„Bei mir ist Trotz“

Haltung Zwei Wohnungslose aus Frankfurt am Main diskutieren: Wählen gehen? Was soll das denn bringen? Karl wählt aus Prinzip, Thomas überlegt noch
„Bei mir ist Trotz“
„Uns wirft man alle vier Jahre einen Stimmzettel hin, damit wir das Gefühl haben, mitzubestimmen“

Illustration: der Freitag

Wahlunterlagen bekommt der Bundesbürger normalerweise per Post geschickt – sofern er eine Meldeadresse hat. Aber dürfen Obdachlose zur Urne gehen? Und wollen sie das überhaupt? Unser Autor Timo Reuter hat sich umgehört.

der Freitag: Sie haben als Obdachlose auf der Straße gelebt. Wie kam es dazu?

Karl: Ich hätte das nie für möglich gehalten. Früher habe ich im Außendienst gut verdient, alles war geregelt bis zur Rente. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wurde mir plötzlich gekündigt. Das hat sich angefühlt, als ob man einem General die Sterne wegreißt. Zunächst lebte ich von Ersparnissen. Um noch was übrig zu haben zum Leben, stoppte ich später alle Zahlungen, auch die Miete. Es hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis ich merkte: Jetzt ist das Chaos perfekt.

Thomas: Bei mir war es ähnlich, ich habe 16 Jahre im Vertrieb einer großen Druckerei Karriere gemacht. Aber dann war die Firma zahlungsunfähig, ich machte mich selbstständig – doch das ging schief. Klar, mit eigenen Fehlern, aber es war auch Pech dabei. So haben sich viele Schulden angehäuft. Dazu kam die Trennung von meiner Frau. Später bekam ich Hartz IV, weil ich als Untermieter aber keinen Mietvertrag hatte, wurden keine Mietkosten übernommen.

Gehen da nicht die Alarmglocken an und man probiert alles?

Karl: Es ist ja ein schleichender Prozess. Mein Briefkasten wurde immer voller. Man weiß eigentlich, das sind keine Liebesbriefe.

Thomas: Du wirst Weltmeister im Verdrängen.

Hilft beim Verdrängen auch der Alkohol?

Karl: Kurzfristig schon.

Thomas: Ich hatte dazu meist nicht das Geld. Und wenn ich mal was getrunken habe, hat das für einen kurzen Moment durchaus was Positives verursacht. Danach ist es aber meist noch schlimmer.

Thomas, 51 , stammt ursprünglich aus Schwaben. Seit knapp zwei Jahren wohnt er jetzt in einem Wohnwagen in Frankfurt. Dort lebt er als „Wohnungsloser“, so lautet die offizielle Bezeichnung

Karl, 50, kommt „aus vielen Städten“. Bis er gekündigt wurde, hat er im „Außendienst gut verdient“. Derzeit lebt er in Frankfurt in einem Übergangswohnheim für wohnungslose Männer

Und Ihre Familie oder Freunde, konnten die nicht helfen?

Karl: Doch, aber nicht ständig. Bei mir kam die Scham hinzu, immer wieder um Hilfe zu bitten. Viele Kontakte sind abgebrochen.

Thomas: In so einer Situation merkt man erst, wer wirklich ein Freund ist. Außerdem bettle ich ungern.

Was ist mit Wohnheimen oder der Bahnhofsmission? Die Kommunen sind verpflichtet, Obdachlose unterzubringen.

Karl: Man muss erst mal wissen, wo man Hilfe bekommt, wenn man sich vorher nie damit befasst hat. Ich musste mit den Jobcentern streiten, wurde hin und her geschickt. Es war absurd, nachdem ich wohnungslos war, brauchte ich eine Bescheinigung, dass ich nicht gemeldet bin. Dann wollten die zahlreiche Unterlagen, aber als Obdachloser hast du fast nichts mehr. Es dauerte viele Wochen, bis ich Unterstützung bekam.

Thomas: Ich habe das auch erlebt, keiner weiß, wer für dich zuständig ist. Einmal wurde ich auf der Straße beklaut und wollte zwei Wochen vor Monatsende einen Vorschuss beantragen, um mir Essen zu kaufen – das wurde in einer sehr arroganten Weise abgelehnt. Das alles zermürbt einen.

Sie haben also erst mal auf der Straße gelebt. Wo findet man da einen Platz zum Schlafen?

Karl: Das kommt aufs Wetter an. Als meine Kündigung kam, bin ich zu einer Freundin gezogen, aber das ging nur vier Wochen gut. Es war Sommer, da habe ich mich in den Park gelegt. Später habe ich oft unter Brücken geschlafen. Meist mit anderen, die ich nicht kannte. So war ich nicht alleine. Dann wieder in Wohnheimen für Obdachlose. Als ich noch etwas Geld hatte, auch mal im Hotel.

Thomas: An meine erste Nacht auf der Straße erinnere ich mich nicht mehr, aber zum Glück war es im Mai und nicht so kalt. Ich hatte mir bald einen Platz im Park gesucht, auf einem Spielplatz in einer Hängematte. Ich fand vor allem die Viecher eklig, die auf mir herumkrabbelten, wenn ich auf dem Boden lag.

Wie haben Passanten reagiert?

Thomas: Morgens um fünf Uhr kamen die Jogger, manche haben mich angesprochen, eine Frau hat mir Brötchen hingelegt. Es gab auch mal dumme Bemerkungen oder abfällige Blicke. Viele ignorieren Obdachlose einfach.

Karl: Ich habe mir nur Schlafplätze gesucht, wo mich niemand sah. Tagsüber konnte ich meine Sachen im Keller einer Freundin lassen.

Thomas: Ich habe sie im Gebüsch versteckt.

Aus Scham, als Obdachloser erkannt zu werden?

Thomas: Ich wollte das nicht herumtragen. Scham spielt eine Rolle, vor allem am Anfang. Da sah ich Pfandflaschen neben Mülleimern, aber ich wollte nicht der Penner sein, also bin ich weitergelaufen. Kurze Zeit später waren die Flaschen immer weg. Irgendwann dachte ich: Das passiert mir nicht noch mal. Es ist paradox: Früher hätte ich eine Pfanddose problemlos aufgehoben, als Obdachloser fühlt man sich beobachtet.

Karl: Man findet Tricks, um so eine Flasche schnell zu schnappen. Dann hat man nichts mehr zum Rauchen und sammelt Zigarettenstummel. Man wird mit der Zeit selbstbewusster.

Wahlberechtigung

Wahlberechtigte ohne festen Wohnsitz sind nicht im Wählerverzeichnis vermerkt. Sie mussten sich bis 21 Tage vor der Wahl persönlich registrieren (oder über einen Sammelantrag von Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe). Weil es keine offizielle Statistik gibt, lässt sich die Anzahl wohnsitzloser Wähler nicht ermitteln, man schätzt, dass es in Deutschland rund 335.000 Wohnungslose gibt. Nur ein kleiner Teil von ihnen dürfte sich zur Wahl angemeldet haben.

Was war das Schlimmste am Leben auf der Straße?

Thomas: Zum Glück habe ich nie Gewalt erlebt. Aber schlimm war, dass man sich nie zurückziehen oder ausruhen kann.

Karl: Ja, und der Regen und die Kälte. Als Obdachloser setzt man sich nicht den ganzen Tag hin, man braucht was zu essen und so. Da hat man viel Stress.

Wie sind Sie da rausgekommen?

Karl: Mir war schnell klar, ich brauche eine Postadresse ...

Thomas: ... ohne Adresse gibt es keinen Job, ohne Arbeit kriegt man keine Wohnung, kein Bankkonto. Also habe ich mich bei der Caritas gemeldet und kam auf eine Warteliste. Vor knapp zwei Jahren bekam ich einen Wohnwagen, da lebe ich nun, als Wohnungsloser, aber mit einem Dach über dem Kopf.

Karl: Man muss selbst seinen Arsch bewegen. Ich bin froh, jetzt in einem Wohnheim der Diakonie zu leben. Die Leute, die lange auf der Straße leben, bleiben da eher kleben. Sie sind nicht dumm, aber oft kaputt. Und sie werden leider von der Politik vergessen.

Ist es deshalb umso wichtiger, dass am Sonntag bei der Bundestagswahl auch Wohnungs- und Obdachlose wählen?

Thomas: Das ist in der Politik wie in der Pharmaindustrie, es lohnt sich nur da zu forschen, wo es viele Kranke gibt. Wer eine seltene Krankheit hat, hat Pech gehabt.

Karl: Da bin ich anderer Meinung. Der Abstieg kann jeden treffen, ich würde meiner eigenen Zukunft schaden, wenn ich nicht aktiv an der Demokratie teilnehme. Ich stimme dir aber zu, dass Wohnungslosigkeit viel zu wenig Thema in der Politik ist.

Thomas: In der Stadtpolitik ist es manchmal Thema – wenn gefragt wird: Wie bekommen wir die Obdachlosen hier weg?

Offizielle Zahlen gibt es kaum, aber es ist davon auszugehen, dass Wohnungslose, so wie von Armut Betroffene, selten wählen. Führt das nicht dazu, dass sie noch weniger Gehör finden in der Politik?

Karl: Klar. Ich bin unter Wohnungslosen vermutlich die Ausnahme: Ich gehe auf jeden Fall wählen. Für mich ist das die SPD, die hat eine lange Geschichte und viel zum Sozialstaat beigetragen.

Thomas: Ich komme aus einem sozialdemokratischen Elternhaus, früher habe ich automatisch SPD gewählt – bis mir auffiel, dass vor den Wahlen so viel versprochen wird, was nicht gehalten wird. Dann habe ich Grüne gewählt, weil mir der Erhalt des Planeten wichtig ist. Bis vor drei Jahren habe ich immer gewählt. Seit ich meine Wohnung verloren habe, tue ich das nicht mehr.

Warum?

Thomas: Weil ich mich sortieren muss und weil der Gedanke reift, dass Politiker nur Darsteller sind, aber die Fäden woanders gesponnen werden. Uns wirft man alle vier Jahre einen Stimmzettel hin, damit wir das Gefühl haben, mitzubestimmen.

Karl: Wenn du auf die Agenda von Schröder anspielst, das war ein Fehler. Aber andere Parteien wollen den Armen doch noch mehr wegnehmen.

Thomas: Ich spiele auf nichts an. Ich finde es prinzipiell richtig, wenn man wählen geht. Auf der Welt gibt es viele Menschen, die dafür vergeblich kämpfen ...

Karl: ... also gehst du auch wählen!

Thomas: Wenn die AfD zu stark werden sollte, würde ich das tun.

Karl: Willst du es so weit kommen lassen?

Thomas: Nein. Aber bei mir ist auch noch Trotz dabei. Wenn du vom Staat die ganze Zeit hörst, keiner ist für dich zuständig – da bin ich eben jetzt auch mal nicht zuständig.

Apropos AfD: Rechte Parteien versuchen, Konkurrenz zu schüren – Obdachlose gegen Geflüchtete, Hartz-IV-Empfänger gegen EU-Migranten ...

Thomas: In der Vergangenheit hieß es, für die Armen sei kein Geld da. Plötzlich flüchten viele Menschen hierher und es werden massenhaft Unterkünfte gebaut, auf den Ämtern gibt es eigene Anlaufstellen. Manche Leute, die schon lange auf Hilfe warten, fühlen sich nun eben verstoßen. Das macht es leichter für die Rechten. Klar, Konkurrenz schadet allen, weil das Gegeneinander befördert wird statt das Miteinander.

Und wie lässt sich dem entgegenwirken?

Karl: Indem man Armen insgesamt mehr hilft.

Thomas: Obdachlose sind Teil der Gesellschaft. Und es ist zum Teil auch unsere Gesellschaft, die die Leute dahin gebracht hat. Klar, dazu haben die meisten auch selbst beigetragen.

Karl: Schuldzuweisungen bringen aber nichts. Und es ist auch der Wohnungsmarkt, der es so schwierig macht, günstige Wohnungen zu finden.

Was haben Sie aus dem heutigen Gespräch mitgenommen?

Thomas: Dass ich wieder wählen gehe. (Beide lachen.)

Karl: Ich bin froh, dass ich dich überzeugen konnte ...

Thomas: ... du hast es auch nicht schwer gehabt ...

Karl: ... wie, ich habe es nicht schwer gehabt? (Wieder lachen beide.)

Thomas: ... ich meine, mich zu überzeugen. Ich bin ja kein überzeugter Nichtwähler.

06:00 23.09.2017

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