Banalitäten in einer Katastrophe

Tschernobyl Die Kunsthochschulen Charkow und Berlin-Weißensee präsentieren Plakate und Fotografien zum Thema Tschernobyl

Kunst, forderte Paul Virilio angesichts der Katastrophe von Tschernobyl, müsse heute "archäotechnologisch" sein: So wie mit dem Rad bereits ein Autocrash, mit dem Schiff bereits ein Untergang erfunden wurde, müsse Kunst jene erwartbaren Katastrophen imaginieren, die jede technologische Erfindung mit sich bringt.

Auf den Fotografien Oleg Veklenkos hat die Katastrophe bereits stattgefunden. Sie fehlt nicht, das bezeugen die gelegentlichen weißen Flecken auf den Negativen. Aber sie ist in jenen fiebrigen Aggregatzustand übergetreten, in dem alle Aufmerksamkeit der Organisation und Begrenzung gilt und kaum Raum bleibt, über Ursachen und Folgen zu sinnieren.

Der Grafikdesigner und Dozent der Kunsthochschule Charkow wurde im Mai 1986 an den Unglücksort eingezogen: Da lagen die unkontrollierte Kettenreaktion und nachfolgende Knallgasexplosion, die in der Nacht zum 26. April 1986 die 3.000 Tonnen schwere Abdeckplatte des vierten Reaktors in die Luft hob, bereits eine Woche zurück.

Veklenkos Bilder zeigen Soldaten, Feuerwehrleute, freiwillige Helfer, die sich durch eine Mondlandschaft verstrahlter Materie bewegen und in kleinteiliger Aufräumarbeit in den Griff zu bekommen versuchen, was bei den Planern in den Schaltwerken nicht vorgesehen war.

Veklenko überrumpelt nicht durch apokalyptische Bilder, er dokumentiert nüchtern die Banalitäten in der Katastrophe. Das Objektiv rückt dabei ganz dicht an die Arbeit der Liquidatoren: Sie dekontaminieren Aggregate und Maschinen, schaffen Trümmer beiseite und versiegeln die schwelende Reaktormasse mit Blei, Sand, Lehm und Bor. Zwischendurch nehmen sie den zweifelhaften Mundschutz ab und gönnen sich eine Zigarettenpause. Vieles wirkt unbeteiligt und im Nebenbei aufgenommen: Zusammengetragene Grasnaben vor einem Wohnblock in Pribyat, Arbeiter, die in der Kantine auf einem Holzschemel ruhen oder sich vor dem zerfetzten Reaktor postieren, als ließe sich der größte atomare Unfall wenigstens in den Rahmen eines privaten Erinnerungsfotos bannen.

Manche von ihnen ließen sich auf einen riskanten Tausch ein: 40 Sekunden Dekontaminierung in der schwelenden Ruine gegen zwei Jahre Militärdienst. Eine Arbeit mit Langzeitfolgen, deren Bewertung noch heute, 20 Jahre nach dem Unglück, umstritten ist: Mit 4.000 Sterbefällen, die mit dem Unglück in gesichertem Zusammenhang stehen, rechnen Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) und Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Ärzteorganisation IPPNW und die Gesellschaft für Strahlenschutz kommen zu anderen Befunden: Bereits jetzt bringen sie den Tod von mindestens 50.000 ehemaligen Liquidatoren in ursächlichen Zusammenhang mit dem Atomunfall.


Was im Mai 1986 mit einer Fotodokumentation begann, wurde für Veklenko zum Ausgangspunkt eines Lebensprojektes: Vier Jahre nach dem Unglück gründete er die Internationale Triennale für ökologisches Plakat "4er Block", die nunmehr in ihr 15. Jahr geht und bereits mehr als 4.500 Entwürfe von Grafikern, Zeichnern und Designern versammelt. Eine Auswahl dieser Arbeiten sind nun zusammen mit Veklenkos Aufnahmen aus dem Jahre 1986 im Berliner Kunsthaus Tacheles zu sehen. Gezeigt werden nicht nur die prämierten Plakate, sondern auch aktuelle Entwürfe von Studenten der Kunsthochschulen Charkow und Berlin-Weißensee. Nicht jede Plakatidee steht in unmittelbarem Zusammenhang zum größten Unfall der Kernkraftnutzung überhaupt. Für alle Entwürfe aber wird jene Nacht im April 1986 zum Eichmaß dafür, wie Energie künftig verantwortungsvoll zu nutzen ist. Denn entgegen einer weit verbreiteten Ansicht ist mit Tschernobyl keineswegs ein technischer Machbarkeitsglaube in seinen Grundfesten erschüttert worden. Das zeigt nicht zuletzt eine Energiepolitik, die erneut auf die Kernkraft setzen will und die Risiken des technischen Fortschritts mit dessen eigenen Mitteln minimieren zu können glaubt.

Allen, die in Zeiten verknappter fossiler Energieressourcen mit der vermeintlich sicheren Kernkraft liebäugeln, sei geraten, sich jenen unbekannten Liquidatoren anzuschauen, der sich vor dem havarierten Reaktor auf ein vorzeitliches Arbeitsinstrument stützt. Unter dem Bild findet sich eine bedenkenswerte Notiz: "Die zuverlässigste Maschine in einer Zone höchster Radioaktivität ist der Mensch mit dem Spaten."


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00:00 21.04.2006

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