Bush ist kein Cowboy

Mythos Wildwest Mountain-Men und Trapper stehen für eine Sozialgeschichte, die mit dem derzeitigen US-Präsidenten absolut nichts zu tun hat

Seit dem Anschlag auf das World Trade Center war häufig von einer Zivilisation die Rede, die gegen die Barbarei stehe, und von George W. Bush als besonnenem Staatsmann, der nicht wie ein "wildgewordener Cowboy" um sich schieße.

Unbehagen fühlte ich während einer Demonstration gegen den Afghanistankrieg, auf der Plakate die Amerikaner und die Deutschen für so ziemlich alle Gräuel der Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts verantwortlich machten - dies auch unter einem Bild von George W. Bush als Cowboy mit rauchenden Colts in der Hand und Otto Schily als Sheriff - eine Bildhaftigkeit, die historische Wirklichkeit in einem reaktionären Sinn verschleiert. Denn der platte Antiamerikanismus wählt einen Vergleich, der auf einem Cowboy-Bild basiert, welches die Mythologie des Marlboro-Men zum Vorbild hat, aber eben nicht die geschichtliche Realität.

Reaktionäre Legenden und Sozialromantik

Es gibt in den USA eine positive demokratische Tradition. Das Projekt USA - wenn auch nicht die sozialgeschichtliche Wirklichkeit - steht nicht nur für Kapitalismus, sondern auch für Demokratie. Es existiert eine kritische Öffentlichkeit, die eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich als Verrat an den Werten der USA begreift. Die Multimillionäre des 19. Jahrhunderts rechtfertigten ihren Reichtum mit der Ideologie eines ökonomischen Darwinismus, nach dem sie diesen durch Tüchtigkeit erworben hätten, Arme dagegen untüchtig seien und wie Indianer oder Schwarze am besten ausgerottet gehörten. Ideologische Basis dieses pervertierten Liberalismus war die calvinistische Lehre vom Gottesstaat. Es gab und gibt in den USA aber starke Traditionen, die diesen, sich selbst als moral majority bezeichnenden kapitalistischen Sektenführern entgegenstehen.

George W. Bush kommt aus der reaktionärsten Tradition der texanischen Großgrundbesitzer, die das freie Land der südlichen Plains mit Stacheldraht einzäunten, die Ureinwohner in Reservate pferchten, per Lynchjustiz kleine Farmer von ihrem Land jagten und "Viehdiebe" an die Bäume hängten. Diese Schattenseite des pursuit of happiness deutet auf die Heterogenität einer demokratischen Tradition, in der Stars and Stripes auch anders definiert wurden. Hier gilt es, die mit dem Wilden Westen verbundenen Mythen in die Wirklichkeit zurückzuholen.

In der Genese der Gesellschaft des amerikanischen Mittelwestens polarisierten sich im 19. Jahrhundert für Europäer schwer nachvollziehbare Mythen heraus, die kennzeichnend für eine antistaatliche Rechte und eine antistaatliche Linke wurden. Beide - das macht es kompliziert - sind auf das engste mit dem Mythos der frontier-men verknüpft, einer Überschreitung der Grenze nach Westen. Beide Mythen - die der Rechten und die der Linken - bezeichnen aber soziale Gruppen, deren Interessen sich in der damaligen Wirklichkeit konfrontativ gegenüberstanden. Wie jeder Mythos basiert auch der vom frontier auf einem wahren Kern - der freien Assoziation und dem Ausbruch aus der calvinistischen Enge durch zwei Berufsgruppen, denen es wie keiner sonst gegeben war, die Vorstellung des Wilden Westens zu prägen. Wenige sahen sich je mit mehr Klischees besetzt als diese beiden. Sie bildeten den Stoff für reaktionäre Legenden einerseits und für Sozialromantik andererseits - die Mountain-Men und Cowboys. Erstere hatten die Grenze der Oststaaten als Pioniere überschritten und lernten, in der Wildnis zu überleben. Sie lebten als Trapper und Jäger und im Austausch mit den lokalen indianischen Kulturen. Kern des um sie wuchernden Mythos war ihre Selbstverantwortung fernab staatlicher Autorität. Die Mountain-Men lebten dort, wohin noch kein Weißer seinen Fuß gesetzt hatte, und waren Menschen, die nicht geflohen waren, sondern aus freier Entscheidung die Grenze überschritten hatten. Die Attraktivität dieser Klientel erwuchs aus der selbst gebildeten synkretistischen Kultur. Es gibt leider wenige schriftliche Überlieferungen der Selbstdefinition und des Lebensgefühls. Trappergeschichten, wie sie Jack London verfasste, waren Geschichten über das Trapperleben, keine aus dem Trapperleben. Die Blütezeit der Mountain-Men dauerte ungefähr von 1810 bis 1840. Mit dem Vordringen der "Zivilisation" ging ihre einzigartige Kultur unter.

Die Cowboys ihrerseits trieben die halbwilden Longhorn-Rinder und waren nach der Ausrottung der großen Bisonherden um 1870 von Südtexas bis nach Montana und von New Mexico bis Kansas unterwegs. Sie waren bis zur Einzäunung des Landes und der Verdrängung der mageren Longhorn-Rinder durch die schweren Hereford-Rinder quasi Subunternehmer, die zu gleichen Anteilen am Verkaufserlös der Tiere beteiligt wurden. Cowboys kamen aus allen Klassen und verschiedenen Nationalitäten mit unterschiedlicher Hautfarbe. Kein Berufsstand zeichnete sich durch einen ausgeprägteren Antirassismus aus.

Im Viehtrieb zeigte sich eine Freiheit, die mit Bereicherung auf Kosten anderer nichts zu tun hatte. Keine andere Berufsgruppe hatte ein solches Maß an persönlicher Freiheit, die Cowboys verachteten geregelte Arbeit, die Kirchen und das Streben nach Besitz. Ihre Dogmen war die Natur und das Leben, die Tabus der "zivilisierten" Welt waren ihnen fremd. Der Himmel und die Erde gehörten allen, sexuelle Tabus waren hier, wo die Söhne von Adligen neben denen von Bauern und Sklaven saßen, lächerlich. Dabei war die Gewaltkriminalität in der Cowboygesellschaft die geringste in den USA. Dennoch galt die Lebensweise der Cowboys genauso wie die Kultur der Mountain-Men den Protestanten, den Puritanern und den Großgrundbesitzern als Verkörperung von Sodom und Gomorra.

Halstücher und breitkrempige Hüte

Die sich durchsetzende kapitalistische Marktordnung: der Aufbau der Rinderfarmen in den Plains und der Siegeszug der Yankees führten zur Zerstörung der im täglichen Plebiszit verwirklichten Demokratie der Cowboy-Gesellschaft. Zwar gab es blutige Konflikte zwischen freien Cowboys und Rinderfarmern bis hin zu bewaffneten Kleinkriegen mit einzelnen Großagrariern, doch nach 1880 war die große Zeit der Cowboys vorbei. Während Texas mit einem Netz von Stacheldrahtzäunen und Öltürmen überzogen wurde und die letzten Comanchen in ihren erbärmlichen Reservationen fast verhungerten, zogen vereinzelte Reiter noch als Revolverhelden durch das Indianerterritorium und wurden als Desperados gejagt. Als white trash teilten viele einstige Cowboys das Schicksal ihrer gebrochenen indianischen Brüder in den Reservaten. Die meisten endeten in der Gosse, viele am Galgen. Alle, die nach ihnen kamen - die Goldsucher, Eisenbahnbauer, Prostituierten, die Siedlertrecks - waren klassische Gründergeneration, die den Westen eroberte, um sich eine bürgerliche Existenz aufzubauen.

Vor den Stacheldrahtzäunen, an den Öltürmen, an den Sheriffs Offices von den Großagrariern bezahlter Marshalls - überall in der einst freien Prärie hingen Schilder: Dead or alive. Darunter das Konterfei von "Pferdedieben" - Männern, die Weidezäune zerschnitten hatten, Halbblutindianern, Männern mit Halstüchern und breitkrempigen Hüten. George W. Bush verwendete diese Phrase, als er sich auf die Jagd nach den Taleban machte. Er sprach aus Erfahrung: Seine Gesinnungsgenossen waren es, die die Bisons abschlachteten, um den Nomadendemokratien der Sioux, Comanchen und der anderen ausgerotteten Kulturen ihre Lebensgrundlage zu entziehen. Seine Vorfahren waren es, die den freien Westen mit ihren Terrorkommandos überzogen und die Cowboys zusammenschossen.

Bush ist es, der für seine Clans aus der Ölindustrie den größten Nationalpark Alaskas schleifen möchte und damit die Existenz der dort ansässigen Indianer zerstört. Er unterschrieb Todesurteile am Fließband, so wie seine Vorfahren jeden sich bewegenden Menschen an ihren Stacheldrahtzäunen zum Desperado werden ließen - er steht in der Tradition der texanischen Ölbarone, die das Beste ermordeten, was die amerikanische Tradition jemals hervorgebracht hat. Er steht gegen den verwirklichten Traum eines Zusammenlebens von Menschen verschiedener Herkunft und Hautfarbe, von indigenen und eingewanderten Amerikanern. Er steht für den Verrat am Traum der Siedler von 1776, gegen die Verwirklichung der Demokratie im amerikanischen Westen. - Wer immer auch George W. Bush gewählt hat, die Erben der Cowboys und Mountain Men können es nicht gewesen sein. Dieser Präsident ist so wenig ein Cowboy wie General Custer ein Indianer oder Axel Springer ein 68er war.

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00:00 12.04.2002

Ausgabe 38/2020

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