Aussetzung der Abschiebung

Alltag Bosnische Flüchtlingskinder leben wie im Vakuum - Eindrücke aus einem Jugendclub

Die Frühlingssonne scheint in die vorderen Räume des Jugendclubs. Frisch gestrichene Wände in leuchtendem pink, rot und türkis. Ein buntes Graffity über dem Billardtisch haben die Jugendlichen gemeinsam entworfen. Das Misstrauen gegenüber mir und meinem Fotoapparat ist schnell abgebaut. Einige Jungen führen unter lauter HipHop-Musik ihren Breakdance vor. Immer wieder werde ich gebeten, noch ein weiteres Foto zu machen. Nedjad und Rambo aus Bosnien testen ihre Männlichkeit vor meiner Kamera. Mathias, ein Betreuer, hilft Dragan bei den Hausaufgaben, Avdo sucht schon wieder seinen Tischtennisschläger. Als ich mich verabschiede, sehe ich mein Portemonnaie offen auf dem Rucksack liegen. Das Bargeld ist weg.

Mathias ist Sozialarbeiter im Jugendclub Chausseestraße, der vom Bezirk Mitte finanziert wird. "Die Arbeit mit den Jugendlichen hat wenig Perspektive. Vergangenheit und Zukunft spielen hier keine Rolle. Was zählt, ist der Zeitraum, in der die Aufenthaltsgenehmigung erteilt wird. Im Durchschnitt sechs Monate." Die meisten Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren kamen während des Bosnienkrieges nach Deutschland. Damals waren sie noch kleine Kinder. Mittlerweile sind viele schon über zwölf Jahre hier. Alle sechs Monate wird eine neue Duldung erteilt. Das bedeutet eine Aussetzung der Abschiebung, keine Aufenthaltsberechtigung. Die Entscheidungen verantwortlicher Behörden werden oft als willkürlich erlebt. Der Wohnort darf ohne behördliche Zustimmung nicht verlassen werden. Die Angst vor der Abschiebung bestimmt den Alltag. Ein permanenter Schwebezustand.

Am nächsten Tag haben Nedjad und Rambo Clubverbot. Erst wenn sie das gestohlene Geld wiederbringen und sich bei mir entschuldigen, dürfen sie wieder hinein. Das sind die Auflagen der Betreuer. Ich besuche die Jugendlichen weiterhin regelmäßig. Nach einigen Wochen steht plötzlich der 17-jährige Rambo vor mir, schüchtern, und entschuldigt sich. Wir setzen uns nach draußen in die Sonne. Er erzählt. Rambo kommt aus Tuzla in Bosnien und wohnt mit seinen Eltern im Asylbewerberheim Friedrichstadt in der Nähe des Jugendclubs. Die Zwei-Zimmer Wohnung ist zu klein. Er schläft zur Zeit bei seinen Eltern im Schlafzimmer, da sein Bruder eine Freundin hat. Seine Mutter schaut nach der Hausarbeit den ganzen Tag Fernsehen. Sie denkt oft an die Heimat. Der Vater schläft meistens oder ist unterwegs. Eine Arbeitserlaubnis hat er nicht. Nach zwölf Jahren Duldung hat seine Familie jetzt eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Nur Rambo wartet als einziges Familienmitglied noch darauf, denn er bekam wegen Schlägereien und Diebstählen zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung. Rambo vertreibt sich die Zeit, in der normale Kinder zur Schule gehen, mit Rumhängen und Geldbeschaffen. Er hat durch den Krieg und die Flucht den Anschluss an die Gesellschaft verpasst. Seit seinem sechsten Lebensjahr ist er in Deutschland und geht seit der 2. Klasse kaum noch zur Schule. Gestört hat das keinen. Denn für Asylbewerber ohne Aufenthaltsgenehmigung gilt keine Schulpflicht.

Am liebsten würde Rambo eine Ausbildung als Autohändler machen und eine Familie gründen. Doch erst einmal müsste er Lesen und Schreiben lernen. Was er und seine Familie in Bosnien erlebt haben, will er mir nicht erzählen. Wir schweigen. Die Sonne scheint auf unsere stummen Gesichter.

Die Mitarbeiter der psychotherapeutischen Beratungsstelle des Frankfurter Arbeitskreises Trauma und Exil (FATRA e. V.) stellten in den letzten Jahren ihrer Arbeit fest, dass die Schwere eines Kriegstraumas sich nicht nur während der direkten Verfolgung auswirkt, sondern auch in der Zeit danach. Gute Lebensumstände im Aufnahmeland wie sicherer Aufenthaltsstatus, Verständnis für das Erlebte im sozialen Umfeld und die Möglichkeit, ein neues Lebensprojekt zu entwickeln, sind wichtige Bedingungen für eine erfolgreiche psychotherapeutische Bearbeitung der traumatischen Erfahrungen.

Nedjads Mutter darf wegen ihres Kriegstraumas, das sie den Behörden nachweisen konnte, in Deutschland bleiben. In der Lage, über ihre Erlebnisse zu sprechen, fühlte sie sich noch nicht. Doch ein weiteres Bleiben war nur gesichert, wenn sie die Traumatisierung nachweisen konnte, so musste sie in einer ärztlichen, fachärztlichen oder psychotherapeutischen Behandlung sein, die eine anhaltende psychische Erkrankung bescheinigen. Nedjas Vater wurde vergangenes Jahr nach Bosnien abgeschoben. Manche kehren wieder nach Deutschland zurück, da sie den Neuanfang im Heimatland nicht schaffen. Die Arbeitslosigkeit in Bosnien beträgt 70 Prozent.


Vor ein paar Tagen haben sich zwei Jungs im Club einschließen lassen. Der neue Videobeamer im Wert von 800 Euro ist weg. Jetzt haben beide Clubverbot. Den Beamer verkauften sie für 150 Euro. Rambo beschwert sich, da er immer gleich verdächtigt wird. Doch das Stehlen wird zum Sport, um die eigene Geschicklichkeit zu beweisen. Manchmal entwendet er einen Gegenstand zum Spaß, um ihn danach wieder zurückzugeben. Keiner bringt teure Gegenstände in den Club. Aus Angst, bestohlen zu werden. Den Kontakt mit den Jugendlichen baue ich jedes Mal wieder von neuem auf. Kriegstraumata und Aufenthaltsstatus ohne ein stabiles Umfeld trennen ihre Welt von meiner. Durch die gewaltsame Vertreibung sind viele in ihren sozialen Beziehungen extrem verunsichert. "Wir müssen ihnen zeigen, dass wir sie ernst nehmen. Das Selbstwertgefühl der Jugendlichen ist weit unten, weil sie keine Bestätigung bekommen", sagt die Sozialpädagogin Janina, die seit 2004 im Jugendclub arbeitet. Kaum jemand hier hat deutsche Freunde. So richtig erklären kann sich das auch keiner. Das ist einfach eine andere Welt. Die aktuellen Debatten über Integration interessieren hier im Club keinen. Persönliche Probleme stehen im Vordergrund. Nach der Erteilung einer permanenten Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland wäre der größte Wunsch, das Heimatland zu besuchen. Unter den Jugendlichen besteht ein großes Bedürfnis: Einfach mal ein paar Wochen Urlaub machen, Verwandte wiedersehen und das Land neu kennen lernen, von dem ihre Eltern immer so viel erzählen. Die unterbrochene Vergangenheit wieder herstellen, für einen Weg in die Zukunft.

Einige Tage später. Im Jugendclub herrscht gähnende Leere. Janina telefoniert mit der Polizei, mit Behörden und Firmen. Im Club wurde eingebrochen. Alle Computer sind weg. Eine Stereoanlage, zwei DVD Player, ein Laptop, ein Telefon. Der Tresor wurde wie eine Wellpappe aufgerissen. Die Snickers sind auch weg. Sachen im Wert von 3.000 Euro. Viele Hinweise führen zu den selben Jungs, die den Beamer gestohlen haben. Aber Janina will es immer noch nicht so ganz glauben. Avdo entschuldigte sich doch letzte Woche noch und wollte sparen, um das Geld wieder zurückzuzahlen. Selbst in der Schule ging es bergauf. Diesmal sollen es vier Jungs gewesen sein. Sie haben ziemlich professionell gearbeitet. Am Türschloss ist kaum etwas zu sehen. Selbst die Tür lässt sich wieder schließen, als wäre nichts geschehen. Die Betreuer wollen erst einmal das Notwendigste besorgen. Musik und Computer gibt es dann eben nicht. Da einige der Jugendlichen nur eine Duldung haben, machten die Betreuer das letzte Mal keine Anzeige. Doch jetzt ist der Schaden zu groß. Im Club ist nichts mehr vorhanden. Die Jugendlichen denken, dass Versicherungen oder irgendwelche Ämter den Schaden beheben. Gegenseitiges Misstrauen dämpft die Atmosphäre. Die Betreuer sind ratlos.


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00:00 09.06.2006

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