Aus dem Lot

Ausstellung Die große Bonner Schau „1914 – Die Avantgarden im Kampf“ zeigt, wie Künstler damals den Ersten Weltkrieg erlebten
Oliver Tepel | Ausgabe 05/2014

Die Augen im Angesicht des Grauens aufgerissen, der Mund ein schmaler Bogen verängstigter Skepsis, die Nase wie gebrochen in einem Gesicht, dessen Konturen sich im Halbschatten verlieren. So malt der 31-jährige Max Beckmann 1915 sein Antlitz, noch in der Uniform des Krankenpflegers, just nach einem Zusammenbruch, der für ihn das Ende des Kriegseinsatzes bedeutete.

Das Plakatmotiv zeigt so etwas wie die Quintessenz der Ausstellung 1914 – Die Avantgarden im Kampf in der Bonner Bundeskunsthalle. Als Ansammlung schmerzvoller Blicke prägt sie sich ein: Die tiefbedrückte Vorahnung auf jenem Foto, welches Henri Gaudier-Brzeska im Atelier neben seinem letzten Werk zeigt, das mörderische Grimmen in Otto Dix’ Der Angriff oder die leeren, blutumflossenen Höhlen von Willy Jaeckels Irrendem Verwundeten. Womöglich aber verfehlt die enorm umfassende Schau auf diese Weise ihr selbst gestecktes Ziel. „Wie wirkten sich erst der Kriegsgedanke und dann der Krieg selbst auf das Werk der Avantgardekünstler aus?“ – so benennt es Kurator Uwe M. Schneede im Einführungstext des Katalogs. Wo auf Papier diese Frage anhand einiger Künstlerbiografien expliziert wird, zeigt die Ausstellung in zwölf Räumen mitunter enorm rare Arbeiten der bedeutendsten Avantgardekünstler. Thematisch geordnet in einer Linie von „Große Zeit“ über „Vorahnungen“, „Wirklichkeitserschütterte Strichwelt“ bis zur „Radikalisierten Moderne“, präsentiert sie ihr beeindruckendes Material nachvollziehbar. Und doch prägt eine andere Perspektive den Blick. Nicht: „Was passierte auf den Leinwänden vor 100 Jahren?“, sondern: „Wie erlebten die Künstler den Krieg?“.

So verwundert es kaum, dass Besucher besonders lange vor den gezeigten Fotodokumenten verbringen, staunend, erschrocken auch, ob des vielfach ausgestellten Patriotismus zu Kriegsbeginn. „Was für Idioten!“, wütet ein Betrachter. Die stürmische Kriegsbereitschaft einiger Künstler erklärt 1914 aber ebenso wenig wie die dramatischen und glücklichen Umstände der Emigration Anderer. Die Zeiten überdauernde Unmittelbarkeit ihrer Kunst macht leicht vergessen, dass diese Modernen im bürgerlich-chauvinistischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts aufwuchsen.

Tarnmuster für den Stahlhelm

Mitunter mag man tatsächlich vergessen, dass die ab 1914 entstandenen Werke auch eine ganz andere Avantgarde prägten: die Militärische. Nicht im traditionellen Sinn als Vorhut, sondern, vor allem an der Westfront, als technisiertes Inferno des seit Mitte des 19. Jahrhunderts üblichen Stellungskriegs. Den anfangs noch im Beret feixenden oder stolz die Spitzhaube präsentierenden jungen Männern wird ab Januar 1916 ein schmuckloser Stahlhelm das Überleben im Granatfeuer zumindest ein wenig sichern. Ein Helm, dessen aufgemaltes Camouflagemuster – auch das vermittelt die Ausstellung in einem in kubistischer Manier verschachtelten Raum – von Avantgardekünstlern mitgestaltet wurde. Das war ihr Anteil an der in unglaublicher Geschwindigkeit evolvierenden Schreckenstechnik: die zynische Zweckmäßigkeit der „Auflösung der Form“. Hier hatten die technikfanatisierten italienischen Futuristen recht behalten. Ihre abstrakten Schlachtenbilder zeigen kein Getümmel mehr, sondern harte, geometrische Linien. Doch bleibt ihre naiv heroisierende Verharmlosung des massenhaften Sterbens. Versagt also die Kunst ob des Kriegs?

Auch die Kampfmaschine in Christopher Richard Wynne Nevinsons A Tank aus dem Jahr 1917 verweist auf das anonymisierte Töten hochgerüsteter Waffensysteme. Eine bittere Fußnote ist, dass A Tank 1918 in einer Londoner Ausstellung Nevinsons Paths of Glory ersetzte. Letzteres war zensiert worden, da es tote britische Soldaten zeigt. Nein, nicht die Kunst, sondern der Mensch versagt. Doch verschwimmen in dieser Perspektive auf „1914“ die formalen Anliegen. Am Höhepunkt der Avantgarden der Moderne, der umfassendsten Neuorientierung der Künste seit der Renaissance, belegt die Ausstellung, dass die Werke weiterhin das Leben bebildern.

Nur wenige Künstler sahen sich dabei vom Krieg bestätigt, so wie Fernand Léger, der behauptete, von der 75cm-Kanone gelernt und in den von ihr zerfetzten Körpern den wahren Kubismus gefunden zu haben. Eine Revision der Avantgarde wie bei Gino Severini und anderen Künstlern der konservativen „Zurück zur Ordnung“-Bewegung blieb ebenfalls die Ausnahme. Vielmehr zeigen Skizzenblätter vieler Künstler, wie sehr die Hoffnung auf eine Weiterführung des eigenen Werks Kraft gab. Wo Severinis synthetischer Neoklassizismus das Ende der Avantgarde in der Postmoderne vorwegnimmt, belebt das Schaffen der Emigrierten, vor allem in der Dada-Bewegung, die Nachkriegskunst. Die formalistischen Visionen russischer und niederländischer Künstler wiederum setzen die Vorzeichen der späten Moderne.

Der Krieg konnte diese Dynamik nicht aufhalten. Dennoch erzählt die Ausstellung auch von einem Ausklang. 2014 wirkt die hundert Jahre alte Kunst sehr nah. Doch wie endlos fern müssen 1914 Klassizismus und Romantik von 1814 erschienen sein!

1914 – Die Avantgarden im Kampf Bundeskunsthalle Bonn bis 23. Februar 2014



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06:00 12.02.2014

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