Blindflug

Die Brüder Muamar und Unteroffizier Gilad Shalit Wenn das Unterscheidungsvermögen des Westens stark gefordert ist

Schon ein nur beiläufiger Blick in die westlichen Medien zeigt, die von Israel besetzten Palästinenser-Gebiete wurden während des Libanon-Krieges noch stärker als zuvor ausgeblendet. Die Zerstörung des Gaza-Streifens geriet ebenso in den Hintergrund wie die weitere Übernahme der Westbank. Über den offiziellen Anlass der Eskalation berichtete die Weltpresse ähnlich einseitig. Es lohnt sich, daran zu erinnern: Am 25. Juni wurde der israelische Unteroffizier Gilad Shalit gefangen genommen, was weltweit für heftige Entrüstung sorgte. Folgerichtig wurden die sich anschließenden Attacken der Israelis damit begründet - die "Entführung" dieses Soldaten stelle ein schweres Verbrechen dar, hieß es.

Einen Tag zuvor allerdings, am 24. Juni, hatten die israelischen Streitkräfte zwei Zivilisten, Osama und Mustafa Muamar, aus Gaza-Stadt entführt und damit ein wesentlich schwereres Verbrechen begangen. Dieses Kidnapping der Muamars muss der Weltpresse bekannt gewesen sein, es wurde darüber umgehend in den englischsprachigen Medien Israels berichtet, basierend auf Mitteilungen der Armee (IDF). Zudem fanden sich verstreute Berichte in einigen US-Blättern. Bezeichnenderweise gab es nirgendwo einen Kommentar, keine weitere Berichterstattung und erst recht keinen Aufruf zu militärischen Attacken gegen Israel.

Eine Google-Suche genügt, um zu erfassen, wie man im Westen mit der Entführung der beiden Palästinenser am 24. Juni und der Gefangennahme des Israelis am Tag darauf umging. Gerade weil beide Ereignisse nur 24 Stunden auseinander lagen, wurde um so klarer: Die zur Schau gestellte Empörung über die Entführung von Shalit war nichts weiter als zynischer Schwindel. Denn die geltenden Standards besagen: Die Entführung von Zivilisten ist nicht zu beanstanden, solange sie von "unserer Seite" ausgeht - wird auf "unserer Seite" hingegen ein Soldat gefangen genommen, haben wir es mit verachtenswertem Frevel der "anderen Seite" zu tun, der nach kollektiver Bestrafung ruft.

Gideon Levy, Chefredakteur der israelischen Zeitung Ha´aretz, kommentiert: Die Entführung von Zivilisten am Tag vor der Gefangennahme des Unteroffiziers Shalit nahm den Operationen der Armee jede "legitime Grundlage". Deshalb zogen es die etablierten Medien wohl auch vor, die Fakten zu meiden. Schließlich behauptet die Armee, bei den entführten Palästinensern handele es sich um "Hamas-Militante" oder potenzielle Verbrecher.

Tatsächlich steht gerade für Israel mit der Rechtfertigung seines militärischen Handelns einiges auf dem Spiel. Zwar haben die US-gestützten arabischen Herrscher die Hisbollah zunächst verurteilt, bald darauf dieses Verdikt aber relativiert - aus Angst vor ihren eigenen Bevölkerungen. Selbst König Abdullah von Saudi-Arabien, Washingtons loyalster Verbündeter, sah sich genötigt zu sagen: "Sollte eine friedliche Lösung durch israelische Arroganz scheitern, bleibt nur noch eine kriegerische. Niemand kann voraussagen, welchen Widerhall dies in der Region hat, und ob es nicht Kriege und Konflikte gibt, die niemanden verschonen werden, auch jene nicht, die sich von ihrer Stärke bisher dazu verführt fühlten, mit dem Feuer zu spielen."

Ein führender libanesischer Hisbollah-Forscher, zugleich ein scharfer Kritiker der "Partei Gottes", warnt: In der Zedernrepublik werde "der Teufel los sein", könnte es doch infolge des von den USA unterstützten israelischen Feldzugs dazu kommen, dass "die schiitische Gemeinschaft einen brodelnden Groll auf Israel hegt, auf die USA und auf ihre eigene Regierung, die sie als Verräter ansieht."

Die USA werden dem nicht viel entgegen setzen können, denn die bemerkenswerte Inkompetenz von Bushs Planern hat - auch nach deren eigenen Maßstäben - zu einer Katastrophe im Irak geführt. Die US-Administration sieht sich möglicherweise einem Albtraum gegenüber: einer lockeren schiitischen Allianz, die unabhängig von Washington die weltgrößten Energievorräte kontrolliert und schlimmstenfalls engere Bindungen zur Shanghai-Gruppe aufbaut, der Russland, China, Kasachstan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan angehören sowie Pakistan, Indien und Iran als Beobachter nahe stehen.


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00:00 25.08.2006

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