Brennend heißer Wüstensand

Textgalerie George Forestier Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße ...

    George Forestier
    Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße

Ich schreibe mein Herz
in den Staub der Straße
vom Ural bis zur Sierra Nevada
von Yokohama zum Kilimandscharo
eine Harfe aus Telegraphendrähten.

Ich sage Gobi und ich sage Sahara
ich sage Eismeer und sage Hawai.
Katarakte der Sehnsucht,
die nie verstummen.
Schweflige Blüte trockener Kakteen.

Turbine und Dynamo,
Motor der Schenkel.
Ich lege die Hand
in die Spur meiner Füße.

Die Erde - zu klein
für ein wanderndes Herz.
Der Himmel - zu hoch
für ein grübelndes Hirn.

Ich schreibe mein Herz
in den Staub der Straße.
Ich lege die Hand
in die Spur meiner Füße.

Wer erinnert sich noch an George Forestier? 1952, also vor genau fünfzig Jahren, erschien unter diesem Namen im renommierten Eugen Diederichs-Verlag ein schmaler Gedichtband, der damals sogleich Begeisterung auslöste und Auflagenrekorde erzielte. Leicht verweht, wie von sterbender Hand mit großen Krakellettern in den Sand geritzt, war auf dem Umschlag der Titel zu lesen: Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße, offenbar eine letzte Botschaft, und darüber war eine schwarze Sonne erkennbar.

Herausgegeben hatte das Bändchen ein gewisser Karl Friedrich Leucht, der im Nachwort die traurige Lebensgeschichte des George Forestier bezeugte: Als Sohn eines Franzosen und einer Deutschen 1921 im Elsaß geboren, habe sich der so Zerrissene freiwillig an die Ostfront gemeldet, habe Krieg und Gefangenschaft überlebt und sich 1948 der Fremdenlegion angeschlossen, die ihn nach Indochina abkommandierte. Dort, irgendwo im Dschungel, habe sich im Herbst 1951 seine Spur verloren. Seine letzten Verse, so der Herausgeber, "finden sich zwischen Gedichtblättern Gottfried Benns in einer kleinen schmutzigen Kladde", die er in der Garnison zurückgelassen habe.

Während die Literaturkritik den "Fund" distanzlos bejubelte, erkannte sich die Nachkriegsjugend im Bild des einsamen Legionärs ein Stück weit wieder und sah in Forestier, dem "Waldgänger", so etwas wie einen zweiten Wolfgang Borchert. Führende Organe wie die Akzente druckten seine Gedichte. 1954 erschien überraschend ein zweiter Band mit angeblich allerletzten Forestier-Texten unter dem etwas zu flotten Titel Stark wie der Tod ist die Nacht ist die Liebe. Ein Jahr später flog die Legende auf, und es stellte sich heraus, dass der Autor ein durchaus lebendiger Diederichs-Verlagsdirektor und Werbeberater namens Karl Emerich Krämer war. Er hatte an seinem Schreibtisch nicht nur die Gedichte montiert, sondern auch die für den Erfolg letztlich entscheidende Vita des Heimatlosen und Verschollenen erfunden.

Die machthabende Literaturkritik ließ "George Forestier" erbarmungslos fallen. Dieser Schwindler, ja Frevler hatte es gewagt, die vorgeblichen Kenner zu täuschen, er hatte sie sogar dazu verlockt, seine höchst mittelmäßige Lyrik als "begnadet" zu präsentieren. Er war erledigt, aus der Geschichte gestrichen, niemand sprach mehr von ihm, obwohl sein Erfinder, Karl Emerich Krämer, auch nach seiner Enttarnung weiter Gedichte sowie kulturhistorische Bücher über den Niederrhein veröffentlichte, die freilich über eine regionale Resonanz nicht mehr hinauskamen.

Ich habe als Gymnasiast den Absturz Forestiers aus der Ferne mitverfolgt und lange die Hoffnung gehegt, es könnte mir eines Tages gelingen, ihn als Dichter zu "retten". Das ist leider unmöglich. Denn Krämer war ein zwar geschäftiger, gerissen kalkulierender, aber nicht besonders talentierter, unpoetischer, halbgebildeter Schreiber, der mit schiefen Metaphern hantierte und aus Motiven wie Einsamkeit, große weite Welt, käufliche Liebe und Alkohol ein trübes Gebräu anrührte, das weniger an den bewunderten späten Benn als an Freddy Quinns etwa gleichzeitig entstandene Erfolgsschlager wie Brennend heißer Wüstensand erinnert. Zigarettenaugen glühen. / Grelle Pfiffe. Junge Brüste / warten auf die Hand des Fremden.

Das vorgestellte Titelgedicht ist, scheint mir, Forestiers bestes, obwohl ihm auch hier die Genitiv-Metaphern missraten ("Katarakte der Sehnsucht, / die nie verstummen") und das Resümee in der vierten Strophe äußerst platt gerät. Diesem Gedicht vor allem, das aus Klischees effektvoll zusammengebaut ist, aus Gefühligkeit und Fernweh, Melancholie und schroffer Abkehr, verdankte "Forestier" seinen Erfolg bei einer Jugend ohne Perspektive, die dem Aufbruch ins Wirtschaftswunderland noch nicht recht traute.

George Forestier (Pseudonym für Karl Emerich Krämer) wurde 1918 in Düsseldorf geboren und starb dort 1987. Das vorgestellte Gedicht eröffnet den Band Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße, Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf und Köln 1952

00:00 13.12.2002

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