Call Center des Westens

Das urbane Indien Unterwegs zur ökonomischen Weltmacht?

Als ich vor zehn Jahren nach Indien kam, diskutierten alle über die "Manmohanomics". Manmohan Singh, Finanzminister der Kongress-Regierung von Premier Narasimha Rao, hatte gerade sein Konzept einer behutsamen Öffnung zum Weltmarkt vorgestellt. Damals fuhren auf den Straßen von Bombay, Kalkutta oder Delhi mit Maruti und Ambassador nur zwei Autotypen aus eigener Produktion, zugleich funktionierte das größte Eisenbahnnetz der Welt mit seinem ausgeklügelten Platzreservierungssystem nahezu reibungslos ohne Computer, desgleichen die Banken. Das war 1994.

Good Morning, Texas

Was mich an Indien immer beeindruckt hat, ist das Konzept der angepassten Technologie. Ein kleiner Junge repariert mit einem Backstein, zwei Drähten und einem Kerzenstumpf fachgerecht ein Auto, sagt die Legende. Aber ein Dorf in der Region Orissa kann vorweisen, wie die Plage einer Wasserschlingpflanze, die sich ungehemmt in Seen und Flüssen ausbreitet und den Fischbestand bedroht, in wertvolles Baumaterial verwandelt wird: Man hat ein simples Verfahren entwickelt und presst den Schädling vor Ort zu einem besonders stabilen Sperrholz. Mit bescheidenen Mitteln, wie sie Armut und Zufall in die Hand geben, großartige Lösungen zu schaffen - diese Gabe ist ein entscheidender Grund für den exemplarischen Weg, den Indien zu gehen imstande ist. Ein anderer mag im disziplinierten Willen wie auch im Wettbewerbsgeist liegen, mit dem bereits Schulkinder an die Spitze des Erfolges wollen. In Indien kommen nur die Besten nach oben, wird häufig kolportiert. In der Tat: Die Besten können - Kastensystem und Herkunft zum Trotz - wirklich nach oben kommen. Dieses Motiv treibt Ambili - die arme Putzfrau aus Tamil Nadu - Tag und Nacht an, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hat, ihre Tochter Kalpana auf eine private Eliteschule zu schicken, die ein hohes Schulgeld verlangt. Ihr Vorbild ist ein Mann aus der ärmsten Fischerkaste ihres Heimatstaates, der Leiter der Indian Space Research Organisation (ISRO) war, dann wissenschaftlicher Regierungsberater und schließlich Präsident wurde: Abdul Kalam. Ein anderes Beispiel: Wenn es dunkel wird in Delhi, verwandelt sich Poonam Sharma in "Cindy". Sie setzt die Kopfhörer auf und schaltet um - von Hindi auf American-English mit breitem Texas-Akzent. Während sie die letzten Nachrichten und die Ergebnisse des gestrigen Fußballspiels in Houston überfliegt, klingelt das Telefon, und der kühle, regnerische Morgen von San Antonio springt mit Temperatur- und Windangaben auf ihren Computerscreen. Der Anrufer, der auf der anderen Seite des Globus die gebührenfreie Support-Nummer seiner Kreditkartenfirma gewählt hat, um sich beraten zu lassen und an diesem tristen Morgen auch ein wenig über den fabelhaften Sieg der Texas Cowboys von gestern Abend zu plaudern, käme nicht im Traum auf die Idee, mit einem Call Center in Delhi verbunden zu sein.

Pro Monat eine Million Mobiltelefone

In Indien gibt es heute etwa 1.500 derartiger Service-Unternehmen mit 100.000 Arbeitsplätzen, in denen 24 Stunden am Tag 160.000 hochqualifizierte junge Leute mehr als eine Million Beratungsgespräche mit Kunden im Westen - vorzugsweise in den USA und Großbritannien - führen. Es geht um ein Zwei-Milliarden-Dollar-Geschäft, sind indische Call Center doch mit einem Umsatzplus von 68 Prozent im Vorjahr gerade dabei, weltweit die "Nummer Eins" zu werden. Für viele global operierende Unternehmen ist es höchst lukrativ, ihren Beratungsservice nach Indien auszulagern. Die Telefonkosten für die Verbindung Texas - Delhi sind niedriger als für die Strecke Texas - New York. Indien hat nach den USA das zweitgrößte nationale Satellitensystem und derzeit die niedrigsten Telefongebühren der Welt. Poonam Sharma verdient in ihrem Call Center nur ein Siebtel des Gehaltes ihrer amerikanischen Kollegen, aber immerhin das Vierfache des indischen Durchschnitts-Angestellten. Poonam sortiert sich damit in eine expandierende Mittelklasse ein, die mit ihrem Konsumverhalten den Markt für Fernsehgeräte, Mobiltelefone und Autos expandieren lässt. Pro Tag werden derzeit in Indien durchschnittlich 10.000 Motorräder verkauft, pro Monat eine Million Mobiltelefone. Kreditkarten erfreuen sich wachsender Beliebtheit, 1999 hat die erste Einkaufs-Mall in Delhi eröffnet, 2000 die zweite, momentan gibt es in Indien mehr als 200. Sie schießen wie Pilze aus dem Boden.

Eine der jüngste Nationen

Nicht nur der Kostenfaktor macht das Land zum Call Center des Westens, der mit dem steigendem Durchschnittsalter seiner Bevölkerung erleben muss, wie qualifizierte lebendige Arbeit zu schrumpfen beginnt oder auswandert. In Indien hingegen lebt heute eine der jüngsten Nationen dieser Erde. 54 Prozent seiner Bevölkerung sind unter 25 Jahre alt. Die Altersgruppe der 15- bis 59-Jährigen, die 1991 56 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte, hat diesen Anteil 2001 auf 59 Prozent erhöht und dürfte 2006 voraussichtlich bei 62 Prozent stehen - ein Arbeitskräftereservoir und Konsumentenpotenzial von 747 Millionen Menschen, mehr als die für 2006 hochgerechnete Gesamtpopulation Europas. So überrascht es nicht, dass ein BRIC-Report - er gilt Brasilien, Russland, Indien und China - des amerikanischen Goldman-Sachs-Institutes prophezeit, in 30 Jahren könnte Indien nach den USA und China zur drittgrößten Wirtschaftsmacht aufgestiegen sein. Auch wenn man derartige Prognosen mit Vorsicht genießen sollte. Nach diesem Report soll China den Höhepunkt seines Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums früher erreichen als Indien, danach aber - wegen seiner Ein-Kind-Politik - einen scharfen Abfall hinnehmen müssen.

Permanente Grüne Revolution

Rückgrat der indischen Ökonomie bleibt die Landwirtschaft. Dank agrarwissenschaftlicher Forschung, Bewässerungstechnik und großer Staudämme feierte das Land bereits in den sechziger Jahren eine "Grüne Revolution", allmählich schwand der Hunger - zwischenzeitlich werden Getreide, Zucker, Öl, Reis, Gemüse, Milch und Seafood im Überschuss produziert. Selbst nachdem die Food Corporation of India riesige Weizenreserven deponieren ließ, von denen dem Vernehmen nach die gesamte Bevölkerung vier Jahre lang ernährt werden könnte, bleibt ein Exportüberschuss. Die jährliche Kartoffelproduktion etwa beträgt mehr als ein Dreifaches des indischen Eigenbedarfs. Die Agrarproduktion wachse so rasant, besagen Prognosen, dass sie bei voller Ausschöpfung ihrer Kapazitäten in zehn Jahren in der Lage wäre, den gesamten Globus zu ernähren. Diese euphorischen Prophezeiungen lassen unerwähnt, dass der südasiatische Subkontinent 2003 einen Jahrhundertmonsun erlebte, so dass sogar die Wüsten in Rajastan zu sprießen begannen. Indien verzeichnete Rekordernten, höhere Einkommen, einen höheren Konsum - eine Kettenreaktion, von der die gesamte Ökonomie erfasst wurde. Die Industrieproduktion kam im Vorjahr auf ein Plus von über acht Prozent, Transport und Kommunikation verbuchten einen Zuwachs von fast neun Prozent, der Verkauf von Immobilien lag bei plus sieben Prozent. Mit einer Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 8,4 Prozent konnte Indien erstmals mit China, der dynamischsten Ökonomie der Welt, gleichziehen.

Die Fischer von Villianur

Mitte der achtziger Jahre hatte Indien - damals noch Entwicklungsland durch und durch - einige Unternehmen in den USA um Hilfe bei der Entwicklung eines Supercomputers gebeten und demütigende Bedingungen hinnehmen müssen. Heute suchen Giganten wie IBM, Matsushita, General Electric und ExxonMobil die Forschungskooperation mit indischen IT-Firmen. Bangalore in Südindien ist zu einem der wichtigsten Software-Zentren der Welt geworden. Indische Banken wie ICICI oder HDFC bieten inzwischen einen Service an, der sich mit Instituten wie der Citibank, der Deutschen Bank oder ABM Amro messen kann, die im Ranking auf dem indischen Finanzmarkt an Boden verloren haben. Sogar die gute alte State Bank of India betreibt heute Geldautomaten im ganzen Land. Auch das Fischerdorf Villianur an der Küste von Pondicherry beherbergt inzwischen ein Informations- und Kommunikationszentrum mit Telefon und Internet, um die Wetterentwicklung in der Bucht von Bengalen zu beobachten. Beste Quelle ist die Website der US-Navy, die laufend ins Tamilische übersetzt und ausgewertet wird. Einmal am Tag werden in allen umliegenden Orten per Megaphon die aktuellen Nachrichten über Seegang und Windgeschwindigkeit verlesen. Die Region wird oft von Wirbelstürmen heimgesucht, die das Ausfahren zum Fischfang früher oft als lebensgefährliches Risiko erscheinen ließen. Dank der Kommunikationsbasis von Pondicherry muss sich dem kein Fischer mehr aussetzen.

00:00 16.01.2004

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