Cherchez la Femme

Ausstellung Die bekannten Maler der Berliner Republik sind Eder, Richter, Rauch und Scheibitz. Es wird Zeit, nun auch Künstlerinnen wie Corinne Wasmuht zu entdecken
Christoph Bannat | Ausgabe 07/2014

Man braucht nur ihre Nachnamen zu nennen, Scheibitz, Eder, Richter, Rauch, Ackermann, Havekost, Majerus, und schon entsteht vor dem inneren Auge die Kunstszene der Berliner Republik der Nullerjahre. Alles malende Männer. Alles Tafelbildhörige. Wie aber hießen die malenden Frauen der Jahrtausendwende, und wo sind sie heute? Nur langsam kommen ihre Namen. Katharina Grosse, Monika Baer, Amelie von Wulffen, Corinne Wasmuht. Dann stockt die Aufzählung.

Vielleicht weil ihre Arbeiten widerständiger sind? Ihre männlichen Kollegen akzeptieren, scheinbar widerspruchslos, das Tafelbild als ihren Malgrund. Sie hingegen folgten, wenn auch in abgemilderter Form, eher einem kritischen Ikonoklasmus, Kennzeichen der Moderne. Katharina Grosse geht über die Leinwand hinaus in den Raum, Monika Baer verweist auf das Bild als Objekt, Amelie von Wulffen dekonstruiert den Bildträger. Die Ausnahme ist Corinne Wasmuht. Sie ist die Einzige, die sich ganz aufs Tafelbild in seiner klassischen Form konzentriert. Selbst Vorzeichnungen oder Skizzen sind von ihr nicht bekannt.

Corinne Wasmuht wurde 1964 in Dortmund geboren, aufgewachsen ist sie in Peru und Argentinien. Wie auch Monika Baer und Katharina Grosse hat sie in den achtziger Jahren an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, bei Alfonso Hüppi. Seit 2006 ist sie Professorin an der Kunstakademie Karlsruhe. In der Sprache des Kunstmarkts ist sie ein erfolgreicher Longseller. Kontinuierlich arbeitet sie, heute an bis zu sieben Meter langen Bildern, und das mit stetig steigendem Erfolg. So hat sie es zu einer festen Größe gebracht, wenn auch im Stillen, verglichen mit der medialen Präsenz ihrer männlichen Kollegen. Einer Peergroup oder einem festen Zirkel gehörte sie nie an.

Ein Longseller

Während sich für andere Künstler der Nullerjahre heute die Frage stellt, ob sie ihrer künstlerischen Biografie noch eine neue Wendung hinzuzufügen vermögen, scheint diese Frage für Corinne Wasmuht irrelevant zu sein. Ihre Entwicklung ist eine stetige, nicht von Brüchen gekennzeichnet. Eine Retrospektive, wie sie jetzt in der Kunsthalle zu Kiel zu sehen ist, liefert dafür den Beweis. Von Mikro/Makrostruktur-Tableau-Bildern hin zu raumgreifenden, wenn auch gebrochenen, zentralperspektivisch geprägten Panoramen. Nur ein bis zwei davon entstehen pro Jahr. Angefangen hat Wasmuht mit kaleidoskopischen Feuerbildern, es folgten Haarstrukturen und hart umrandete Aufschnitte von Muskel- und Zellstrukturen, wie man sie aus Medizinbüchern kennt. Wunderbare artistische Fingerübungen waren diese malerischen Zellteilungen für die spätere Bewältigung auf kaum überschaubaren sieben mal zwei Meter großen Leinwänden. Mit den großen Formaten wurde sie einem größeren Kreis bekannt.

Fundus Internet

Ende der Neunziger beginnt sie diese Serie von überblendeten, gebrochenen, gemorphten, solarisierten und verpixelten Mehrfachperspektiv-Motiven mit architektonischen Verweisen. Minutiös geplant, recherchiert im allgemeinen Bilderfundus von Internet und Printmedien, gesammelt und thematisch in persönlichen Bilderordnern archiviert. Aus diesen Materialsammlungen entstehen zunächst am Computer die Panoramen, um anschließend auf Leinwand projiziert zu werden. Geht es beim computerisierten Bild um die Berechenbarkeit von Bildern, so schließt Corinne Wasmuht diese mit der malerischen Unberechenbarkeit kurz. Dieser Kurzschluss erzeugt eine zeitgemäße Spannung, zwischen neuem Medium und alter Geste. Zwischen der Naturhaftigkeit von Drippings, Wischern und Klecksen, wie sie beim Malen entstehen, und der grob verpixelten und damit versachlichten Kantigkeit digitaler Bilder.

Im Detail sieht das wie die Ironisierung von Gerhard Richters Rakel-Bildern aus. Allein, daraus lässt sich kein Oeuvre bauen. Dazu kommt der heroische Aufopferungsakt dieser Durchhaltebilder, die über Monate in kleinteiliger Handarbeit entstehen. Ein Versuch, von Assistenten vormalen zu lassen, scheiterte. Doch muss der Kraftaufwand im reizvollen Verhältnis zum Bildinhalt stehen. Ein artistischer Balanceakt, der hier scheinbar spielerisch gelingt. Das Penible steht bei ihr nie im Vordergrund. Der Betrachter liest diese Bildökonomie, wenn auch unbewusst, immer mit. Gleichzeitig steht sie, mit ihrer Übersetzung von digitalen Bildern in analoge Malerei, in einer Linie mit Gerhard Richter, der den Beweis lieferte, dass unscharfe Bilder nicht weniger als scharfe erzählen. Mit Sigmar Polke, der uns vom malerischen Kunstwerk in Zeiten technischer Reproduktion erzählt, indem er Rasterpunkte nachmalt, und mit Luc Tymans, der Bilder vor dem Erscheinen oder vor dem Verschwinden malt.

Und die malenden Jungs der Berliner Republik? Vergleicht man ihre Bilder mit Corinne Wasmuhts Arbeiten, so kommen sie einem, entgegen aller Klischees von männlicher und weiblicher Kunst, sentimental vor. Wasmuhts Bilder erscheinen dagegen kühl, konzeptuell. Aber vielleicht ist ja das die große Freiheit der Frauen: Warum sollten sie sich auch auf eine männlich geprägte Kunstgeschichtsschreibung beziehen, von der sie jahrhundertelang ausgeschlossen waren?

Corinne Wasmuht: Supraflux
Kunsthalle zu Kiel 15. Februar bis 19. Juni 2014

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