Aus der Zukunft

Porträt Eva & Adele bereichern als lebendes Kunstwerk Messen und Vernissagen in aller Welt. Ihr Anliegen: Toleranz und die Aufhebung starrer Geschlechtergrenzen
Aus der Zukunft
„Wo wir sind, ist Museum“ war ein früher Slogan von Eva & Adele
Foto: Christian Werner für der Freitag

Als es anfing, dachten sie, so nach drei, vier Jahren wären sie wahrscheinlich tot. Kaputtgemacht vom Hohn, von den Gehässigkeiten, der Niedertracht, vielleicht auch vom Verkanntwerden. Das wäre für sie trotzdem in Ordnung gewesen. Doch dann fiel in Berlin die Mauer, und das Künstlerpaar Eva & Adele wurde zu vielfotografierten Lieblingen auf Vernissagen und Kunstmessen. Aus Hohn ist voyeuristisches Wohlwollen geworden, aus Gehässigkeiten das Erkennen von etwas Bekanntem, aus der Niedertracht die Bitte um ein gemeinsames Foto. Das Verkanntwerden könnte noch ein Thema sein. Und inzwischen auch die Vergänglichkeit. „Wo wir sind, ist Museum“, gaben Eva & Adele sich am Anfang als Slogan, seither präsentieren sie sich und ihre stets gleichartig ausstaffierten Körper als „lebendes Kunstwerk“. Erlaubt sein soll nach knapp 30 Jahren darum auch mal die Frage nach dem Restaurierungsbedarf.

Zuerst ist es unerwartet krass, wenn man ihnen im Flur ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg gegenübersteht. Es sind nicht die einheitlichen, rosaroten Deux- Pièces-Kostüme, nicht die grell ummalten Augen, die klimpernden Schmuckstücke, die silbernen Absatzschühchen, die kahlrasierten Köpfe, nicht die pastendicken Make ups, die die Gesichtszüge wie eine zweite Haut überziehen. Und dass das alles viel zu viel ist für diesen privaten Raum. Extrem verwirrend ist, dass Eva und Adele trotz ihres fast identischen Aussehens so eindeutig völlig verschiedene Personen sind, mit zwei ganz unterschiedlichen Ausstrahlungen und gegensätzlichen, sehr rustikalen Akzenten. Aus unterschiedlicher Richtung wirkt von beiden eine starke Freundlichkeit, eine hohe geistige Präsenz und emotionale Gegenwärtigkeit. Das steht in so extremem Widerspruch zur Überstilisierung, dass man für einen Moment das Gefühl hat, in diesem fahl beleuchteten Hinterhof-Entree nicht geschminkten Künstlern gegenüberzustehen, sondern tatsächlich Wesen aus einer fremden Galaxie.

Etwas später kocht Adele – gerundete Figur, Kulleraugen, helle Stimme, perlend süddeutscher Singsang – irdischen Espresso, während Eva – knorrige Gestalt, schalkhafte Grübchen, melancholische Augen, wacher österreichischer Tonfall – Kuchengabeln herbeischafft. Es gibt jetzt nämlich Mandelhörnchen.

Das Gespräch wurde einige Male verschoben. Die Eröffnung einer großen Soloshow im Musée d’Art Moderne in Paris im September hat ihre ganze Zeit benötigt, danach brauchten sie erst mal ein paar Wochen Erholung an der Ostsee. „Nur am Strand spazieren, lesen, zeichnen und reden“, sagt Adele. Zwei- bis dreimal im Jahr gönnen sie sich einen solchen Rückzug – Paarleben ohne Publikum auf neun Quadratmetern im Campingbus. „Dann laufen wir auch stundenlang über den steinigen Strand und trainieren das Gehen auf hohen Schuhen.“ Als Performancekünstler benötigen sie eine hohe körperliche Fitness und Körperdisziplin, die ihnen mit den Jahren nicht leichterfallen. Was viele nicht wissen: Eva & Adele sind nicht nur schrilles Beiwerk des etablierten Kunstbetriebs. Sie sind zwei im Bereich der bildenden Kunst und Performance ernsthaft arbeitende, akademisch ausgebildete Künstler mit einem dezidierten Werk und eigenen Sammlern.

Tränen der Revolte

Die Wände ihrer Wohnung sind voller Bildnisse, und alle zeigen sie selbst. 1991 präsentierten sie sich bei der Eröffnung der Ausstellung Metropolis im Martin-Gropius-Bau in Berlin zum ersten Mal als glatzköpfiges Hermaphroditenpaar. Seither gibt es kein Entkommen von sich selbst. Jeder Auftritt, jede Begegnung wird minutiös vorbereitet, mit großer Präsenz durchgestanden, intensiv nachbereitet. Wann immer jemand ein Foto von Eva & Adele macht, erbitten sie eine Kopie, die sie abzeichnen, analysieren, archivieren. Das Gespiegeltwerden wird zum Gesehenwerden. Es ist die Substanz ihrer Kunst und ihres Daseins, seit sie 1989 beschlossen, für immer im Duo zu leben, zu arbeiten, sich nie wieder voneinander zu trennen. „Das hat ja auch was von Ins-Kloster-Gehen“, sagt Eva, das Mandelhörnchen so entschlossen wie damenhaft mit der Kuchengabel zerlegend.

„Non, je ne regrette rien“, singt Édith Piaf durch das Untergeschoss des Museums in Paris, wo Eva & Adeles Ausstellung You Are My Biggest Inspiration bis Februar zu sehen ist. Immer, immer wieder derselbe Refrain, sodass der Museumswächter in einer Art Duldungskoma zusammengesunken ist. Die Musik gehört zu einer Installation: Auf einer Säule steht ein golden gerahmtes Polaroid, ein frühes Selfie. Man glaubt sofort, dass Eva und Adele die Symbiose nicht bereuen, verliebt, wie sie auf dem Bild aussehen. Doch das war ganz am Anfang. In den Jahren danach kamen Abertausende fast identische Fotos dazu, Hunderte – immer paarweise fotografierte und bis heute immer im Stil der 90er designte – Kostüme, festgehalten in peniblen Bekleidungs- und Auftrittslisten. In exakten, mit Bleistift geführten Bögen ist jedes Outfit notiert. Im Februar 2012 in Auschwitz trugen Eva & Adele „schwarze Lackstiefel“, im Dezember 2015 in Miami das „orange Helsinki-Kleid“ und „keine Unterwäsche“.

Wo sie sind, ist Museum

Seit dem Jahr 1991 tritt das Künstlerpaar Eva & Adele nur gemeinsam, in identischer Gewandung auf. Anstelle von biografischen Daten geben sie ihre Körpermaße an: 176-101-81-96 und 161-86-68-96. Bekannt geworden sind sie durch ihre Auftritte im Umfeld von Vernissagen und internationalen Kunstmessen, wo sie als Teil ihres Konzepts der Toleranz und Offenheit stets freundlich lächelnd für Fotos mit Besuchern posieren und keinerlei Berührungsängste zeigen.

Über die Zeit davor geben sie nur preis, dass sowohl Eva – in Österreich als Mann geboren – als auch Adele – in Deutschland als Frau geboren – beide unabhängig voneinander Kunst studiert und im Anschluss daran am Beginn einer eigenen künstlerischen Laufbahn gestanden haben. Evas Transsexualität wurde 2011 amtlich anerkannt. Aufgrund des Transsexuellengesetzes konnte das Paar danach die eingetragene Partnerschaft zweier Frauen eingehen. In der etablierten Kunstwelt werden Eva & Adele bis heute widersprüchlich aufgenommen. Beim Publikum beliebt, garantiert ihr Auftreten mediale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wecken die mediale Popularität und die strikte Selbstbezüglichkeit bei Kuratoren Skepsis gegenüber der Relevanz ihrer Arbeit.

Noch bis 26. Februar dieses Jahres ist im Musée d‘Art Moderne de la Ville de Paris ihre Einzelausstellung mit dem Titel You Are My Biggest Inspiration zu sehen. Dort ist der Alltag des Künstlerpaars in Form von zahlreichen Kostümfotos, Bekleidungslisten und täglich angefertigten Polaroidselfies dokumentiert. Außerdem ist dort die Videoinstallation Hellas zu sehen, die die Zeit von 1989 an dokumentiert, dem Jahr des Kennenlernens der beiden.

Was vorher war, wohin der Weg auch hätte gehen können, zeigt die vielleicht wichtigste Arbeit im hintersten Raum dieser Ausstellung. Auf sieben großen Bildschirmen läuft die Installation Hellas. Im Sommer 1989, kurz nachdem sie sich beim Sommerfest der Zeitung Unità in Umbrien kennen gelernt und den ganzen Abend miteinander getanzt hatten, reisten sie zusammen für viele Wochen durch Süditalien und Griechenland. Dabei filmte Eva Adele fast ununterbrochen. Man sieht Adele, wie sie in verschiedenen Verkleidungen über Geröllhalden und staubige Wege tollt, eine Vase über den Boden rollt, ein Schwein füttert, das Gesicht in die Sonne hält und immer wieder vor den Augen ihres Geliebten sich um sich selbst dreht und tanzt. Ganz selten kommt Eva ins Bild, mit entrücktem Blick, scheinbar wie verzaubert vor Glück. In einer langen Einstellung weint Adele. Von Wimperntusche geschwärzte Tränenströme pflügen sich geradezu durch ihr Gesicht. „Das waren echte Tränen“, sagt sie. „Tränen der Revolte!“ Eva hatte Adele mit einer Regieanweisung überfordert. „Bei den Dreharbeiten haben wir sehr viel Streit gehabt“, sagt Eva. „Interessanterweise sind wir eines Tages drauf gekommen, dass ich gedacht habe, ich bin der Direktor des Films und Adele mein Star. Und Adele hat dasselbe von sich gedacht.“ Es war das erste Aufeinanderprallen zweier Künstleregos.

„Ich hab die Kamera auf dieses Weinen draufgehalten“, erzählt Eva, „ohne Gewissensbisse.“ Zwar wollte Adele danach zum Flughafen und die Sache beenden. Doch Eva fand die Worte, sie nicht nur zu halten, sondern aus ihnen beiden Eva & Adele zu machen. „Wenn wir es schaffen, zusammen zu arbeiten an einem Werk, das uns als zentralen Inhalt hat, unsere andere Geschlechtlichkeit, dann ist es ein ganz großes Geschenk, das wir nutzen müssen, und nicht uns zerstreiten und darunter leiden, sondern wirklich was Großes draus machen“, lauteten sie. Etwas, das noch nie jemand vor ihnen gemacht habe, sagt Adele.

Natürlich ist das Konzept eines Paars, das sein symbiotisches Leben zur gemeinsamen Kunst macht, keine Erfindung der beiden. Im Jahr, als sie zusammenkamen, trennte sich die Performance-Ikone Marina Abramović gerade von ihrem langjährigen Kollegen Ulay. Das britisch-südtirolische Künstlerpaar Gilbert & George hatte seinen Alltag schon 20 Jahre zuvor zur Konzeptkunst erklärt, die Franzosen Pierre et Gilles waren bereits als schöpferische Einheit etabliert. Neu bei Eva & Adele war jedoch die Stilisierung als Hermaphroditen, das Thematisieren einer Übergeschlechtlichkeit.

1989, nach der großen Reise, zog das Paar nach Berlin. Dort fiel allerdings gerade die Mauer. Kaum etwas interessierte so wenig wie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Genderfragen. Für Eva & Adele wurde es zu einer Zeit übler Erfahrungen. Sobald sie sich irgendwo zeigten – und das wollten sie so oft wie möglich –, begegneten sie Pöbel und Mob. Jubel kam allenfalls von Dragqueens und Travestiekünstlern. „Doch damit wollten wir gar nichts zu tun haben“, sagt Eva. Nicht, dass sie etwas gegen diese haben. Doch Eva und mit ihr Adele brezelten sich nicht vorrangig aus Lust und Kitzel zum Zwitterwesen auf. Transgender ist für sie ein existentielles Thema. In einer männlichen Hülle in der Welt zu stehen, während man sich im Innern als weibliches Wesen fühlt, hat Evas frühe Jahre verdunkelt. „Ich wurde überhaupt nur Künstler, um eine Möglichkeit zu haben, leben zu können“, sagt sie heute. In Adeles offensichtlicher Weiblichkeit konnte sie sich, so scheint es, zum ersten Mal spiegeln.

Durch die Medien wurden Eva & Adele schnell bekannt. „Wir wurden ständig fotografiert“, sagt Eva. „Und je öfter man unser Bild druckte, desto freundlicher wurden die Kommentare der Passanten.“ 1997 hatten sie ihre erste Soloshow in Hannover, es folgten Arbeiten in New York, Paris, Venedig. Und Tausende Auftritte – meist ohne offizielle Einladung – bei den wichtigsten Kunstmessen und Vernissagen überall in der Welt. Immer strahlend auf ihr Konzept des „Futuring“ hinweisend: die Selbstdeutung, aus der Zukunft zu kommen und 1989 in der Gegenwart gelandet zu sein, die sie seither begleiten. Mit dem dringenden Anliegen, für Toleranz und Aufhebung starrer Geschlechtergrenzen zu werben.

Doch als 2006 im Museum Ludwig in Köln mit Das achte Feld eine große Schau dem Thema „Geschlechter, Leben und Begehren in der Kunst seit 1960“ gewidmet wurde, fragten die Kuratoren nicht bei ihnen an. „Als wir einen von ihnen einluden, sagte er, die Ausstellung sei schon voll“, sagt Adele und lacht die Kränkung entschlossen weg.

Hinter der Fassade

Im Kunstbetrieb blicken viele Meinungsmacher nicht hinter die hermetische Fassade von Eva & Adele, rechnen sie lieber dem Beiwerk zu. 2011 sind die beiden eine eingetragene Partnerschaft eingegangen – als zwei Frauen. Vorangegangen war ein peinigender amtlicher Untersuchungsprozess von Evas Fühlen und Sehnen. Daraufhin wurde ihre Geschlechtszugehörigkeit von „männlich“ zu „weiblich“ geändert.

„Wir hätten die Kraft, die wir heute haben, am Anfang gebraucht“, sagt Eva. Heute gehe es ihnen besser als je. Doch die Jahre der Kränkung und des Verkanntwerdens haben Spuren hinterlassen, ebenso wie das grelle Licht, die endlosen Messetage, der ständige Kampf, die schiere Anstrengung, die es bedeuten muss, 24 Stunden jeden Tag nicht nur in einer Symbiose zu leben, sondern diese auch mit stundenlangen Routinen immer wieder neu zu stilisieren und dabei auch für Fremde stets freundlich und zugänglich zu sein. Die Rückzüge im Camper werden wichtiger. „Dann ernähren wir uns auch ganz karg“, sagt Adele.

Ansonsten, das haben sie gemeinsam beschlossen, lassen sie die Jahre einfach wirken. Kosmetische Chirurgie wird es nicht geben. „Wenn man vielleicht in 20, 30 Jahren sieht, dass wir viele Jahre auf dieser Welt sind, dann kann das ruhig so sein.“ „Wir kommen ja ohnehin aus der Zukunft“, erinnert Eva. „Und wir freuen uns, so lange wie nur möglich an der Gegenwart teilzunehmen.“ Sollte es dermaleinst wirklich nicht mehr anders gehen, dann wandeln Eva & Adele eben mit Stützstrümpfen und identischen Gesundheitsschuhen durch die heiligen Hallen der Kunst. „Und mit Gehstock.“ Sie lachen laut und lange. „Aber nur mit besonders ladylikem Exemplar!“

06:00 08.02.2017

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