Blessur

Diskussion in Hannover Sozialstaat und Antisemitismus

Wie und warum es zu Auschwitz kommen konnte, wird anlässlich des 60. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz im Jahr 2005 bereits jetzt wieder vermehrt diskutiert. Aus diesem Grund lud die Online-Zeitschrift Sozialistische Positionen in Kooperation mit der PDS Hannover renommierte Wissenschaftler und Politiker zu einer Tagung mit dem Titel "Die offene Wunde Auschwitz" nach Hannover. Marcus Hawel, Mitherausgeber der sopos, stellte in seiner Einleitung fest, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Auschwitz möglich machten, noch nicht überwunden seien: "Es sind nicht die offenen Fragen, sondern das Fortexistieren der gesellschaftlichen Voraussetzungen, die die Vergangenheit am Leben halten."

Die Versuche, für Deutschland eine "Normalität" zu beanspruchen, stehen einer entsprechenden Aufarbeitung der Vergangenheit entgegen und sind geradezu gefährlich angesichts des Risikos eines wieder aufkeimenden Antisemitismus - darüber waren sich alle Referenten einig. Der gegenwärtige Sozialabbau mobilisiert Ängste in der Gesellschaft und kann auch zu einer nicht steuerbaren Entsolidarisierung führen. Vor eben dieser Gefahr warnten insbesondere der hannoversche Sozialpsychologe Rolf Pohl und der Soziologe Wolfram Stender: "Angst sollte uns die soziale Angst machen, die sich in gesellschaftlichen Krisen verbreitet." Aus dieser Angst können über den Mechanismus der Projektion "kollektive Psychosen wie Antisemitismus entstehen", erläuterte Pohl. Das Erstarken der rechtsradikalen Parteien kann hier als aktuelles Beispiel gesehen werden. Stender arbeitete ergänzend die objektiven gesellschaftlichen Strukturen heraus, die das Fundament moderner Gesellschaften für rassistische und antisemitische Denkweisen bilden.

Für die arabische Welt führte der Sozialpsychologe Alfred Krovoza aus, dass es dort keinen genuinen Antisemitismus gebe, obwohl ein islamischer Antisemitismus alle Formen zeige, die den europäischen kennzeichnen. Dieses, so Krovoza, lege den Schluss nahe, dass es sich um ein europäisches "Exportprodukt" handle, welches zur Zeit auch nach Europa reimportiert werde. Eine übertriebene Schwarzmalerei der gesellschaftlichen Zustände nütze indes "nur den Gegnern", ergänzte der Direktor des Tel Aviver Instituts für Deutsche Geschichte, Moshe Zuckermann, und wies darauf hin, dass die physische Gefahr für Juden nirgendwo anders größer sei als in Israel.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurden vor allem der Zusammenhang von Sozialabbau und Antisemitismus sowie möglichen Gegenstrategien diskutiert. Die Bundestagsabgeordnete der PDS, Petra Pau, repräsentierte in der Runde den Draht zur konkreten Politik. Neben ganz pragmatischen Initiativen, wie der Forderung nach einem umfassenden Antidiskriminierungsgesetz, stimmten die Gespächsteilnehmer darin überein, dass kritische Wissenschaft und sozialistische Tagespolitik dringend in den Dialog treten müssen. So endete die Tagung in Hannover mit zwei sich nicht unbedingt widersprechenden Statements: "Reformismus - na klar" (Joachim Perels) und Moshe Zuckermann: "Die Alternative zum Kapitalismus heißt Sozialismus".

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00:00 15.10.2004

Ausgabe 38/2020

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