse dieses Material ergab, macht Keller leider nicht deutlich. Soweit aus anderen Publikationen bekannt, beschränkte sich das Reichsgericht im Wesentlichen auf die bereits im Weißbuch gemachten Ermittlungen. Zeugen des Weißbuches von 1915 wurden vorgeladen und mit ihren damaligen Aussagen konfrontiert. Hier liegt eine große Schwäche der neuen Studie. Dem Leser von Schuldfragen wird nicht die Möglichkeit gegeben, sich eine Bild vom verwendeten Material zu machen, man könnte zugespitzt auch von der Abwesenheit einer ordentlichen Quellenkritik sprechen. Wer führte die Verhöre? Unter welchen Umständen wurden die Aussagen gemacht? Diese Fragen bleiben unbeantwortet.

So wurden Ermittlungen in Löwen unter anderem vom deutschen Kriegsgerichtsrat Franz Ivers geführt, der im September 1914 an den Schießereien beteiligte deutsche Soldaten verhörte. Ihnen wurde eröffnet, dass sie sich in einem gerichtlichen Ermittlungsverfahren befänden, „zur Feststellung, ob und welchen deutschen Militärpersonen ein strafbares Verschulden zur Last fällt“. Die Soldaten befanden sich also in einem Verfahren, in dem sie sich selbst oder ihre Kameraden belasten konnten und in dem daher die Motivation, eigenes Fehlverhalten zuzugeben, entsprechend gering war. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Hinweise, dass Ivers starken Einfluss auf die Zeugen ausübte, die Angriffe belgischer Zivilisten zu bestätigen.

Dieser Kritik an seinen Quellen stellt sich Keller nicht. Der Name Ivers taucht weder im Text noch in den Fußnoten auf. Stattdessen wird versucht, die Glaubwürdigkeit der Kritiker zu erschüttern. So wird unterstellt, das Gutachten über das deutsche Weißbuch von 1958 sei geschrieben worden, um ein die Westintegration belastendes historisches Thema aus der Welt zu schaffen. Für die deutsch-belgische Historikerkommission, so Keller, sei kein Ergebnis akzeptabel gewesen, das dem Weißbuch „auch nur eine partielle Zuverlässigkeit“ zugestanden hätte.

Eklatanter Mangel an Belegen

Der Vorwurf der Voreingenommenheit fällt leider auf den Autor selbst zurück. Zwischen der Diktion Kellers und dem Ton der Soldatenaussagen ist zuweilen kaum ein Unterschied feststellbar. So schreibt er etwa von „hinterhältigen Zivilistenschüssen“. Keller behauptet nicht nur, dass sich Zivilisten am Kampf gegen deutsche Soldaten beteiligten – was durchaus möglich und wahrscheinlich ist! –, sondern dass sie dies im Rahmen einer belgischen Verteidigungsstrategie taten. Die belgische Regierung trage eine Mitschuld an den deutschen Massakern, denn sie habe wissen müssen, „was auf die Bevölkerung zukam, wenn man sie in Verletzung des Völkerrechts mit scharf schießenden Gardisten und Soldaten durchsetzte, die als solche nicht erkennbar waren“.

Das alles wird behauptet, aber nicht belegt. Den eklatanten Mangel an Belegen für die steile These des Buchs hat auch Klaus Wiegrefe im Spiegel gesehen. Er verbindet das mit der Forderung, die Suche nach Belegen für einen Franktireurkrieg in belgischen Archiven zu intensivieren. Man darf an dieser Stelle darauf hinweisen, dass die fraglichen Akten deutschen Historikern bereits während der Besatzung Belgiens von 1914 bis 1918 sowie ein weiteres Mal von 1940 bis 1944 zur Verfügung standen.

Die Mängel im Umgang mit den Quellen verbinden sich mit der methodischen Fragwürdigkeit eines Unterfangens, das der Leidensgeschichte Belgiens die Leidensgeschichten individueller deutscher Soldaten gegenüberstellt. Um es deutlich zu sagen: Belgien wurde unprovoziert zum Opfer eines deutschen Überfalls. Selbst wenn Kellers Verdienst darin liegt, eine Quellengattung wieder zugänglich gemacht zu haben, so kann dies doch nicht die Verbreitung wilder Behauptungen rechtfertigen. Man reibt sich verwundert die Augen, dass mit Gerd Krumeich einer der angesehensten deutschen Weltkriegshistoriker ein wohlwollendes Vorwort zum Buch beisteuerte. Darin gibt er zu Protokoll, schon früher Zweifel daran gehabt zu haben, dass „die heimtückische Beschießung deutscher Soldaten durch belgische Freischärler so ganz und gar nur eine Phantasmagorie gewesen sein sollte“. Er habe sich dieser Frage jedoch nicht gestellt, da sie „unbequem war und drohte, einen in der internationalen scientific community zu isolieren“.

Von seinen Ängsten befreit, lobt er Keller nun über den grünen Klee. Als Christopher Clarks Bestseller Die Schlafwandler 2014 erschien, hatte Krumeich noch kritisiert, Clark gehe von einer Verstrickung der serbischen Regierung in das Attentat auf den österreichischen Kronprinzen aus, ohne dies belegen zu können; im Fall des belgischen „Untergrundkriegs“ scheinen ihn fehlende Belege nun nicht mehr zu stören.

Ob diese Entwicklung veränderten wissenschaftlichen Standards geschuldet ist? Oder ist sie doch politisch motiviert? Für Letzteres spricht, dass Krumeich erst im Juli dieses Jahres die Dolchstoßlegende wieder in die Debatte einführte. So muss man sich die große Aufmerksamkeit, die Kellers Buch zuteil wird, wohl mit dem Trend erklären, vermehrt zu den Schuld-Debatten der Zwischenkriegszeit zurückzukehren. Diese Rückkehr verbindet sich mit dem Versuch, die kritischen Forschungen zum Ersten Weltkrieg, wie sie in den 1950er Jahren einsetzten, als zeitgebunden zu diskreditieren. Natürlich ist es legitim, den gesellschaftlichen Kontext einer Forschung mit zu analysieren. Dies muss dann allerdings auch für die jetzige Debatte gelten, die sich vor dem Hintergrund eines wieder auflebenden deutschen Nationalismus abspielt. Und im Gegensatz zu Keller, der heute im Spiegel wohlwollend gewürdigt wird, sahen sich kritische Historiker wie Fritz Fischer dem Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ ausgesetzt.

Jakob Müller ist Historiker und Niederlandist, sowie Mitglied des Arbeitskreises Historische Belgienforschung

06:00 22.11.2017

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