Blitze im grünlichen Licht über Kabul

Intervention Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 greifen die USA aus einem Gefühl der Rache vor zehn Jahren Afghanis­tan an und beenden die Herrschaft der Taliban

Der Sonntag war ein prächtiger Herbsttag in New York, so sonnig und der Himmel so blau und klar wie an diesem schrecklichen Dienstag dreieinhalb Wochen zuvor, als die beiden entführten Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Center rasten und fast 3.000 Menschen in einen entsetzlichen Tod rissen. An der Einfahrt zum Holland-Tunnel, der zweieinhalb Kilometer langen Autobahn unter dem Hudson von New Jersey nach Manhattan, staut sich gegen Mittag alles. Polizisten öffnen Kofferräume, schauen mit Spiegeln unter die PKW. Im Autoradio kommen Nachrichten: Aus der afghanischen Hauptstadt Kabul würden Bombeneinschläge gemeldet.

Es ist der 7. Oktober 2001. Bei CNN gibt es spätnachmittags die ersten Kriegsszenen aus Kabul. Dort ist es Nacht, die Bilder sind in ein grünliches Licht getaucht. Blitze und Explosionen meint man zu sehen, der erregte Kommentator spricht von Flugabwehrfeuer, von Cruise Missiles und Stealth Bombern, die von den Flugzeugträgern USS Carl Vinson und USS Enterprise starten. George W. Bush hält eine Ansprache im Weißen Haus. „Auf meinen Befehl haben die Streitkräfte der Vereinigten Staaten ihre Angriffe auf al-Qaidas terroristische Trainingslager und auf militärische Einrichtungen des Taliban-Regimes in Afghanistan begonnen.“ „Sorgfältige und zielgerichtete Schläge“ sollten die militärischen Kapazitäten des Taliban-Regimes zerstören und die Infrastruktur des Terror in Afghanistan lähmen.

90 Prozent sind dafür

Bush zitiert aus dem Brief einer Viertklässlerin, den er erhalten habe. Ihr Vater diene in der Armee: „Und so sehr ich nicht will, dass mein Papa kämpft“, habe das Mädchen geschrieben, „bin ich doch bereit, ihn Ihnen zu geben.“ General Richard Myers, als Chef der Vereinigten Stabschef oberster Militär, unterrichtet die Nation: Es liefen neben sichtbaren Militäraktionen am 7. Oktober „viele andere Operationen, die nicht sichtbar“ seien. Die Abendnachrichten präsentieren ein neues Video von Osama bin Laden; der Al-Qaida-Führer vor einem grauen Felsen in Tarnfarben und mit dicker Armbanduhr, er erhebt den Zeigefinger und droht: Amerika und die Amerikaner würden niemals Frieden und Sicherheit finden, „so lange wir keine Sicherheit empfinden in unserem Land und in Palästina“.

Pentagon-Planer haben den Angriff Operation Enduring Freedom (Operation dauerhafte Freiheit) getauft. Amerika schlägt zurück!, lautet die Schlagzeile. Die Welt ist in den Wochen nach 9/11 in der Warteschleife. Der US-Kongress autorisiert den Einsatz aller notwendigen Mittel gegen „Nationen, Organisationen und Personen, von denen die Anschläge geplant, autorisiert, durchgeführt oder begünstigt wurden“. Der Präsident schwört seine Landsleute und die Welt auf einen langen Krieg ein. „Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit al-Qaida, hört aber damit nicht auf“, sagte Bush am 20. September.

Offen blieb nach dem 11. September eigentlich nur, wan n die militärische Logistik „in place“ sein würde für den Angriff. Präsident Bush setzt der afghanischen Regierung eine Frist, bin Laden auszuliefern. Die NATO ruft den Bündnisfall aus, Kanzler Schröder (SPD) verkündet die „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USA, der Bundestag beschließt die „Bereitstellung eigener militärischer Fähigkeiten“ – Russland öffnet seinen Luftraum für die Angriffsvorbereitungen. Präsident Putin habe am Telefon betont, „das Gute wird über das Böse triumphieren. Wir stehen zusammen“, schreibt Bush in seinen 2010 veröffentlichten Memoiren.

In New York City ist für den 7. Oktober eine Kundgebung angekündigt gegen den heraufziehenden Krieg. Ein paar Tausend versammeln sich am Union Square, singen Peace, Salaam, Schalom. Es klingt irgendwie hilflos. Die Feuer in Ground Zero schwelen noch. Doch die Passanten auf den Gehsteigen sind nicht unfreundlich. Trauer und Entsetzen, Mitgefühl, Fassungslosigkeit und Patriotismus prägen im September 2001 das gesellschaftliche Klima eher als der Schrei nach Rache. Das wird sich schnell ändern, jetzt, da der Krieg begonnen hat – Umfragen nach dem Angriff auf Afghanistan zeigen, dass die Kriegsgegner kaum mehr Rückhalt finden. 90 Prozent der Amerikaner befürworteten die Invasion, fünf Prozent seien dagegen, ermittelt das Gallup-Institut.

Der Krieg am Hindukusch scheint zunächst Warnungen zu widerlegen, Afghanistan sei ein Friedhof für Soldaten imperialer Mächte. Schon vor dem 7. Oktober unterhalten CIA-Teams Kontakte mit Einheiten der regierungsfeindlichen Nordallianz. Die nimmt Anfang November das nördliche Mazar-i-Scharif ein, dann Herat; Mitte November fällt Kabul. Auch mit Hilfe von Special Forces und Eliteeinheiten der US- und britischen Streitkräfte. Aus militärischer Sicht führen die Amerikaner bis auf weiteres einen Krieg ohne eigene Opfer. George Bush schreibt in seinen Erinnerungen, er habe erst am 29. November 2001 den ersten Kondolenzbrief wegen eines Gefallenen unterzeichnet, an Shannon Spann, die Witwe des in Mazar-i-Scharif umgekommenen CIA-Beamten Mike Spann. Bis zum Ende seiner Amtszeit seien es dann freilich fast 5.000 derartiger Schreiben gewesen.

Kritik ist Landesverrat

Die US-Regierung legt bei all den Erfolgen zu Beginn des Einmarsches in Afghanistan Wert auf die Feststellung, man führe keinen Krieg gegen das afghanische Volk, auch nicht gegen den Islam, nur gegen die repressiven Taliban und al-Qaida. Schon in der ersten Bombennacht habe die Luftwaffe 35.000 Lebensmittelpakete für die Not leidende Bevölkerung abgeworfen, unter anderem mit Reis, Erdnussbutter und Keksen. Parallel dazu warnen Amnesty International und Human Rights Watch vor zahlreichen zivilen Opfern durch den Bombenkrieg. Doch Berichte über Tote aus der Zivilbevölkerung seien umstritten gewesen, vermerkt später die Washington Post. CNN-Chef Walter Isaacson habe Order gegeben: Wenn die Taliban Killer-Terroristen beherbergen, sei es doch „pervers“, sich bei der Berichterstattung auf Tote oder das Leiden in Afghanistan zu konzentrieren. Der amerikanische Politologe Norman Birnbaum vermerkt im November 2001, das politische Leben in den USA habe nach 9/11 einen „Scheintod erlitten“. Fragen nach Alternativen galten als obsolet. Man folgte dem Prinzip: „Kritik am Präsidenten ist subversiv, ja sogar Landesverrat“.

Ende 2001 handelt die Petersberger Konferenz bei Bonn eine afghanische Interimsregierung unter Hamid Karzai aus. Und am 30. Januar 2002 bezeichnet George W. Bush den Irak, Iran und Nordkorea als „Achse des Bösen“. Die nächsten Ziele des Anti-Terror-Krieges sind genannt.

Konrad Ege ist seit 1990 US-Korrespondent des Freitag

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

12:35 07.10.2011

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!