Buddelkiste

Berliner Abende Vor ein paar Tagen habe ich meine Wohnung aufgeräumt. Dabei habe ich in Schubladen, Schachteln und Schränke geschaut, in die ich sonst keinen Blick ...

Vor ein paar Tagen habe ich meine Wohnung aufgeräumt. Dabei habe ich in Schubladen, Schachteln und Schränke geschaut, in die ich sonst keinen Blick werfe, und ein paar Dinge gefunden, die ich seit mehreren Jahren nicht mehr in der Hand hatte, die mir aber einmal sehr viel bedeutet haben: Meine 24-bändige Lucky-Luke-Sammlung, die ich als Zehnjähriger sogar mit ins Zeltlager genommen habe. Ein Paar zerfetzte Vans, mit denen ich meinen ersten und einzigen 360-Grad-Flip gestanden habe. Bei diesem Trick dreht sich das Skateboard gleichzeitig horizontal und vertikal um 360 Grad und mit bloßem Auge kann man eigentlich nicht erkennen, was da genau geschieht, aber dieses eine Mal bin ich wieder mit beiden Füßen auf dem Brett gelandet. Ich habe den Tag und die Uhrzeit mit Kugelschreiber von innen auf die Schuhlasche geschrieben: Montag, 8. April 2002, 17:34 Uhr. Ein Tagebuch, das meine damalige Freundin Natascha in den Sommerferien für mich geschrieben hat: 7. Juli 1990 bis 17. August 1990. Jeden Tag ein Eintrag. Ich war damals in Amerika, und sie war mit ihren Eltern auf Norderney. Als ich aus Amerika zurückkam, hat sie mir das Tagebuch geschenkt und gesagt: "Ich habe jeden Tag an dich gedacht." Es gab noch eine Reihe anderer Sachen, die mich alle an irgendetwas Angenehmes erinnerten. Konzerteintrittskarten, Streichholzpäckchen aus Peru, ein Jojo, fünf blaugrün gesprenkelte Murmeln, ein dicker Stapel doppelter Panini-Bilder. Lauter kleine Dinge.

Ich wollte die Sachen nicht einfach wegschmeißen, aber ich wollte sie auch nicht länger in meiner Wohnung aufbewahren, weil meine Wohnung aus allen Nähten platzt. Ich beschloss, die Sachen in eine Kiste zu packen, mit Plastiktüten und reichlich Klebeband zu umwickeln und an einem Ort zu vergraben, wo sie niemanden stören und ich sie irgendwann wieder ausgraben konnte.

Ich ging also um ein Uhr morgens mit der Kiste und einer kleinen Gartenschaufel in den Volkspark Friedrichshain und suchte mir ein abgelegenes Plätzchen. Es war gar nicht so einfach ein vernünftiges Loch in den Boden zu bekommen. Es war eine richtige Plackerei. Der Boden war ziemlich hart und trocken.

"Was machen Sie da?"

Ich drehte mich überrascht um. Vor mir stand ein Herr um die siebzig. Er hatte eine Leine in der Hand und an der Leine war ein Dackel. Er sah mich neugierig an. Angst schien er keine zu haben.

"Ein Loch graben", sagte ich.

"Warum?"

"Um diese Kiste da hineinzulegen."

"Was ist denn in der Kiste drin?"

"Teile meines Lebens", sagte ich.

"Und die wollen Sie jetzt verbuddeln?"

Ich nickte.

"Hm", sagte er und kratzte sich an der Stirn. "Sind es schlimme Dinge?"

"Nein, gar nicht", sagte ich. "Es sind Erinnerungen, ziemlich gute sogar."

"Hier gibt es ja bereits eine Menge Erinnerungen", sagte er. "Allerdings nicht gerade gute." Er zeigte in die Dunkelheit, wo man nichts sehen konnte, aber ich wusste, dass er die beiden Trümmerberge meinte.

Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht und einen langen Augenblick war es still zwischen uns.

"Ich finde es schön, dass Sie hier einen Schatz mit guten Erinnerungen vergraben wollen", sagte er schließlich.

Ich war froh, dass er das sagte, denn ich war mir plötzlich nicht mehr sicher, ob das wirklich in Ordnung war, was ich hier machte.

Er zwinkerte mir zu. "Ich werde auch keinem etwas davon verraten."

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare