Bitte recht friedlich

Korea Keine Fotos und nichts anfassen. Beim Grenztourismus in der entmilitarisierten Zone zwischen den beiden verfeindeten Staaten kommt es vor allem auf eines an: Gehorchen

Wenn Sergeant Juarez auf die nordkoreanische Seite zeigt, verschwindet sein professionelles Lächeln augenblicklich und die dunkle Sonnenbrille lässt nur erahnen, welche der Videokameras er fokussiert. Seit drei Monaten ist der US-Soldat an der innerkoreanischen Grenze stationiert. Soweit sei alles ruhig gewesen, sagt Juarez. „Da will man keine Zwischenfälle provozieren, wenn Touristen den nordkoreanischen Soldaten winken oder zu offensiv über die blauen UNO-Baracken hinweg lachen.“ Die UNO-Baracken markieren in der Joint Security Area von Panmunjom den Ort, an dem seit über 50 Jahren die Einhaltung des Waffenstillstands zwischen den beiden Koreas kontrolliert wird. Wie viele Fotos der Norden von der südlichen Seite täglich macht, weiß niemand so genau. „Bitte nicht lächeln“, scherzt Juarez.

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Kyun-Gyi Park kann gar nicht genug lächeln. Man müsse dem Gegner die Zähne zeigen, sagt sie und korrigiert den Pegel ihres kleinen Megaphons nach oben. Heute sitzen fast 30 Touristen in ihrem Bus, überwiegend Japaner und Chinesen. Aber bitte keine Fotos während der Fahrt, sagt sie, „nicht erlaubt!“ Seit zehn Jahren führt Kyun-Gyi Park Touristengruppen durch die demilitarisierte Zone. Dieser vier Kilometer breite Streifen wurde nach dem Koreakrieg mit dem 1953 in Panmunjom unterzeichneten Waffenstillstand zur neuen Grenze.

Die DMZ, wie sie abgekürzt wird, schlängelt sich von der Westküste am Gelben Meer zur Ostküste am Japanischen Meer. Wenn Frau Park fünf Mal die Woche das Gebiet ansteuert – samstags und sonntags ist die DMZ für Touristen geschlossen – beginnt sie am liebsten mit dem Bahnhof „Dorasan Station“. In der menschenleeren Eingangshalle des Bahnhofsgebäudes könnte theoretisch der Betrieb von heute auf morgen aufgenommen werden und Züge Richtung Pjöngjang abfahren.

Als vor einigen Wochen das nordkoreanische Staatsfernsehen jubelte, Nordkorea habe erfolgreich einen Satelliten ins All geschossen, verfolgte Sergeant Juarez die Eilmeldungen im südkoreanischen Fernsehen. Auch wenn er kein Koreanisch spricht, so meint er, war die Panik greifbar. Die japanische Regierung hatte angekündigt, die Rakete abzufangen, sollte der Flugkörper wie 1998 über japanisches Territorium fliegen. Doch während am Tag des Starts von allen Seiten widersprüchliche Informationen über den Verbleib der Rakete gemeldet wurden, sei es an der Grenze eigentlich ein ruhiger Tag gewesen, sagt Juarez.

Waffe immer entsichert

Laut US-Militär ist die Rakete ins Meer gestürzt, die nordkoreanische Nachrichtenagentur KCNA verkündete hingegen, der Satellit strahle Loblieder über Kim Jong-Il aus. Natürlich sei auch seine Waffe im Dienst stets entsichert und alle Fahrzeuge im Stützpunkt immer voll betankt, sagt Juarez. Dass die US-Soldaten in Minuten einsatzbereit sind und nachts in voller Ausrüstung schlafen, sei ja nichts besonderes. Juarez war vor seiner Stationierung in Korea sechs Monate im Irak: „Im Vergleich zu Bagdad ist Panmunjom ein cooler Urlaub.“

Frau Park hat die vergangenen Wochen nicht so gut geschlafen, sagt sie. Sie habe einen jüngeren Bruder bei der Marine. Aber die Touristen sollten sich keine Sorgen machen. Schließlich liege der letzte schwere Zwischenfall an der Grenze mehr als zehn Jahre zurück. Insbesondere mit der „Sonnenscheinpolitik“ im Jahre 2000 habe sich das Verhältnis entspannt. Erste Familienzusammenführungen fanden statt und das Foto vom Präsidentenhandschlag zwischen Kim Jong-II und Kim Dae Jung ging um die Welt. Dennoch wagen jedes Jahr mehr als 1.000 Nordkoreaner, über die Grenze in die Freiheit zu fliehen, sagt Frau Park: insgesamt mehr als 30.000 bisher.

In Zweierreihen zur Grenze

Aber die Bedrohung durch den Norden bleibe real und wie zum Beweis fährt die Touristengruppe zur zweiten Station des Tages, dem so genannten „3rd Invasion Tunnel“. Dieser zwei Meter breite Tunnel wurde 1978 von südkoreanischen Soldaten entdeckt und ist einer von vier Tunneln, die Nordkorea Richtung Süden gebaut hat. Inzwischen fährt eine kleine Monorail die Touristen mit blauen Helmen in die Tiefe, wo man sich die drei Betonmauern anschauen kann, mit denen Südkorea den Weg blockiert. Obgleich Nordkorea versicherte, es handele sich nur um eine Kohlemine, verweist Frau Park auf die Richtung Süden zeigenden Dynamitlöcher und die schwarze Farbe an den Granitwänden. Kohlenstaub sieht anders aus. Der Ausgang liege nur 44 Kilometer von Seoul entfernt und hätte bis zu 30.000 Soldaten pro Stunde an den Grenzposten vorbeigeführt.

Heute besuchen im Jahr 300.000 Touristen den Tunnel. In der Reisegruppe heute sind überwiegend Japaner im Rentenalter, außerdem Chinesen und US-Amerikaner. Ob China beim Bau der nordkoreanischen Tunnel geholfen habe, möchte eine ältere chinesische Touristin in Nike-Jacke wissen. Wo genau die Amerikaner gegen die japanische Besatzung in Korea gekämpft haben, fragt höflich ein Japaner und zeigt auf ein dickes Buch, das er bei sich trägt.

Wenn Frau Park und Sergeant Juarez sich bei der letzten Etappe der Tour in Panmunjom treffen und der Soldat die Reisegruppe übernimmt, salutiert er mit einer lässig-ironischen Geste vor der stramm stehenden Reiseleiterin Park. Am Rande des Basiscamps Bonifas werden die Touristen mit UN-Ausweisen ausgestattet, bevor es ins Zentrum der Joint Security Area geht. In Zweierreihen führt Juarez die Gruppen zu den blauen UNO-Baracken, durch die genau in der Mitte die Demarkationslinie führt. In der Baracke selbst dürfen die Touristen einmal um den Verhandlungstisch und damit einmal nach Nordkorea laufen. Das obligatorische Foto vor den versteinert schauenden südkoreanischen Soldaten kommentiert Juarez: „Nicht berühren, alle Südkoreaner haben hier den schwarzen Gürtel in mindestens einer Kampfsportart“. Das sei ihnen wichtiger als sicher schießen zu können. Die Reisegruppe freut sich über die Motive und viele nehmen die ganze Tour den Finger nicht vom Auslöser. In Sachen Kameraausrüstung stehen die chinesischen Touristen den japanischen um nichts nach.

Seit Nordkorea ebenfalls Zivilisten in kleiner Zahl an die Grenze führt, bleibt die blaue Baracke an manchen Tagen für den Süden gesperrt. Dann erzählt der Norden seine Version von der großen Mauer, die der Süden angeblich gebaut habe, sagt Frau Park. Falls hier offizielle Treffen abgehalten werden, bleibt Panmunjom für Reisegruppen ebenfalls gesperrt. Dafür hätten aber nicht alle Touristen Verständnis.

Wenn Juarez später von einer kleinen Erhöhung auf die „Brücke ohne Wiederkehr“ zeigt, an der seit 1953 Gefangene ausgetauscht werden, sieht man in der Ferne die riesige Fahne von Kijong-dong wehen, das die Südkoreaner schlicht „Propaganda Village“ nennen. Kijong-dong liegt direkt gegenüber des südkoreanischen Dorfs Taesung-dong, das wiederum offiziell „Freedom Village“ heißt und in dem 500 südkoreanische Bauern unter Militärschutz Ginseng und Reis anbauen. Als Taesung-dong 1981 einen fast 100 Meter hohen Fahnenmast bekam, baute man im Norden einen noch höheren Mast, der eine Flagge von fast 300 Kilo trägt. Bis Anfang der 90er Jahre stand die Stadt faktisch leer, erzählt Frau Park, und meterhohe Lautsprecher verkündeten die Weisheiten Kim Jongs-IIs bei Tag und Nacht gen Süden. Im Zuge der Friedensgespräche sind die Lautsprecher inzwischen abmontiert und knapp 40.000 Arbeiter sollen in Kijong-dong wohnen.

Als die Touristen wieder im Bus sitzen, erinnert Frau Park daran, dass die nächsten Toiletten erst wieder im Hotel erreichbar sind. So lange könnten alle ein Schläfchen machen, schlägt sie vor. Der Bus hat Panmunjom noch nicht verlassen, da ist sie selbst schon eingenickt. Das Schild des Camps wird langsam kleiner: „In front of them all“ steht darauf.



Die entmilitarisierte Zone

Die 4.000 Meter breite Demilitarised Zone (DMZ) ist eine der am schärfsten bewachten Gegenden der Welt. Im Faltblatt eines Reiseveranstalters werden zwei Millionen Minen geschätzt, die Straßenränder sind begrenzt von roten Warndreiecken. Diese schlafende Sprengkraft hat zur Folge, dass sich die DMZ neben den ausgewiesenen Trampelpfaden zu einem einzigartigen Naturreservat entwickelt hat. Vom Aussterben bedrohte Tiere haben im Minenfeld einen Schutzraum gefunden.

Wer eine Tour ins DMZ buchen möchte, geht am besten in Seoul ins Lotte Hotel. Im 6. Stock befinden sich ein Dutzend Reisebüros, von denen mehrere Touren ins Grenzgebiet anbieten. Die Standard-Tour dauert circa zehn Stunden und umfasst die Stationen des 3rd Invasion Tunnel und der Joint Security Area von Panmunjom. Je nach Tourumfang werden noch der Dorasan Bahnhof, das Dora Observatorium und der Grenzzaun angefahren. Kosten: 120.000 koreanische Won, circa 70 Euro. Mittagessen inklusive. Pass und angemessene Kleidung sind erforderlich: keine Flip-Flops, kein Military Style. Die hier beschriebene Tour findet man unter www.tourdmz.com

Sebastian Brünger

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09:48 13.05.2009

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