Ball in Besitz

Investitionsobjekt Moderner Fußball kostet Geld. Was mit Milliardenausgaben zu verdienen ist, bleibt symbolisch - oder offen

Die Nummer Eins im deutschen Tor steht fest, die 735 restlichen teilnehmenden Spieler werden es nach dem bevorstehenden Nominierungsschluss für die Nationalteams sein. Bis zum Eröffnungsspiel versuchen wir in einer kleinen Reihe, Licht auf jene Aspekte des Sports zu werfen, die gewöhnlich im Dunkel der Liga-Berichterstattung verbleiben. Markus Stauff (Freitag 3/06) hatte sich den medialen Gegebenheiten gewidmet, Torsten Haselbauer (Freitag 8/06) den historischen und Klaus Theweleit (Freitag 13/06) den psychosozialen. Stefan Wellgraf wirft nun einen Blick auf die Ökonomie des Spitzenfußballs.

Fußball ist entgegen einer weit verbreiteten Ansicht zwar keine Goldgrube, denn kaum ein europäischer Spitzenverein kann heute noch profitabel wirtschaften. Fußball ist aber sehr wohl ein Tummelplatz vieler Goldgräber wie Malcom Glazer, Silvio Berlusconi, Roman Abramowitsch und Rinat Achmetov, die das Gesicht des Fußballs verändern. Vereine, die heute um die Krone des europäischen Clubfußballs, den Gewinn der Champions League, mitspielen wollen, sind aufgrund des kostenintensiven Wettstreits um die besten Spieler in der Regel auf die Großzügigkeit der Fußballpaten aus Politik und Wirtschaft angewiesen. Diesen dienen die Millionengaben nur in seltenen Fällen der direkten finanziellen Bereicherung, vielmehr sind sie ein Instrument ihrer Karriereplanungen, ein symbolisches Kapital, das mit der Erwartung von persönlichen Gegenleistungen verbunden ist.

Rein finanzielle Beweggründe scheinen lediglich die feindliche Übernahme des börsennotierten englischen Fußballvereins Manchester United durch den amerikanischen Spekulanten Malcom Glazer veranlasst zu haben. Glazer gilt als das Schreckgespenst aller Fußballfans, als kalte Fratze des Kapitalismus. Der 76-Jährige ist kein großzügiger Mäzen, sondern ein Geizhals und bei den Anhängern seines Clubs so verhasst, dass sie bei Heimspielen an einem Galgen baumelnde Glazer-Puppen durch das Stadion tragen. Gegen den Willen der Vereinsführung erwarb Glazer zwischen 2003 und 2005 einen Großteil der Aktien des börsennotierten Vereins. Nachdem es ihm gelang, seinen Anteil auf 75 Prozent zu erhöhen, nahm er das Recht in Anspruch, den Verein von der Börse zurückzuziehen. Später erwarb er durch Zwangsabfindungen von Kleinaktionären, in den meisten Fällen treue United Fans, 100 Prozent des Unternehmens. Auf diese Weise wurde der berühmteste und populärste englische Fußballclub schließlich am 28. Juni 2005 Teil des Privatbesitzes von Malcom Glazer. Dieser finanzierte den 1,2 Milliarden teuren Kauf zu einem Großteil mit Schulden, die er später auf den bisher schuldenfreien Verein umschrieb, so dass Manchester United künftig eine jährliche Zinslast von 33 Millionen Euro begleichen muss. Das vereinseigene Stadion Old Trafford wurde als Kredit-Sicherheit verpfändet, und zusätzlich sollen die Eintrittspreise von derzeit durchschnittlich 37 in den kommenden fünf Jahren auf 66 Euro steigen. Fraglich bleibt, ob Glazers Strategie, mit minimalen Ausgaben maximalen Profit zu erzielen, noch die besten Spieler anlockt oder ob diese künftig, wie Michael Ballack, den großzügigeren Rivalen Chelsea London vorziehen. Auch das Beispiel von Glazers amerikanischem Football Team Tampa Bay Buccaneers deutet in diese Richtung. Tampa stagnierte zunächst aufgrund der Sparpolitik seines Besitzers und gewann erst dann den amerikanischen Super Bowl, nachdem sich Glazer zu massiven Investitionen entschlossen hatte.

Italienische Propaganda

In den meisten Fällen besteht zwischen den Fußballvereinen und ihren wirtschaftlichen und politischen Patronen eine mehr als nur finanzielle Beziehung. So pflegt die Familie Agnelli ihre Verbindung mit Juventus Turin seit den zwanziger Jahren. Auch Silvio Berlusconi verdankt viel von seiner Popularität dem Engagement beim AC Mailand. Für die Eliten Italiens erweist sich ihr Einsatz als symbolisches Kapital, er sorgt für Prestige und Charisma und gilt als eine Art Sozialvertrag mit Tausenden von wahlberechtigten Fußballanhängern.

Laut La Stampa nutzte Berlusconi den AC Mailand "in erster Linie zur Imagepflege, aber auch als Instrument für seine Geschäfte". Berlusconi hatte bereits in den achtziger Jahren ein zwiespältiges Image. So kam er als Mitglied der mit der Mafia kooperierenden Geheimloge P2 in den Verdacht krimineller Verstrickungen. Doch dank der Erfolge des AC Mailand, der vor mehr als 20 Jahren zum weltbesten Fußballclub avancierte, gelingt es Berlusconi, sich einerseits als erfolgreicher Unternehmer und gleichzeitig als Vertreter des einfachen Volkes darzustellen. Er nutzt seinen AC Mailand für glamouröse Medieninszenierungen, die er am liebsten über die eigenen Fernsehkanäle vermarktet. Beispielsweise schwebten einmal vor Anpfiff eines Matches die Spieler im Hubschrauber und zu den Klängen von Wagners Walkürenritt ins Stadion ein. Da der Geschäftsführer des AC Mailand, Adriano Galliano, gleichzeitig als Vorsitzender der italienischen Liga amtiert, ist Berlusconi eine Vorzugsbehandlung bei der Vergabe der Fernsehrechte gesichert. Fußball half ihm schließlich auch bei seinem Einstieg in die italienische Politik. Für die Parlamentswahlen 1994, die zur ersten Regierungsbildung unter Berlusconi führten, gründete er eine Partei mit dem Namen Forza Italia, dem bekannten Slogan der Anhänger der italienischen Fußball-Nationalmannschaft. Während des Wahlkampfes wurden einige Fanclubs des AC Mailand vorübergehend zu Parteizentren umfunktioniert. Berlusconi versuchte also, das mit seinem Fußballengagement verbundene symbolische und soziale Kapital direkt in politisches Kapital umzuwandeln.

Russische Oligarchen

Die prominentesten Neueinsteiger im millionenschweren europäischen Fußballgeschäft sind die jungen Wirtschaftseliten aus Osteuropa, die so genannten Oligarchen. In den neunziger Jahren dienten ihnen Fußballclubs noch vor allem als Möglichkeit zur Geldwäsche, doch seitdem die Jahre der wilden Bereicherung vorbei sind, streben sie nach Besitzstandswahrung und nutzen ihr Engagement für den Fußball zur Werbung in eigener Sache.

"Gleichgültigkeit", "Raffgier" und "Umbarmherzigkeit" sind die Eigenschaften, die laut einer Umfrage diesen Oligarchen von der russischen Bevölkerung bisher zugeschrieben wurden. Diese Stimmung nutzte Putin, um im Jahr 2000 mit oligarchenkritischen Parolen die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen. In der Folgezeit wurden unliebsame Oligarchen mit der Drohung einer möglichen juristischen Aufarbeitung ihrer früheren Wirtschaftsaktivitäten politisch neutralisiert. Medienmogule wie Wladimir Gussinski und Boris Beresowski flohen darauf hin ins westliche Ausland, der Putin-Kritiker Michael Chordokowski wurde zu acht Jahren Haft verurteilt. Seit der russische Staat seine informellen Sphären rigider kontrolliert, versuchen Oligarchen verstärkt, ihr negatives Image aufzupolieren. Sie bemühen sich um eine transparente Buchhaltung, fördern Jugendprogramme oder investieren in lokale Fußball- und Eishockeyteams. Auf diese Weise entwickelte sich die russische Premier League innerhalb weniger Jahre zu einer der finanzstärksten Ligen der Welt. Dabei kamen im Jahr 2003 von den 167 Millionen US-Dollar, die von Vereinen der russischen Premier League ausgegeben wurden, 130 Millionen aus den Privatkassen der jeweiligen Club-Besitzer. Die sportliche Erfolgsbilanz der neureichen russischen Clubs ist bisher unausgewogen. Während Dynamo Moskau trotz einer Reihe ausländischer Starspieler die letzten beiden Spielzeiten nur im Mittelfeld der Tabelle abschloss, gewann im Jahr 2005 mit dem von Roman Abramowitsch geförderten ZSKA Moskau erstmals ein russischer Verein den europäischen UEFA-Pokal.

Abramowitsch, außerdem Besitzer des englischen Clubs Chelsea London, ist das spektakulärste Beispiel für den Millionenwahn im Fußball. Mit seinen Ausgaben für den Klub des Londoner Nobel-Viertels Chelsea versucht sich das sibirische Waisenkind in die gehobene Londoner Gesellschaft einzukaufen. Die 15 Millionen Euro jährlich für den ehemaligen Armeeverein ZSKA Moskau haben dagegen vor allem die Aufgabe, die Geschäftsbeziehungen mit Russland aufrecht zu erhalten. Sein Fußballengagement dient dem bisher noch vom Wohlwollen Putins abhängigen Milliardär demnach als Baustein für die eigene Lebens- und Geschäftsplanung.

Abramowitsch investierte seit seinem Einstieg bei Chelsea im Jahr 2003 über 350 Millionen Euro in neue Spieler, wobei er in einem im europäischen Fußball bisher einmaligen Einkaufsrausch beinahe jedem europäischen Starspieler ein Angebot machte und zum Teil als völlig überteuert geltende Ablösesummen zahlte. Chelseas neue Mannschaft gewann dank der Verstärkungen im Jahr 2005 erstmals seit 40 Jahren wieder die englische Meisterschaft, scheiterte aber zuletzt regelmäßig in der Champions League. Zu der als besonders finanzstark geltenden Anhängerschaft des FC Chelsea gehören viele Prominente der britischen Wirtschaftselite sowie bekannte Politiker der Tory-Fraktion.

Ukrainische Gefälligkeiten

Anders als in Russland, wo unter Putin die wirtschaftspolitischen Kompetenzen der Regionen weitgehend eingeschränkt wurden, hat die ukrainische Präsidialadministration zuletzt nur selten in die Belange der Regionen eingegriffen. Für Donezk im Osten des Landes bedeutet dies, dass sich eine Gruppe Unternehmer an der Spitze der regionalen Wertschöpfungskette etablieren und seine Geschäftstätigkeiten kontinuierlich ausbauen konnte. Führungsfigur dieses Donezker Industriellenclans ist Rinat Achmetov, laut Forbes mit 1,7 Milliarden US-Dollar der reichste Mann der Ukraine und Präsident des Fußballclubs Schachtar Donezk.

Dem Bergarbeiterkind Achmetov werden enge Beziehungen zum ehemaligen ukrainischen Premierminister Janukowitsch nachgesagt, der von 1997 bis 2002 als Gouverneur der Region Donezk amtierte. Das Geschäft lief folgendermaßen: Achmetov kaufte Janukowitsch die Stimmen und dieser sorgte im Gegenzug dafür, dass Steuer- und Kontrollbehörden bei den Machenschaften Achmetows nicht so genau hinschauten. Nachdem der Janukowitsch-Rivale Juschtschenko an die Macht kam, wurden prompt Achmetovs Firmen durchsucht. Zudem wurde er im Zusammenhang mit ungeklärten Mordfällen in den späten achtziger Jahre ins Visier genommen. Um sich den Immunitätsstatus eines Parlamentsabgeordneten zu sichern, kandidierte Achmetov bei den Wahlen im März 2006 schließlich selbst erfolgreich für Janukowitschs Partei der Regionen, die mit über 30 Prozent der Stimmen zur stärksten Fraktion im nationalen Parlament avancierte und offiziell über 70 Prozent der Stimmen in der Region Donezk errang.

Fußball ist Teil der regionalen Herrschaftsstrategie des Politikers und Unternehmers Achmetov, denn Stimmen und Wohlwollen der Wähler werden in der Ukraine in der Regel durch Gefälligkeiten erworben. Seit 1996 investierte Achmetov mehr als 250 Millionen Euro in den von ihm geführten und enorm populären Bergarbeiterverein Schachtar Donezk, der in den zurückliegenden Jahren gemeinsam mit dem vom Medienoligarchen Hryhrij Surkis gesponserten Dynamo Kiew den ukrainischen Fußball dominierte. So wurde Schachtar Donezk 2002 und 2005 mit dem italienischen Trainer Nevio Scala und sechs brasilianischen Spielern ukrainischer Meister. Achmetov ließ zudem eines der modernsten Trainingszentren Osteuropas errichten, förderte den Bau eines Internats für 3.000 Fußballtalente aus der Region und ließ das alte Stadion renovieren. 2007 soll eine neue, 50.000 Zuschauer fassende Arena fertiggestellt werden.

Öl- und Goldgräber wie Achmetov und Abramowitsch verfolgen letztlich auch mit ihren als "Hobby" bezeichneten Fußballclubs ein ökonomisches Kalkül. Ihre Gaben für den Fußball dienen nicht dem Sport, sondern sind mit der Erwartung von Gegenleistungen und Profiten in anderen Bereichen verbunden. Sie wirken damit unbewusst an einem Zukunftsmodell des Fußballs mit, in dem die aus lokalen Gemeinschaften entstandenen Stadtvereine zum Investitionsobjekt wirtschaftlicher und politischer Eliten verkommen. Diese mögen mit ihren Clubs Spiele gewinnen, doch verliert der Fußball eine ihn prägende Illusion - der Sport des einfachen Mannes zu sein.

Die Liebe zum Fußball, die elementare Beziehung des Fans zu seinem Heimatverein, wird letztlich selbst die Vereinnahmung durch die Fußballpaten überstehen. Aber sie kann Schaden nehmen, wie die stagnierenden oder rückläufigen Zuschauerzahlen in den Ligen Italiens, Englands und Spaniens zeigen. Hinter den deutschen Spitzenvereinen stehen in der Regel keine milliardenschweren Oligarchen. Die Stehplatzfans danken es mit ungebrochener Treue. Und die Mannschaften, indem sie sich frühzeitig aus der Champions League verabschieden.


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00:00 12.05.2006

Ausgabe 39/2020

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