Bad Boy Johnny

1987 Vor 25 Jahren kommt der Streifen „Dirty Dancing“ in die Kinos. Er wirkt etwas banal und ist doch ein politischer Film über die USA wenige Wochen vor dem Kennedy-Attentat

Für Frauen und Männer eines gewissen Alters sind Erinnerungen ein Nostalgietrip: Vor 25 Jahren hatte Dirty Dancing Premiere, mit Jennifer Grey und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Rückblickend erscheint die Filmstory ein bisschen kitschig, der Dialog gelegentlich angestrengt, das Ende zu platt. Doch Dirty Dancing war ein Riesenhit, ein Tanzfilm mit einem Soundtrack (Titelsong I’ve Had The Time of My Life), der sich in Ohren und Füßen festsetzte. Keine billige Kinoromanze, sondern eine Liebesgeschichte, ein feministischer Film, ein politischer Film über Amerika im Sommer 1963 und eine Hommage für ein Stück so nicht mehr existierenden jüdischen Lebens. Es sei ein „jüdischer Film, wenn man versteht, was man sieht“, erläuterte Drehbuchautorin Eleanor Bergstein, die auch über ihre eigene Geschichte schrieb.

Familienurlaub mit dem Auto, Fenster runter gedreht, Sicherheitsgurte gab es noch nicht, auf dem Rücksitz die 17-jährige Frances Houseman (Jennifer Grey). Sie liest ein Buch über Bauern in der Dritten Welt. Ihre ältere Schwester Lisa (Jane Brucker) arbeitet an ihrem Make-up. Am Steuer das wohlwollend autoritäre Familienoberhaupt Dr. Jake Houseman (Jerry Orbach), neben ihm Mutter Marjorie (Kelly Bishop). Frances kommentiert aus dem Off, alle hätten sie damals Baby genannt, und das habe sie überhaupt nicht gestört. „Das war, bevor Präsident Kennedy erschossen wurde, bevor die Beatles kamen, als ich nicht erwarten konnte, ins Peace Corps zu gehen, und als ich dachte, ich würde nie einen so tollen Mann finden wie meinen Vater. Das war der Sommer, als wir zu Kellerman’s fuhren.“ John F. Kennedy wurde am 22. November 1963 ermordet.

Sexy und gefährlich

Die Vier sind unterwegs auf der Autobahn in den Catskills-Bergen nördlich von New York. Kellerman’s ist ein Resort mit Luxushotel und Bungalows, Golfplatz und Badesee. Zum Urlaubspaket gehört ein Entertainment-Programm mit Band, Kabarett, Gesellschaftsspielen, Vorträgen und Tanz, viel Tanz. Der Grundriss der Geschichte ist schnell skizziert. Baby Houseman verliebt sich in Tanzlehrer Johnny Castle (gespielt vom 2009 verstorbenen Swayze) – sexy, gefährlich und ein paar Jahre älter. Bad Boy Johnny und die Tanzprofis kommen aus einer ganz anderen gesellschaftlichen Ecke. In ihrer Unterkunft tanzen sie nicht den zahmen Foxtrott und den damals in Mode kommenden Merengue, sondern zu „schwarzer“ Musik, Rock and Roll und wilden Rhythmen. Viel Körperkontakt, viel Schweiß. Dirty halt. Unanständig.

Baby wird ab Herbst das Elite-College Mount Holyoke zum Studium der „Ökonomie in der Dritten Welt“ besuchen. Sie wolle die Welt verändern, sagt Jake Houseman stolz. Ihren Namen Frances hat Baby zur Erinnerung an Präsident Franklin D. Roosevelts Arbeitsministerin Frances Perkins bekommen, die erste US-Ministerin überhaupt und die Initiatorin vieler Reformen des New Deal. Johnny dagegen muss um sein Einkommen bangen und erhält die „frohe Nachricht“, dass er mithilfe seines Onkels in der Anstreicher-Gewerkschaft aufgenommen wurde.

Es kommt, wie’s kommen muss. Baby will Johnny. Und Johnny und Baby finden auf Umwegen und bei vielen Tänzen zueinander und ins Bett. Doch sie werden geplagt von ihren eigenen Vorurteilen. Ihre Zeitgenossen sind skeptisch, Papa und Mutti Houseman dürfen gar nichts wissen. Und so viel Zeit ist ja nicht zum Kennenlernen, die Housemans haben ihren Bungalow nur für drei Wochen gemietet. Das Versteckspiel fliegt auf, als Johnnys Tanzpartnerin Penny schwanger wird, und Baby 250 Dollar von ihrem Vater organisiert für einen damals illegalen Schwangerschaftsabbruch. Der Arzt ist ein Pfuscher „mit einem schmutzigen Messer und einem Klapptisch, ich konnte sie draußen auf dem Gang schreien hören“, entsetzt sich ein Freund, der Penny zum Abbruch begleitet. Penny überlebt die Operation gerade eben, wird letztlich gerettet, als Baby ihren Vater zu Hilfe ruft. Der ist enttäuscht und sauer, dass seine Tochter sich mit diesen Typen rumtreibt und verbietet weiteren Kontakt.

Man schreibt eben 1963 und durchlebt eine Zeit des Umbruchs. Baby wird erwachsen, muss sich entscheiden zwischen Vater und Johnny. Der Vietnamkrieg und die Bewegungen der sechziger Jahre, die das Land auf den Kopf stellen werden, hört man leise im Hintergrund. Der Komfort bei Kellerman’s wird aus Babys Sicht zunehmend erdrückend, kriegt sie doch mit, wie miserabel die „niedrigen“ Angestellten behandelt werden. Und sie sieht die Scheinheiligkeit ihrer nach außen hin progressiven Eltern: Zwar rügt Jake Houseman seine modebewusste Tochter Lisa, die richtigen Schuhe zu vergessen, sei doch keine Tragödie, eine Tragödie sei es, wenn der Sheriff in Birmingham die Hunde loshetze. (Oder sich in Vietnam Mönche aus Protest verbrennen, fügt Baby hinzu.) Aber gleichzeitig macht Papa ihren Freund Johnny schlecht.

Lieber nach Europa

Auch wenn oberflächlich alles geordnet und gesittet erscheint im Urlaubsort, geht die Ära Kellerman’s zu Ende. Diese Art Urlaub ist schon 1963 fast ein Relikt. In den Catskills-Bergen gab es Mitte des 20. Jahrhunderts mehrere Resorts wie dieses. Die Catskills, das waren die „jüdischen Alpen“, der „Borschtsch-Gürtel“. Jüdische Bürger hatten es in den USA zu viel gebracht, in Verlagen, an Universitäten, in der Kunst, im Bankenwesen, in der Justiz. Doch die protestantischen Amerikaner in den oberen Zehntausend pflegten einen auf Distanz achtenden Antisemitismus. In Golf-Clubs und vornehmen Hotels gab es Barrieren. Man „hatte nichts“ gegen Juden, aber den Urlaub wollte man nicht mit ihnen verbringen. Die gehobene jüdische Mittelklasse aus New York City fuhr in die Catskills. Dort hatten sich zu Beginn des Jahrhunderts mit Unterstützung des Hilfsverbandes Jewish Agricultural Society jüdische Einwanderer aus Osteuropa niedergelassen. Mit der Landwirtschaft funktionierte es nicht so richtig im kargen Bergboden, also sattelten viele auf Tourismus um. Mit dem Angebot, koscheres Essen zu servieren, fanden sie bald Kundschaft bei jüdischen Urlaubern aus New York und eröffneten eine Reihe großer Hotels wie Kellerman’s. Da war man auch unter sich, da war man die Mehrheit und musste Glauben wie Herkunft nicht rechtfertigen. 1963 waren erst 18 Jahre seit dem Holocaust und dem Zweiten Weltkrieg vergangen.

„Die Zeit rinnt dahin“, klagt wehmütig der Eigentümer Max Kellerman. Die jungen Leute wollten nicht mehr mit ihren Eltern Urlaub machen, sondern durch Europa reisen. „22 Länder in drei Tagen“, das kann Kellerman nicht verstehen. Aber der Wohlstand hat sich verbreitet, Reisen wird billiger, jüdische Amerikaner assimilieren sich. Kellerman’s erscheint da eher hausbacken. Gegen Ende drückt sich Dirty Dancing vor harten Wahrheiten. Dr. Houseman versöhnt sich mit Johnny, Baby darf ihren Vater umarmen und ihren Johnny auch. Und dann?

Der Sommer ist vorbei, man geht getrennte Wege. Frances wird studieren und – so nimmt man an – sich wohl in der Anti-Kriegsbewegung engagieren. Nach dem Peace Corps Karriere machen bei einer NGO? Barack Obama Wahlspenden schicken? Und Johnny? Man weiß es nicht. Als Anstreicher arbeiten?

Der Film kam 1987 in die Kinos. Damals war Ronald Reagan schon gut sechs Jahre Präsident. Der Republikaner hasste den Umbruch der Sechziger. Er spielte der Nation vor, dass Amerika irgendwie zu seinen Ursprüngen zurückkehren könne, zu einer heilen Welt, wie sie früher einmal existiert haben soll – der Welt vor Dirty Dancing. Der Film ist noch heute aktuell. Mitt Romney und die Republikaner wollen die 1973 legalisierte Abtreibung wieder verbieten lassen. 2014 soll ein Remake von Dirty Dancing in die Kinos kommen. Was da wohl rausfällt? Die Abtreibungsepisode? Und bleibt das Werk ein jüdischer Film? Bleibt Baby Baby? Wichtige Fragen für Frauen und Männer eines gewissen Alters.

Konrad Ege schrieb zuletzt über den Umfragensalat vor der US-Präsidentenwahl

09:00 28.10.2012

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