Brand, Bläschen oder Stich

Alltag Eine kulturhistorischer Streifzug durch Luft-, Licht- und Sonnenbäder

Jahrhunderte lang war sie das Attribut der herrschenden Oberschicht: die vornehme Blässe, die makellos weiße Haut bereits ein Anflug von Bräune widersprach dem Savoir-vivre, denn man setzte sich damit der arbeitenden Unterschicht gleich. Die Damen des Fin de Siècle verhüllten sich mit hochgeschlossenen Blusen, knöchellangen Röcken und breitkrempigen Hüten. Der Sonnenschirm war ihr ständiger Begleiter. Bei Gesichtsbräune, Sommersprossen oder Sonnenbrand griff Madame in den Kosmetiktiegel. Neben Salben, Cremes, Seifen und Bleichmitteln kam auch das fragwürdige Emaillierverfahren zur Anwendung: Eine porzellanartige Maske ließ weder Lachen noch Weinen zu.
Eine Trendwende setzte ein, als der Schweizer Naturheiler Arnold Rikli die erste Sonnenbadeanstalt 1855 in Veldes eröffnete. Mit seinem Konzept der neuzeitlichen Sonnenlichttherapie knüpfte er direkt an die antike Heliotherapie an, die Menschen mit chronischen Atemwegserkrankungen kurierte. Insbesondere Laien brachten dem Schweizer viel Sympathie entgegen. Viele Menschen zogen aus grauer Städte Mauern hinaus in Wald und Flur. Anhänger der neu entstandenen Luftbadebewegung strichen ihre Haut nicht mehr mit bleichender Lilienmilch ein, sondern hielten sich an den Spruch des Sonnendoktors Rikli: "Wasser tut´s freilich, höher steht die Luft, am höchsten das Licht!" Während die gebräunte Haut nicht nur als gesund sondern auch als schön gepriesen wurde, fielen kritische Worte gegenüber den Demoiselles. Die Luft- und Sonnenbad-Anhänger fühlten sich der neuen bürgerlichen Lebensreformbewegung eng verbunden.
Nach anfänglicher Skepsis in den Reihen der Ärzteschaft setzte um die Jahrhundertwende ein Umdenken in Richtung Sonnentherapie ein. So verkündete der zeitgenössische Gesundheitsratgeber: "Was lockt der Sonnenstrahl nicht alles aus dem Erdboden hervor, was für herrliche Blüten und Früchte lässt er reifen, wie zaubert er Gesundheit, Frohsinn und Schönheit auf das Antlitz des Menschen. Und diese Leben spendenden Strahlen wollt ihr durch dichte Kleider, Hüte, Sonnenschirme, durch dunkle Fenstervorhänge von Euch abhalten?" Vielerorts dienten Licht- und Sonnenbäder sowohl dem Dolcefarniente als auch als medizinisches Kurverfahren. Zur Wahrung der Anstandsregeln wurden blickdichte Zäune aufgestellt, hinter denen moralinsaure Vorschriften für eine strikte Geschlechtertrennung und eine strenge Kleiderordnung sorgten. Die Ärzteschaft verordnete die Sonnentherapie bei Erkrankung von Lunge, Nieren, Herz, Haut, Nerven und weiblicher Hysterie. Ein minuziöser Wechsel von direkter Sonnenbestrahlung, dem Einwickeln in Wolldecken und einer Wasserabkühlung wurde vorgeschrieben. Maßstab für den Erfolg war der Bräunungsgrad des Patienten. Die gesellschaftlichen Konsequenzen blieben nicht aus.
Manchen Lebensreformer reichte es nicht Fräulein Helen nur baden zu sehen. In Nacktkulturzirkeln fielen alle textilen Hüllen. Ein solcher Tabubruch konnte anfangs nur in Geheimlogen stattfinden. Denn bereits das kranke Kind des Malers Karl Wilhelm Diefenbach, das er zur Sonnentherapie nackt in eine Hängematte legte, erhitzte die Gemüter. Die Konsequenzen einer solchen Aktion bekam er direkt zu spüren. Die Jugendstilakte seines Schülers Höppener, besser bekannt als Fidus, verdankten ihren hohen Bekanntheitsgrad beim breiten Publikum auch durch ihre Verwendbarkeit als Pornographie.
Der Slogan "Zurück zur Natur" warb für ein neues Körperideal und -gefühl. Die körperliche Befreiung ging mit der Schaffung eines Regelwerkes einher. Der Befreiungsakt selbst erinnerte oft an klösterliche Exerzitien. Eine bewusste Ent-Erotisierung des Nackten diente der Beruhigung aufgeregter Moralapostel.
Als Motor für ein sich änderndes Körperideal erwies sich auch der Frauensport. Starre Kleidungskonventionen wurde gebrochen. Die Befreiung des weiblichen Körpers von Korsagen und unzähligen Unterröcken begann in der Zwischenkriegszeit. Zentimeterweise rutschte der Rocksaum höher und räumte den Frauen immer mehr sportliche und gesellschaftliche Bewegungsfreiheit ein. Bräune sollte die zur Schau gestellten Beine schmücken: "Die Haut, die einem längeren Training ausgesetzt war, ist glatt und geschmeidig, schön gebräunt und glatt, wie Samt, der Stolz jeder echten Sportlerin", lautete ein Ratschlag für die moderne Frau dieser Tage.
"Der Vorhang fiel und ein neues Spiel begann. Das Frauenkleid und das Frauenhaar wurden wieder lang." Mit diesen Worten charakterisierte der Wiener Couturier Eduard Wimmer-Wisgrill die modische und politische Zäsur 1933. Auf dem Weg zur Macht krempelte der aufstrebende Nationalsozialismus die Rollenbilder, Schönheitsideale und die Mode um. Fortan wurde der "Volkskörper" für Arbeitswelt und Krieg gestählt und veredelt. "Kraft durch Freude" (KdF) diente diesem Zweck. Die braunen Machthaber empfanden unsittliche Badebekleidung und Freikörperkultur als moralisch zersetzend. Der "Zwickelerlass" sollte dem freizügigen Treiben ein Ende bereiteten. Als der bevorstehende Weltkrieg nach gestählten männlichen Körpern und verbesserter Zuchtwahl verlangte, änderte der NS-Staat sein Konzept. Der 1938 gegründete "Bund für Leibeszucht" räumte der Nacktkörperkultur Freiraum ein. Der aus der völkisch-rassistischen Nacktkultur kommende Hans Surén verkörperte das Ideal des deutschen Siegfrieds. Umgeben von Jünglingen posierte er auf unzähligen Photographien mit seinem athletischen, braungebrannten, enthaarten, eingeölten und nackten Körper. In seinem vielgelesenen Ratgeber verkündete er: "Der braune Leib - gleich einer Statue von Bronze - bannt das Auge zu reiner Bewunderung und begeistert zu dem Entschluss, alles dran zu setzen, um gleiche Schönheit zu erringen. Darum muss künftig jeder das Recht haben, die Erfolge jahrelanger, willenstarker gepflegter Körperkultur nackt zeigen zu dürfen."
In der Nachkriegszeit dienten natürliche Sonnenbestrahlung und die künstliche Höhensonne anderen Zwecken. Kriegsbedingte Unterernährung, Rachitis und ein schwaches Immunsystem sollten geheilt werden. Tagesausflüge, Wanderungen und Urlaube in benachbarte Regionen wurden deshalb gerne mit ausgiebigen Sonnenbädern verbunden.
Das Wirtschaftswunder ermöglichte den eigenen Kleinwagen und damit mehrwöchige Ferien in den Bergen oder am Meeresstrand. Auf Liegestuhl, Luftmatratze und Handtuch liegend rekelte sich Otto Normalverbraucher in Bibione und Caorle wohlig in der Sonne. Stundenlange Sonnenbäder führten trotz Creme und Öl bei vielen Bleichgesichtern zu Sonnenbrand, Sonnenbläschen und sogar zum Sonnenstich. Diese Gesundheitsrisiken wurden in Kauf genommen, um das Statussymbol eines glücklichen Urlaubs zu erreichen. Kritisch äußerte sich der Soziologe Theodor Adorno: "Prototyp ist das Verhalten jener, die in der Sonne sich braun braten lassen, nur um der braunen Hautfarbe willen, und obwohl der Zustand des Dösens in der prallen Sonne keineswegs lustvoll ist, möglicherweise physisch unangenehm, gewiss die Menschen gesellig inaktiv macht ... Der Gedanke, dass ein Mädchen, dank seiner braunen Haut, erotisch besonders attraktiv sei, ist wahrscheinlich nur noch eine Rationalisierung. Bräune ist zum Selbstzweck geworden, wichtiger als der Flirt, zu dem sie vielleicht einmal verlocken sollte."
War das bisschen Urlaub und Konsum wirklich alles im Leben? Die rebellische 68er Generation verneinte diese Frage und begann an gesellschaftspolitischen Strukturen und sittenstrengen Normengerüsten zu rütteln. Das damit verbundene neue Lebensgefühl brachte eine neue Mode hervor, die unkonventionell, schrill und respektlos war. Zum Leidwesen der Älteren ließen sich die jungen Männer lange Zotteln wachsen, während junge Frauen mit ultrakurzen Miniröcken, transparenten Blusen und einer Oben-ohne-Bademode provozierten. Sich oben-ohne zu sonnen entsprach dem Zeitgeist. Die Topless-Bewegung erhitzte über 20 Jahre lang nicht nur die Gemüter der Gendarmen von Saint-Tropez. Der neue Körperkult beflügelte auch die Hersteller von Sonnenschutzmitteln bei der Ausweitung ihrer Produktpalette. Die Werbung suggerierte, dass nur mit wasserfesten Sonnenölen, Sonnenmilch mit UV-Filter, après Sun eine anhaltende "bräunende Tiefenwirkung" zu erzielen sei.
Eine gänzlich andere Möglichkeit bot die künstliche Höhensonne, die 1904 als Quecksilberdampflampe erfunden wurde und sich als Behandlungsmethode bei Tuberkulose, Gicht, Ohrenleiden und Wundheilung bewährt hatte. Später wurde sie wegen der UV-A-Strahlen in der Schönheitspflege eingesetzt. In den fünfziger Jahren begann die Massenproduktion der "elektrischen Sonne", die es laut Schönheitsratgeber "Millionen Frauen ermöglicht, für ein paar Mark im Monat auch dann Höhensonne zu genießen, wenn es nicht für eine Urlaubsreise nach St. Moritz, Davos, Zürs oder Kitzbühel langt." Allerdings bräunten die Tischgeräte nur Gesicht und Dekolleté. Die Sonnenschutzbrille führte zu "Eulenaugen". Erst die innovative Entwicklung von Sonnenbänken und Solarien Anfang der siebziger Jahre erfüllte den Wunsch nach nahtloser Bräune, den bereits die Oben-ohne-Bewegung ausgelöst hatte. Mittlerweile sind die Sonnenstudio-Ketten bis in die tiefste Provinz vorgedrungen, um nach Bräune hungernde Kunden mit High-Tech-Geräten ultraviolett zu bestrahlen. Der ungebrochene Boom ist auf die Schönheitsformel zurückzuführen: gebräunte Haut = gesunde Ausstrahlung = körperliche Gesundheit. Die gesundheitsfördernde Wirkung natürlicher Sonnestrahlung wird inzwischen durch die Zerstörung der Ozonschicht durch FCKW-Emissionen in Frage gestellt. Kritische Töne schlägt der Naturphilosoph Gernot Böhme an: "Das ausbeuterische und in vieler Hinsicht zerstörerische Verhalten des gesellschaftlich organisierten Menschen gegenüber der Natur schlägt auf den Menschen selbst zurück." Die Südhalbkugel ist von der rapiden Vergrößerung des Ozonlochs besonders betroffen. In Australien erkrankt bereits jeder Dritte im Laufe seines Lebens an Hautkrebs, wobei es sich häufig um kleine Melanome handelt, die sich entfernen lassen. Jahrelange forcierte Aufklärungsarbeit hat ein gesellschaftliches Problembewusstsein geschaffen und das Verhalten der Bevölkerung nachhaltig verändert. Mittlerweile ist in Neuseeland und Australien das Sonnenbaden mit einem negativen Image besetzt, mindert eine gebräunte Haut den sozialen Status.
Auch in unseren Breiten geschieht das Sonnenbaden immer kontrollierter und reflektierter. Aus Angst vor frühzeitiger Hautalterung, Langzeit-Hautschäden bis hin zum Hautkrebs wird der Aufenthalt in der prallen Mittagssonne vielfach gemieden beziehungsweise ein schattiges Plätzchen vorgezogen. Sonnenschutzmittel mit zweistelligen Lichtschutzfaktoren, Pflegeprodukte wie Gesichtscreme oder Lippenstifte mit UV-Filter haben Hochkonjunktur. Der sich abzeichnende Imagewandel in der kulturellen Praxis des Sonnenbadens favorisiert die sanfte Hautbräunung. "In Maßen genossen braucht niemand auf die angenehmen Seiten des Sonnenbadens verzichten", resümiert die Kulturwissenschaftlerin Simone Tavenrath, "auf das wohlige Gefühl der Wärme auf der Haut, Entspannung und Glücksgefühl, das Spüren des eigenen Körpers, wie es nur wenige Situationen ermöglichen, nicht zuletzt aber auch die Vorteile, die sich aus der kommunikativen Funktion der gebräunten Haut ergeben. Sowohl für die Selbstwahrnehmung, für das Gefühl, schön zu sein und Gesundheit, Fitness und Jugendlichkeit auszustrahlen!"

00:00 24.05.2002

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