Bombardieren ist einfacher

Irak Bei der Schlacht um Mossul nimmt die Anti-IS-Allianz auf Zivilisten wenig Rücksicht. Ein Augenzeugenbericht

Als ich vor zwei Jahren zusammen mit meinem Sohn den Islamischen Staat besuchte, besaßen wir eine Sicherheitsgarantie des „Kalifen“, wie sich der selbsternannte Führer des IS nannte. Diesmal schützt uns in Mossul nichts Vergleichbares. Entsprechend metallhaltig war der Empfang. Je näher wir den Stellungen des IS kamen, desto heftiger wurden die Angriffe. Immer wieder hörten wir das Einschlagen von Granaten, das Rattern von Maschinengewehren. Die irakischen Spezialkräfte, die uns begleiteten, sind diesen Höllenlärm gewöhnt.

Mitten in der umkämpften Stadt treffen wir an einem durch Humvees und Panzer gesicherten Gebäude US-Soldaten in irakischen Uniformen und schiitische Militärs ohne Hoheitszeichen. Ein irakischer Offizier – oder war es ein Amerikaner in irakischer Uniform – sagte mir lachend: „Hier gibt es Dinge, die gibt es. Und Dinge, die gibt es nicht, auch wenn Sie sie noch so genau beschreiben. Krieg ist ein Schattenreich.“ Auf einer trotzdem sonnigen Dachterrasse sitzen US-Offiziere an ihren Computern. Sie koordinieren mithilfe von Luftaufnahmen die Bombenangriffe der Anti-IS-Allianz und legen die Ziele fest. Eines davon dürfte für die US-geführte Koalition die Eroberung des Gebietes um die Al-Nuri-Moschee sein. In diesem Gotteshaus hatte der „Kalif“ einst seine einzige öffentliche Rede gehalten. Dieses IS-Symbol will die Koalition möglichst bald erobern. Mit der üblichen Strategie?

Goldene Division

Werden US-Bomber wieder ganze Straßenzüge plattmachen und vor allem Zivilisten töten? Und erst dann Spezialeinheiten schicken, die den Rest erledigen? Oder wird die US-Führung irgendwann anfangen, so wie es das Völkerrecht verlangt, die Zivilbevölkerung zu schonen und gleich auf Sonderkommandos setzen? Mein Optimismus hält sich in engen Grenzen. In jedem Fall werden die Gefechte heftiger und schwieriger. In den engen Straßen und Gassen Westmossuls kennen sich die IS-Kämpfer aus. Die Hälfte stammt von hier.

Am härtesten trifft die Brutalisierung des Krieges die Zivilbevölkerung. Was haben diese Menschen, mehrheitlich Sunniten, in den vergangenen Jahrzehnten alles erdulden müssen! Über zehn Jahre lang die mörderischen Sanktionen des Westens, dann im März 2003 George W. Bushs Lügenkrieg, danach die schroffe konfessionelle Diskriminierung durch die weitgehend schiitische Regierung des Premiers Nuri al-Maliki, dann den mittelalterlichen IS-Terrorismus und nun die „Befreiungs-Bomben“ der US-geführten Koalition. Wie aus Augenzeugenberichten hervorgeht, starben bei der im Oktober begonnenen Schlacht um Mossul bereits 10.000 Zivilisten, dazu kommen etwa 2.000 getötete Kombattanten des IS. Die abweichenden Zahlen der US-Regierung halten die Menschen für Propaganda.

Es gab Alternativen zu diesen Bombenkriegen. Vor zwei Jahren schlugen Führer der sunnitischen Opposition des Irak dem Weißen Haus vor, es ihnen zu überlassen, den „sunnitischen IS“ auszuschalten. Militärisch und ideologisch. Relativ schnell sogar. Einzige Bedingung: Sie wollten im politischen Leben ihres Landes die gleichen Rechte wie die schiitische Mehrheit. Das Weiße Haus fand das zu mühsam. Bombardieren war einfacher.

Wir sprechen Abdel Ghani al-Assadi, den Chef der Anti-Terror-Einheiten der irakischen Armee. Gut gelaunt erklärt der jovial auftretende Generalmajor die Strategie seiner Goldenen Division. Er sei zuversichtlich, dass der IS in Mossul bald geschlagen werde. Obwohl die Terroristen professionell ausgebildet und gut finanziert seien. Von Mächten, die jeder kenne. Mit dem Islam hätten die allerdings nichts zu tun. Mit einem Humvee der Goldenen Division geht es weiter. Soldaten bringen uns in die oberste Etage eines ausgebombten Hochhauses. Durch Mauerschlitze haben zwei Scharfschützen IS-Stellungen ins Visier genommen. Einer im Liegen, einer im Sitzen. Regungslos warten sie auf den richtigen Moment. Sie wissen, er wird kommen. Durch die Schießscharte sehen wir, vieleicht einen Kilometer entfernt, das schiefe Minarett der Al-Nuri-Moschee. Hier wie anderswo erinnern die Verwüstungen in West-Mossul an das zerstörte Ost-Aleppo, das wir vor wenigen Wochen besucht hatten. Wie kommt es, dass Aleppo täglich die Schlagzeilen beherrscht hat, über Mossul aber viel weniger berichtet wird? Als wir die Front im Viertel Al-Jadida erreichen, suchen Helfer gerade nach den verschütteten Opfern eines US-Angriffs, bei dem über 200 Zivilisten getötet wurden. Obwohl Bilder des Massakers nach draußen gelangen, hält sich der Aufschrei im Westen in Grenzen. Es waren ja nicht Russen, die Bomben abwarfen.

Keine Gnade

Am nächsten Tag sind wir im befreiten Ost-Mossul. Vom Westen der Stadt hallt der übliche Schlachtenlärm herüber. Auch in dieser Gegend sehen wir unzählige Zerstörungen, wenn auch weniger als im westlichen Teil Mossuls. Doch alle Gebäude, die wir hier bei unserer IS-Recherche vor zwei Jahren besucht hatten, sind zerstört – das Gerichtsgebäude, die Polizeistation, aber nicht nur diese Bauten allein. Im Keller des total zerschmetterten zentralen Krankenhauses verwesen die Leichen zweier IS-Kämpfer. Streunende Hunde umkreisen sie. Zwischen den herausgeschleuderten Trümmern vor dem Hospital suchen zwei Kinder nach irgendetwas. Vielleicht nach Dingen, die sie verkaufen können, um ihre Familien zu ernähren.

In einer Nebenstraße, in der fast ein Dutzend Polizei- und Militärfahrzeuge warten, sehen wir, wie drei IS-Verdächtige gefesselt und mit verbundenen Augen aus einem Haus gezerrt und in ein Auto gestoßen werden. Mein Sohn filmt den Vorgang, bis ihm Polizeikräfte die Batterie seiner Kamera entreißen. Ich kann ein paar Minuten mit den jungen Gefangenen sprechen, die in Todesangst in ihren Sitzen zusammengesunken sind. Sie sagen, sie seien unschuldig. Möglicherweise sind sie es auch. Sie werden es vielleicht nicht mehr lange behaupten können. Dieser Krieg kennt keine Gnade.

Neun weitere angebliche IS-Kämpfer und Kollaborateure werden gefesselt und mit verbundenen Augen auf die Straße geführt. Darunter zwei ältere Männer. Auch ihre Augen sind mit einer Binde bedeckt. Eine verschleierte alte Frau weint: „Warum nehmt ihr mir meinen Mann, meine Kinder?“ Ein Polizist prügelt mit seinem Metallstock auf die Gefangenen ein. Plötzlich entlädt sich die angestaute Spannung der Sicherheitskräfte uns gegenüber. Ein wildes Stoßen, Zerren, Brüllen beginnt. Ein Offizier wirft sich dazwischen. Grölend ziehen die Sicherheitskräfte mit ihren Gefangenen ab.

Etwa 2.000 IS-Kämpfer soll es in West-Mossul noch geben. Bekämpft werden sie von einer 68-Staaten-Koalition und über 100.000 Mann. Natürlich wird dieser Rest Mossul nicht halten können. Viele werden sterben, was sie angeblich ja immer wollten. Es wird auch solche geben, die entkommen und sich vorerst retten können. Bei der Rückeroberung von Tikrit, Baidschi, Falludscha und Ramadi war es nicht anders. Mit Geld geht fast alles. Der IS wird im Irak und in Syrien seinen „Staat“ verlieren, als Terrororganisation jedoch weiterleben.

Aus den vielen tausend entkommenen Terroristen und unzähligen jungen Irakern, die sich ihnen jetzt anschließen, weil sie alles verloren haben, wird eine neue Generation von Terroristen entstehen. Nicht minder gefährlich als der Islamische Staat. Als „Schläfer“ werden sie in den Vorstädten und in schwer zugänglichen Wüstenregionen auf andere Zeiten warten. Wie 2007, als sie in der irakischen Provinz Al-Anbar schon einmal angeblich vernichtend geschlagen wurden. Allein in Ost-Mossul soll es bereits über 500 Schläfer geben. Der 2001 begonnene „Anti-Terror-Krieg“ des Westens hat immer wieder nur neue Terroristen gezüchtet.

Auch in der mutmaßlich letzten Phase der Schlacht um Mossul bleibt die Brutalität des IS grenzenlos. Es kommt während unseres Aufenthaltes im „befreiten“ Ost-Mossul zu einem seiner hinterhältigen Bombenanschläge. Man beklagt über zehn Tote und mehr als 20 Verletzte, ausnahmslos Zivilisten. Wir besuchen die Verletzten im Krankenhaus. Der Vater eines kleinen Mädchens mit schweren Kopfverletzungen weint verzweifelt. Wir nehmen ihn in die Arme. Wie können sich diese Mörder „Gotteskrieger“ nennen? Auf der Intensivstation wälzt sich ein kleiner Junge im Todeskampf. Getroffen von einer der Bomben eines US-Jets – beim „Verteidigen der Werte der westlichen Zivilisation“.

Deutschland ist bei diesem barbarischen Krieg mit dabei. Kaum ein deutscher Politiker schämt sich der Dummheit und Unmenschlichkeit der Bombardements. Man kann die Vereinigten Staaten offenbar bei der Zerstörung der muslimischen Welt nicht alleinlassen. Verlogener Krieg, verlogener Terrorismus!

06:00 11.04.2017

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